Die Spiele der Anderen

David Weigend

15.45 Uhr, Dreisamstadion. Heimsieg gegen Koblenz. Doch die Gesichter der Zuschauer sind traurig bis ausdruckslos. Die Stimmung gleicht dem Empfinden einer Schulklasse, der gesagt wird, dass die ersehnte Klassenfahrt wider Erwarten doch nicht stattfindet. Bevor die Mannschaft auseinanderfällt, tanzt sie ein letztes Mal im Kreis.



 Die Wege, die SC-Fans für dieses Spiel zurücklegen, sind lang. Kilian Becker, 34, ist aus Hamburg angereist. Zwei Freiburger Aufstiege hat er bereits aus Wurfentfernung gesehen. "Ich bewahre immer noch Gras vom Aufstiegsrasen auf. Duisburg, 7. Mai 1994 und Wattenscheid, das war irgendwann 1998."


Dieses Gras ist inzwischen Heu. Und heute? Kilian lässt sich mit seinem Kumpel Joe (Anfahrt: 400 km aus München) in der "Familienecke Ost" des Dreisamstadions nieder und sagt, kurz vor Anpfiff: "Ich denke, die Geschichte muss so sein, dass Finke jetzt nochmal aufsteigt."

Wen man auch fragt, jeder glaubt insgeheim oder sagt es ganz offen, dass heute Nachmittag "das Wunder von Freiburg" stattfinden wird. Die Rekordrückrunde, von 14 auf 3, vom Fast-Regionalligisten zum Beinah-Erstligisten.



 Die Plakate im Stadion zeugen von Respekt, Versöhnung, ja sturer Verbundenheit. Man liest "Danke, Volker!", "Wir bleiben Finke" und beim Badnerlied stehen sogar die Besucher der Haupttribüne im ausverkauften Stadion.

Mit dem Anpfiff geht bei den meisten Zuschauern auch der Knopf des Miniradios (Kilian hört "leider" SWR 1) respektive der Display des Handys an. Man verfolgt die Spielstände der Aufstiegskontrahenten Rostock und Dusiburg parallel. Die Spiele der Anderen.



Es ist der Bundestrainer höchstpersönlich, der mit einer lässigen Drehbewegung die Journalisten auf den Pressesitzen hinter ihm informiert, und zwar von den aus Freiburger Sicht unerfreulichen Zwischenständen.

Wo man auch sitzt oder steht, irgendwo schaut einer auf die Bildfläche seines Telefons und verzieht den Mund, als ob er gerade die Kurzmitteilung "Deine Frau geht fremd" empfange. Doch was da steht, ist viel schlimmer: "hansa-u'hach 2:0" oder, später "msv-rwe 3:0".



In der Halbzeitpause ist man noch guter Dinge. Riether hat den SCF in Führung geschossen und bei Duisburg steht es noch Nullnull. Als Matmour in der 57. Minute auf 2-0 für den SC erhöht, herrscht Nie-mehr-Zweite-Ligalaune.

Drei Minuten später erhöht Daun für Duisburg auf 2-0. Die geballten Siegerfäuste entspannen sich, Lethargie ermattet die Zuschauer. Selbst Iashis verschossener Elfmeter in Minute 68 sorgt für vergleichbar wenig Aufregung. Das ist deshalb erstaunlich, weil es zu diesem Zeitpunkt in Rostock nur 2-1 für die Hausherren steht. Hätte Unterhaching den Ausgleich geschafft, wäre das 3-0 von Iashvili wegen der Tordifferenz entscheidend gewesen.



Die letzten 20 Minuten verlaufen vor ruhiger Kulisse. Rostock und Unterhaching bauen ihre Führung aus, die Chance des SC-Aufstiegs geht gegen Null. Keine Schützenhilfe, kein Aufstiegssekt. Diarras letzte Einwechslung erzeugt obligatorischen Applaus.

Der Abpfiff. Die Spieler liegen am Mittelkreis, trinken isotonische Getränke und sind traurig. Kilian erzählt später, er habe in diesem Moment nur "Scheiß Paderborn" gedacht.



Dann der große Abschied von Volker Finke. Zuerst muss der arme Mann, wie es sich publikumsgerecht gehört, mit Coulibaly einen auf Hopsasa und Ringelreihn machen, umkreist vom ganzen SC-Clan. Selbst Borne, angeblich entmachtet, hüpft mit. Immerhin, man feiert den letzten SC-Sieg unter Finke, der sich durch seinen Karlsruher Trainingsjackenwurf sogar mit dem moderaten Flügel der Ultras versöhnt haben soll.



Die Straußübergabe von Stocker erfolgt erwartet verstockt. Viel Herzlichkeit kommt da nicht rüber, doch zeichnete sich ja schon vorher ab, dass diese Dankesgeste unter öffentlichem Druck entstanden ist.

Aussagekräftiger ist da schon Finkes Abtrittsrede, bei der man an einer Stelle nicht sicher ist, ob sich der Redner versprochen hat oder ob das Gesagte so gemeint ist. Finke, seit knapp 16 Jahren SC-Trainer, sagt: "...und 14 Jahre lang konnten wir auf die Rückendeckung des Vorstands bauen." Nun ja.

Ebenso merkwürdig ist der Satz: "Wir (der Vorstand und Finke, d.Red.) hatten unterschiedliche Vorstellungen zur Weichenstellung in diesem Verein." Diesen Euphemismus wiederholt der Fußballlehrer auf der anschließenden Pressekonferenz. Er will wohl keine Scherben hinterlassen.



Nachdem Finke, schlendernd und die Linke in der Hosentasche vergraben, ausgesprochen hat, emotional und bewegend, nachdem er appeliert hat, der SC dürfe nicht die Kopie von einem anderen Verein werden, übergibt er das Mikrofon an Achim Sarstedt, dessen Stimme für viele im Stadion ein jungfräuliches, auditives Erlebnis darstellt. Der ewige Co-Trainer verheddert sich jedoch in arg theoretischen Relativsätzen.

Bei vielen kommt die Message nicht rüber: "Die Relativität der Leistungsfähigkeit einzuordnen, das ist..."



Kilian mag da schon nicht mehr zuhören. Als er die Osttribüne verlassen hat, hört er noch "Always on my Mind" von Elvis Presley von weitem durch die Stadionboxen.

Es wird eine lange Heimfahrt. Neues Gras hat Kilian keines dabei.

Hier noch 2 Videos:


Der Abpfiff