Die Southside-Bilanz

Carolin Buchheim

Das Zelt und die schlammigen Gummistiefel liegen schon wieder im Keller, Nase und Stirn sind Sonnenbrand-dekoriert und gähnend hat man sich durch den Montag geschleppt: Das Southside-Festival 2007 ist vorbei und das normale Leben hat einen wieder. Caro zieht die Festival-Bilanz. [Mit großer Foto-Galerie!]



Festivals sind fast immer anders, als man erwartet.

Wappnet man sich vorsorglich mit Fleece-Jacke, Himalaya-getesten Schlafsack und sturmgeprüfter Regenjacke, wird das Wetter bestimmt brüllend heiß und staubig trocken. Bringt man, nach den Erfahrungen des Vorjahres, wenig wärmende Kleidung und stattdessen Sonnenmilch mit Schutzfaktor 60 mit, wird es bestimmt nasskalt und schlammig. Und freut man sich schon Monate vorher auf die Lieblingsband, verpasst man die beim Festival bestimmt, weil die beste Freundin von einem Crowdsurfer ausgeknockt wird, oder weil die Mitfahrgelegenheit schon nach Hause will.

Das mit der ausgeknockten Freundin ist mir im letzten Sommer passiert, auf dem Immergut-Festival in Neustrelitz (ausgerechnet bei Tomtes "Walter und Gail"), und das mit der Mitfahrgelegenheit am Sonntag Abend: Ich hoffe, irgendwer von Euch hat den Interpol-Gig auf dem Southside für mich mit genossen, während ich mit blutendem Herzen zurück nach Freiburg fuhr. Wie sah Paul Banks aus? Wie schlimm hat Carlos herumgepost? Wie viele der neuen Songs haben sie gespielt?

Nunja. Vorbei. Wie das ganze Festival.



Auch für das Southside im Großen und Ganzen ist vieles anders gekommen, als geplant: Nach dem Unfall am Donnerstag, bei dem ein Sanitäter der Johanniter-Unfallhilfe ums Leben gekommen war, und ein weiterer so schwer verletzt wurde, dass er immer noch in kritischem Zustand im Krankenhaus liegt, mussten die Veranstalter von FKP Scorpio das gesamte Programm im Soundwave-Zelt absagen: Ein Drittel des Festival-Programms. Meiner Meinung nach war es das experimentelle, spannende Drittel und die Absage ein großer Verlust für das Festival.

Jammern darüber war in Anbetracht des Todesfall natürlich nicht angesagt. Den Festivalbesuchern wurde zwar angeboten ihre Bändchen bis Freitag Abend zurückzugeben und den Ticketpreis erstattet zu bekommen; Ob irgendwer das tatsächlich gemacht hat, war jedoch nicht herauszubekommen.

Es war mein erstes Southside, und der erste Anblick am Samstag Mittag war ein kleiner Schock: Schmierig verschlammt war es da, das Festival und seine Besucher. Zwar kam von oben kein Regen mehr, aber das wichtigste Accessoire des Tages waren eindeutig ein paar schicke Gummistiefel, wie Dirk dann auch gleich wunderbar dokumentierthat.

Beim Anblick der vielen schmutzigen Klamotten und glücklich betrunkenen Gesichter der anderen Festivalteilnehmer fühlte ich mich wie jemand, der viel zu spät zu einer guten Party kommt: Ziemlich lahm. Zum Glück konnten das erste Bier, die ersten Schlammspritzer auf den Klamotten und die ersten Gigs dieses unangenehme Gefühl schnell beheben.

Die Kings of Leon wirkten auf der Green Stage, der Main Stage des Festivals, zwar noch reichlich verloren, ihre Ohrwurm-Songs kamen am Samstag nicht über die "Ist ja schon nett, so"-Phase hinaus; Juliette & The Licks hingegen brannten die schlammbeworfene Blue Stage förmlich nieder. Fräulein Lewis hat mich persönlich musikalisch zwar nie so begeistern können wie in ihren Filmen, aber im Fotograben stehend musste ich doch ein, zwei Mal meine Kinnlade manuell wieder hochheben, so angenehm artsy-fartsy rockte sie mit ihrer Band daher.

Detailverliebtheit des Gigs: Die extrem laut kreischenden weiblichen Licks-Lovers in der ersten Reihe.



Das absolute Highlight des Samstag waren für mich ganz klar Sonic Youth.

Bei Gigs von Bands diesen Formats hat man oft die berechtigte Angst, man könne Zeuge werden, wie die Idole von einst sich demontieren. Beim Sonic Youth-Southside-Gig war diese Befürchtung jedoch unbegründet.

Auch heute, drei Tage später, leide ich noch an akutem Fangirlismus was Thurston Moore (Bild oben), Lee Ranaldo und Kim Gordon angeht und kann kaum vom Gig erzählen, ohne in Lobeshymnen zu verfallen. Im Gegensatz zu den aktuellen "Daydream Nation"-Gigs, die die Band in diesem Sommer außerhalb von Festivals spielt und bei denen sie ausschließlich die Tracks des Hit-Album von 1988 spielen, lieferten Sonic Youth ein "Rather Ripped"-lastiges Set voller Energie, Melodien und hinreissendem Gitarren-Dröhnen.

Thorston Moore zwang seine Gitarre nicht nur mit einem Drumstick in die Kapitulation, sondern spielte sie auch an der Bühne, der Barrikade und einer Kamerafrau; Lee Ranaldo demonstrierte Live die Wunder der Third-Bridge-Technik mit Schraubenzieher und die wunderbare Kim Gordon ließ nicht nur den Bass wummern sondern tanzte auch über die Bühne. Das alles im Sonnenschein: Perfekt!

Detailverliebtheit des Gigs: Die saugeilen Sneaker, die Thorston Moore anhatte, waren übrigens Dinosaur Jr. Nike Dunks SB.



Placebo
spielten später im Sonnenuntergang einen typischen Placebo-Gig: Einstündige Variationen auf einen Song, mit steigender Geschwindigkeit heruntergespielt. Brian Molko (Bild oben) schien während des Auftritts extrem gutgelaunt aber ein wenig verloren; Der Gig fand aber regen Anklang und die Fans schienen glücklich: Mehr musste man ja auch nicht erwarten.

Spät am Abend konnte man dann aber doch noch Idolen bei der Selbst-Demontage zuschauen: Hallo, Pearl Jam!



Während des Gig versuchten Freunde, Kollegen und ich, adäquate Beschreibungen für die Performance von Herrn Vedder (Bild oben) und Konsorten zu finden: Von "Alt-Herren-Grunge" über "als müssten sie dringend die Hypothek für das neue, größere Haus einspielen" bis hin zu "wie Jim Morrison drei Tage vor der Badewanne" fiel so manches böse Wort. Und leider trafen sie auch alle zu.

Der auf der Bühne Rotwein-trinkende Vedder war so gerade eben an seiner charakteristischen Stimme zu erkennen, während seine Kollegen sich, im Gymnasial-Lehrer-Outfit und Vokuhila-Frisuren, in der gespielten Rock-Pose ergingen. Es war eine in den Details zutiefst deprimierende Performance, die trotz allem natürlich groß bejubelt wurde.

"Kurt Cobain hat es schon richtig gemacht"
, meinte mein Kumpel Matze nach dem Gig.

Traurig, aber wahr.



Der Sonntag brachte dem Southside und seinen Besuchern schließlich Hitze, Sonnenbrand und zu Staub getrockneten Schlamm. Endlich konnten die Gummistiefel abgelegt werden; Zum wichtigste Acccessoire des Tages avancierten selbstgebaute Tetra-Pack-Duct-Tape Getränke-Taschen.

Frank Black musste seinen Alkohol sicher nicht in Tetra-Packs anschleppen: Er performte auf der Blue Stage scheinbar im Vollrausch. Auf der gleichen Bühne gab es bei Modest Mouse später tolle Songs und ziemlich verquere Band-Dynamik zu bewundern.



Frontmann Isaac Brock (Bild oben) und der wohl berühmteste Band-Neu-Einsteiger der vergangenen Jahre, Ex-The-Smiths-Mann Johnny Marr und Bandkollegen hatten sowas von gar keine Band-Chemie laufen, dass es einen beim Zusehen, trotz der tollen Songs, geradezu fror. Die gesamte Band spielte mit einer aggressiven Verzweiflung und fast ohne Kommunikation untereinander: Da erscheinen die Gerüchte, die Verletzungen diverser Bandmitglieder, die im vergangenen Monat zur Absage einiger Deutschland-Gigs geführt hatten, seien bei einer Band-Prügelei entstanden, gleich viel weniger absurd.

Spaß haben konnte man, wie fudder-Fotograf Markus Berger (Bild unten), beim Gig dieser tollen Band natürlich trotzdem.

Detailverliebtheit des Gigs: Die gelbe Fan-Luft-Matratze, auf der "Float on" geschrieben stand.



Vom Modest Mouse-Gig musste man schnell zur Green Stage hetzen, um ja nicht den wohl besten Gig des Festivals zu verpassen: Arcade Fire hatten sich versammelt, um, ja, um was eigentlich? Gute Frage. Irgendwas mit Musik haben sie gemacht.

Das Wort "Band" passt eigentlich so gar nicht zur Menschenansammlung aus Montréal um das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne, denn Band, das hört sich nach verteilten Rollen an, nach einem Gitarristen, einem Drummer und einem Sänger, und so genau verteilte Rollen gibt es bei Arcade Fire nun einmal nicht: Jeder darf mal an alles ran, und gesungen und geschrieen wird sowieso im Chor von allen.



Spreeblicks Johnny Haeusler schlug vor einigen Jahren einmal vor, man solle sich doch einmal die "Kelly Family auf Acid" vorstellen, dann hätte man einen ungefähren Eindruck von der Bühnenpräsenz von Arcade Fire; Besser kann man die Intensität, mit der bei Arcade Fire Musik gemacht wird eigentlich kaum beschreiben.

Arcade Fire bearbeiten mit Pathos und an Wahn grenzender Leidenschaft ihre Instrumente und Gefühle und so die Gefühle des Publikums. Ein Arcade Fire-Auftritt hat etwas verwirrend religiös-therapeutisches: Vielleicht sind Win Butler und Co. einfach die schönste Musiktherapiegruppe der Welt.



Der Auftritt war randvoll gepackt mit kollektiv gesungenen "Ooooooohs" und "Aaaaaahs", die zum Mitsingen und die-Arme-in-Ekstase-nach-Oben-werfen verführten und allen Lieblingssongs der letzten beiden Alben "Funeral" und "Neon Bible". Einzig "Wake Up" habe ich schmerzlich vermisst. Es wurde wild getrommelt und Akkordeon gespielt und überhaupt war es wunderbar enthemmt und toll und schön und perfekt. Sprachlos machend schön.

Detailverliebtheiten des Gigs:  Im Graben vor der Bühne standen während des gesamten Konzerts die Herren der Band Mumm-Ra, und ooohten und aaaahten, wie der Rest  des Publikums, begeistert mit.

Noch viel besser: Während Arcade Fire einen der letzten Songs spielten, konnte man um die Sonne einen 22° Halosehen. Das ist ein Lichteffekt, bei dem Eiskristalle in Cirruswolken der Sonne einen Regenbogen verpassen. Eiskristalle, die der Sonne einen Regenbogen machen: Ein schöneres Bild könnte es für Arcade Fire nicht geben.



Bright Eyes
' Conor Oberst arbeitete später auf der Blue Stage eifrig am Ende seines Emoboy-Image: Mit schulterlangen Haare, weißem Anzug und Spiegelbrille und begleitet von ebenfalls weiß-gekleideter Band und Streichergruppe verpasste der Herr aus Omaha dem Southside ein wenig Las Vegas-Flair. Conor Oberst auf dem Weg vom Emoboy direkt zur Fat-Elvis-Phase seiner Karriere? Irgendwie schon. Nur ohne Fettsein.

Oberst spielte einen schönen Gig mit gutem Sound, bei dem die Tracks seines aktuellen Albums "Cassadaga" dominierten. 

Detailverliebtheit des Gigs:
Die Reflektion des Festivalpublikums in Conor Obersts verspiegelter Sonnenbrille.

Kurz bevor meine Mitfahrgelegenheit sich wieder nach Freiburg aufmachte, guckte ich mir noch den Bloc Party-Gig an. Sänger Kele Okereke ließ sich von Problemen mit seinem Gitarren-Strap nicht die Laune verderben, und grinste so glücklich wie immer. Der Teil, den ich noch sehen konnte war, war ausgelassen und schön wie immer.

Detailverliebtheit des Gigs: Der Haarschnitt von Gitarrist Russell Lissack, der aussah, wie extra für dessen hängende Kopfhaltung geschnitten.



Für mich war beim Southside 2007 so vieles anders als erwartet: Aus Gründen außerhalb meiner Kontrolle kam ich zu spät  und musste zu früh gehen, viele Bands, die ich sehen wollte, traten gar nicht erst auf und diverse Auftritte, die ich sehen wollte, habe ich zwangsläufig verpasst.

Aber schön war es trotzdem.

Southside, Wir sehen uns im nächsten Jahr!

Mehr dazu:


fudder-Southside 2007-Coverage

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