Die Soundbastler

Bernhard Amelung

Sie produzieren Clubmusik – dank digitaler Technik bequem von zu Hause aus. fudder-Autor Bernhard Amelung stellt fünf Wohnzimmerklangtüftler vor - und erklärt, mit welcher Software man selbst anfangen kann, Sounds zu basteln.



Digitale Technologien haben den Umgang mit Klang und Musik verändert. Mittlerweile kann jeder, der einen Computer, ein Smartphone oder Tablet besitzt, zu Hause oder unterwegs seine musikalischen Ideen festhalten und Songs produzieren.


Der Vorteil für Einsteiger: Sie müssen keine Noten oder Spieltechniken mehr lernen. Sie brauchen nur eine leistungsstarke Soundkarte, Kopfhörer und Musiksoftware wie FL Studio oder Ableton und können sofort loslegen. Auch in der Region Freiburg haben viele Klangtüftler ein Studio in ihrer Wohnung eingerichtet. Ihre Zahl lässt sich nicht schätzen. Einige dieser Wohnzimmerproduzenten haben sich musikalisch jedoch so stark entwickelt, dass sie ihre Stücke inzwischen ganz klassisch veröffentlichen –  als Vinylschallplatte.

Liquid Phonk

Patrick Lesser und Mirko König (Bild oben, von links) sind das Duo Liquid Phonk. Die beiden Offenburger arbeiten seit rund 15 Jahren zusammen im Studio. „Als wir angefangen haben, diente uns der Rechner lediglich als Midi-Sequenzer. Mit ihm haben wir unsere Hardware wie die Rolanc MC-505 Groovebox gesteuert. Als Software nutzten wir Micro-Logic von Emagic“, erinnert sich Lesser. Nach wie vor verwenden sie analoge Geräte. Als Midi-Sequenzer setzen sie inzwischen die Software Cubase der Hamburger Firma Steinberg ein.

Auch Software-Instrumente spielen für Lesser und König eine immer größere Rolle, so zum Beispiel die Korg Legacy Suite. Dieses Programm bildet Synthesizer des Herstellers Korg nach. Lesser und König veröffentlichen ihre Musik unter anderem auf dem Münchner Dance-Label Compost Black.

Ihr Anfängertipp: Um sich aus der Masse hervorheben zu können, muss man seinen eigenen Stil finden. Das erfordert viel  Zeit und Durchhaltevermögen – je nach Talent.



Gleis 5

Janek Hunn, 23, hat 2007 mit der Software Fruity Loops seine ersten Produzierversuche gestartet. Er findet sich in verschiedensten Spielarten der elektronischen Musik wieder, hat jedoch eine Vorliebe für dunklen, treibenden Techno entwickelt. Diesen bringt er unter dem Pseudonym Gleis 5 raus. Anfang 2014 erscheint seine erste Vinylschallplatte auf Sinnestäuschung Castor, dem neu gegründeten Label der Freiburger Techno-Veranstalter Sinnestäuschung.

m Unterschied zu vielen Wohnzimmerproduzenten hat der Kaiserstühler Hunn mehrere Instrumentalausbildungen genossen. Er spielt Klavier, Gitarre und Schlagzeug. Sein Zimmer gleicht mittlerweile einem professionellen Studio. „Mit Subwoofer und diversen Mischpulten“, sagt er. Zum Produzieren und für Live-Auftritte verwendet er die Software Ableton, den Performance-Controller Akai APC40 und Maschine von Native Instruments.

Sein Anfängertipp: Produzieren ist wie jedes andere Musikinstrument. Nichts geht über üben, üben, üben.



 

Borrowed Identity

„Als Teenager habe ich ausschließlich digital produziert und viele Samples verwendet. Mein Setup bestand nur aus den Programmen Fruity Loops und Cubase“, erzählt Christian Soukup (Bild unten). Ende 2011 tauchte der Freiburger unter seinem Alias Borrowed Identity aus dem Nichts auf. Seine wahre Identität hielt er lange verborgen. Mittlerweile hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. An den Wochenenden legt er als Disc Jockey in Clubs von Athen bis Wien auf.



Unter der Woche arbeitet er im Studio. „ Inzwischen verwende ich auch analoge Geräte und experimentiere mit alten Synthesizern der Hersteller Roland und Moog.“ Seine Vorstellung von House und Techno veröffentlicht der 23-Jährige auf Plattenlabeln wie Quintessentials oder Pets Recordings.

Sein Anfängertipp: Wichtig ist, sich selbst, die Programme oder analogen Geräte zu entdecken. Da ist ein Riesenfuhrpark hinderlich.



Rotlaub

Mit einer kostenfreien Demoversion der Software Ableton Live hat für Julian Wollny alias Rotlaub alles angefangen: Der Freiburger hat sie sich im April 2012 aus Neugier auf seinen Laptop heruntergeladen. Einen Monat lang hat er damit gearbeitet und schnell gemerkt, dass ihm das Produzieren großen Spaß bereitet. Deshalb hat er sich die Vollversion gekauft. Seither schreibt er damit seine eigenen Songs.

„Meine Musik entsteht nach wie vor am Laptop mit Ableton. Das ist ein ständiges Ausprobieren. Vom Ausgangsmaterial ist am Ende oft nur noch wenig übrig“, erzählt er. Inzwischen nutzt Wollny auch VST-Instrumente, mit denen er die Standardsounds von Ableton erweitert. Zu seinem Setup gehört außerdem ein Audio-Interface, um mit einem Kondensatormikrofon Stimmen und Instrumente aufnehmen zu können.

Sein Anfängertipp: Einfach eine der vielen Demoversionen runterladen und rausfinden, welches Programm einem liegt. Im Internet auf YouTube finden sich hilfreiche Tutorials zu den meisten Programmen.



Frederick Block

Fabian Steck nennt sich als Produzent Frederick Block. Der Mittzwanziger hat zum ersten Mal während seiner Abizeit mit der Software FL Studio, auch bekannt als Fruity Loops, und im Internet kostenfrei erhältlichen Programmen Musik gemacht. „Viel kam damals nicht bei rum. Es war ziemlich frustrierend, das eigene Ergebnis zu hören“, erinnert er sich.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet er wieder intensiv an eigenen Stücken – mit Fruity Loops, einem Midi-Keyboard und diversen VST-Instrumenten. Sein Stück „Seallug“, eine langsam groovende House-Nummer, ist im Herbst 2013 auf dem Freiburger Label Foul & Sunk erschienen. Gerade plant Steck die Ergänzung seines Heimstudios um analoge Geräte.

Sein Anfängertipp: Die Musik ist stets im Wandel. Der eigene Geschmack bleibt nie gleich. Deshalb sollte man Spaß an der Sache haben und schauen, was passiert.



 

Lucas Deer

Es gibt Tage, an denen macht Lucas Diebold (Bild unten) nichts anderes als Musik – mit Maschine von Native Instruments, Ableton und modularen Synthesizern. Dann zieht sich der 20-jährige Abiturient am Montessori Zentrum Angell in sein Heimstudio in Denzlingen zurück. Dort erweckt er seine Künstlerpersönlichkeit Lucas Deer zum Leben. Ihr haben es Melodien und Soundscapes angetan.



Als Einflüsse nennt Diebold die Komponisten Hans Zimmer und Alexandre Desplat, der unter anderem die Musik zu den Harry-Potter-Filmen geschrieben hat. Im Januar 2013 veröffentlichte Diebold ein erstes Album im Selbstverlag. 2014 soll auch von ihm eine Maxi-Single auf einem Label des Sinnestäuschung-Kollektivs erscheinen.

Sein Anfängertipp: Über den engen Tellerrand der Clubmusik hinausblicken.



 

Ran an den Klang! Die wichtigsten Musikprogramme im Überblick

Ob einfache Drum-Loops oder komplexe musikalische Strukturen: Mit folgenden Audioprogrammen können angehende Wohnzimmerproduzenten eigene Musik erstellen und bearbeiten.

Ableton
1999  gegründet, gehört Ableton mit einem Jahresumsatz von 14,7 Millionen Euro (2012) zu den Marktführern unter den Sequenzer-Programmen. Ableton eignet sich für Live-Auftritte und Homerecording gleichermaßen. Mit der Software lassen sich Instrumente spielen, Beats arrangieren und in Echtzeit bearbeiten und mischen. Zudem können die Nutzer Effekte und Presets anderer Hersteller über ein Software-Protokoll (VST, AU, ReWire) einbinden. Die Vollversion Live Suite 9 ist ab 639 Euro erhältlich.

Cubase
Cubase aus dem Hause Steinberg ist die Grande Dame unter den Digital Audio Workstation (DAW). 1989 hat das Hamburger Unternehmen die erste Version auf den Markt gebracht. Professionelle Tonstudios verwenden sie genauso wie Wohnzimmerproduzenten. Mit ihr lässt sich auch ein ganzes Symphonieorchester emulieren.   Instrumente, Effekte und Presets anderer Hersteller lassen sich mit Hilfe einer VSTi-Unterstützung einbinden. Die Vollversion kostet 599 Euro.

FL Studio
Einsteigerfreundlich, trotzdem professionell: FL Studio, ehemals Fruity Loops, ist der Quasi-Standard unter den DAW (Digital Audio Workstation).  Mittels Step-Sequenzer lassen sich rhythmische Sequenzen erzeugen, in Patterns kombinieren, und über Midi-Unterstützung mit Sounds von Keyboards oder Drum Pads mischen. Seit 2011 lassen sich auch unterwegs Beats bauen und Melodien komponieren. Die iPhone-Version gibt’s für 13,99 Euro, die iPad-Version für 17,99 Euro. Die Android-Version kostet 14,95 Euro und bietet insgesamt 133 verschiedenen Instrumente (Synthesizer und Drumkits).

Logic
Musik komponieren, aufnehmen, bearbeiten: Logic, bis zur Übernahme durch Apple im Jahr 2002 vom deutschen Unternehmen Emagic entwickelt, ist ein Software-Audio- und Midi-Sequenzer. Er enthält eine umfangreiche Datenbank mit Emulationen klassischer Synthesizer und elektromechanischer Instrumente wie beispielsweise einer Fender Rhodes. Seit 2012 ist Logic nur noch über den AppStore erhältlich und kostet 179,99 Euro. 2013 erschien mit Logic Pro X eine neue Version, die mit der kostenlosen iPad-App Logic Remote auch vom Tablet aus gesteuert werden kann.  

Mehr dazu:

[Bild 1: Jigal Fichtner, Bild 2 & 3: Privat]