Die Söhne Weingartens: Gewalt im Kiez gestern und heute

David Weigend

Weingarten ist Freiburgs bevölkerungsreichster Stadtteil. Hier wohnen auch die meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf engstem Raum zusammen. Vor zehn Jahren galt Weingarten als Problemviertel. Wie steht es heute um die Jugend zwischen Buggingerstraße und Bahnlinie? Eine Reportage mit Fotogalerie.



Im Park hinterm Einkaufszentrum trinken an einem Nachmittag im August 2010 drei arbeitslose Männer in Unterhemden. Nach zwei Stunden brüllen sie sich an und raufen am Boden. Aus Langeweile. Sie sind schon zu betrunken, um sich ernsthaft zu verletzen. Eine Clique Jugendlicher sitzt auf der Parkbank und beobachtet den Kampf amüsiert aus der Distanz: "Wie in Matrix, Mann. Die kloppen sich in Zeitlupe." Weingartener Theater, könne man sich jeden Tag anschauen, gratis. Dazu deutscher Rap aus dem Ghettoblaster und die mitgebrachte Vodka-Bull-Mischung.



Die Clique besteht aus fünf Freunden. Eine Multikulti-Gruppe, typisch für Weingarten. Ein Libanese, ein Kroate, ein Rumäne (nicht auf dem Foto), ein Deutscher und ein Pole. Normalerweise sind es noch mehr. Der Pole heißt Dennis und hat, gerade mal 18, den polnischen Adler auf seinen rechten Oberarm tätowieren lassen. Eine Narbe ziert Dennis’ Stirn. „Daran war der Alkohol Schuld“, sagt er. Vom Fahrrad sei er gefallen. „Im Alkohol steckt der Teufel drin. Wenn man trinkt, ist man besessen.“ Hassan, der Libanese, sagt: „Ich hab’ ne Prothese im Mund. Hatte den Kiefer gebrochen, war mit 2,8 Promille auf dem Fahrrad. Da hat’s mich am Lindenwäldle gegen die Stange gebällert.“

Hassan und die anderen haben die gleichen Gesprächsthemen wie die meisten ihrer Altersgenossen in Weingarten: Frauen, Partys, Kiffen, Schlägereien. Was davon Maulheldentum ist und was Realität, lässt sich nicht immer genau trennen. Auch über Waffen sprechen sie. Hassan sagt: „Du hast ein Messer? Dann giltst du als Feigling. Wenn du mit Waffen kommst, hast du keinen Stolz. Man klärt das lieber mit den Fäusten.“

Zu klären gebe es meist Ehrverletzungen. Einen „Hurensohn“ oder eine „Missgeburt“ lasse keiner auf sich sitzen. Wenn Hassan, seine Familie oder einer seiner Freunde beleidigt wird, ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, die Ehre wieder herzustellen. In der Regel im Faustkampf. Dario, der Kroate, sagt: „Ich weiß nicht, wie oft mich schon einer gefordert hat.“ Für den Fall der Fälle hätten die Jungs Schlagringe und Gaspistolen in ihren Schubladen liegen. Es sei schon vorgekommen, dass sie davon Gebrauch machen mussten, etwa, weil sie es plötzlich mit einer Überzahl an Gegnern zu tun gehabt hätten.



Nicht weit von der Tanne, unter der sich die Clique ihren Alkohol und den Joint in der Nachmittagssonne schmecken lässt, sitzt Kommissar Dieter Spitz im Polizeiposten am Binzengrün. Seit 1996 arbeitet der 47-Jährige hier als Jugendsachbearbeiter. Er trägt Zivil. In einer Ecke des Büros steht eine blaue E-Gitarre, auf der Spitz manchmal in der Mittagspause spielt; hinterm Schreibtisch lagern ein gutes Dutzend beschlagnahmter Bongs. Spitz sagt: „Die Körperverletzungen unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Weingarten sind in den vergangenen 14 Jahren leicht angestiegen. Die Täter werden immer jünger. Wir haben es hier teilweise mit 11- bis 13-Jährigen zu tun.“ Der Polizeibeamte zeigt eine ausgedruckte Statisik: 2009 gab es im Stadtteil nur fünf Jugendliche und zwei Heranwachsende, die schwere Körperverletzungen begingen; bei den leichten Körperverletzungen waren es ein paar mehr. „Dazu kommt die Dunkelziffer von Körperverletzungen, die nicht zur Anzeige kommen“, so Spitz.

Insgesamt jedoch habe sich der Stadtteil zum Vorteil verändert. „1990 gab es Gruppen, nach Nationalität aufgeteilt, die waren heftig drauf. Sie grenzten ihr Revier klassisch ab. Es ging zur Sache mit Messern, abgebrochenen Flaschen und Baseballschlägern. Hin und wieder gab es Schwerverletzte.“ Mittlerweile habe sich die Stimmung im Stadtteil verbessert: Die Jugendlichen sprechen mehr miteinander, die Banden hätten sich größtenteils aufgelöst, andere soziale Netzwerke hätten sich gebildet.



Die Schlägereien bewegen sich „im gewöhnlichen Bereich“: Ein Satz Backpfeifen, vielleicht mal ein kaputtes Nasenbein. Aber nicht mehr die harte Rivalität bestimmter Gangs. Allerdings existiere immer noch eine imaginäre Grenze zwischen Weingarten Ost und West, die viele Jugendliche im Viertel respektieren. Und es gibt, wie ein Spaziergang zeigt, jenseits des Binzengrüns auch immer noch eine kleine Parallelwelt, in die man sich normalerweise nicht verirrt: die Sintisiedlung am Auggener Weg. Dort wohnt die Reinhardtfamilie. Die Älteren hier handeln mit Schrott, die Jüngeren fahren auf frisierten Rollern herum und begegnen dem Fragenden mit Schweigen. Konflikte regeln sie unter sich, die Polizei betritt dieses Areal nur dann, wenn es nicht mehr anders geht.

Wir spazieren entlang an den Stadtbau-Hochhäusern aus den 1960er-Jahren. Auf dem Platz vorm Einkaufszentrum an der Krozingerstraße treffen wir unter der orangefarbenen Skulptur vier junge Männer. Sie könnten die großen Brüder sein von den Jungs aus der Parkclique. In Weingarten wuchsen sie auf und sie bestätigen mit anderen Worten das, was Spitz zum Wandel der Jugendkriminalität im Kiez gesagt hat: „Vor zehn Jahren hatte hier jeder ein Messer oder einen Schlagring. Heute ist das nicht mehr so. Die Leute geben ihr Geld lieber für Drogen aus. Die Polizei kommt hier öfters vorbei und checkt uns nach Waffen. Gerade vor fünf Minuten waren die Cops da.“ Das sagt Mario, 25, Italiener.

Marios Kollege Kayan, 35, Türke, trägt das Hemd offen, arbeitet im Spielsalon gegenüber und hat vier Kinder. Kayan hat keine Waffe bei sich – „oder würdest du den Zahnstocher hier als Waffe bezeichen?“, fragt er, als er ein Klappmesser aus der Hosentasche zieht.



Seiner 14-jährigen Tochter allerdings gebe er neben dem Pausenbrot auch Pfefferspray mit in die Schule. „Das braucht sie, um sich zu schützen. Neulich erst sind sechs Mädels auf sie losgegangen, wegen Eifersucht.“

Weingarten ist Freiburgs bevölkerungsreichster Stadtteil. Rund 10.300 Menschen leben hier. Ist es nicht normal, dass es da mal kracht, gerade unter Jugendlichen? Mario zündet sich eine Zigarette an und meint: „Die Jüngeren hier sagen immer, ihr Einfluss sei Hip-Hop. Aber vergleich’ mal den Hip-Hop von heute mit dem aus unserer Zeit. E.C., Ill State of Mind. Das war Ghetto mit allem drum und dran. Wir wollten das nachleben. Schau dir Hip-Hop heute an: Party, Kohle, Drogen. Die leben danach. Das zeigt für mich, dass die Kids hilflos sind. Ihr Hauptschulabschluss ist heute einen Dreck wert. Damit kannst du doch nicht anständig verdienen. Und dann hängst du halt ab und baust irgendwelchen Mist.“

Kommissar Spitz sagt, die Gründe, warum die Heranwachsenden in Weingarten gewalttätig werden, seien vielfältig. Spitz spricht von Puzzleteilen: „Klar, das Elternhaus. Wenn der Sohn ein notorischer Prügler ist und ich mich dann mit seinem Vater unterhalten will und dieser erstmal eine 15-minütige Schimpftirade loslässt auf die Gesellschaft und die Behörden, merkt man, was Sache ist. Man spürt diese aggressive Grundstimmung im Wohnzimmer. Wenn dazu kommt, dass der Junge kaum die Schule besucht, stattdessen im Park abhängt und mit den Kollegen Wodka trinkt, muss nicht mehr viel passieren, bis es knallt.“



Kurz vor Sonnenuntergang treffen wir am Else-Liefmann-Platz einen jungen Mann aus dem Schoße Weingartens, der so sanft wirkt wie ein Schattenboxer. Der Sinto Rosano Reinhardt, 20, ist R’n’B-Sänger, eine Art Xavier Naidoo aus dem Freiburger Westen. Rosano trinkt Erdbeermilch und sagt: „Es gibt auch eine Menge junger Leute hier, die nichts mit Verbrechen zu tun haben.“ Es sei die Musik, für die er lebe: "Und ich singe auf Deutsch." Er hat schon zwei Alben aufgenommen. Geld verdient er damit noch nicht, aber er ist davon überzeugt, dass seine Zeit kommen wird. In einem seiner Texte singt er: „Kommt mit in meine Welt, in der nur die Liebe zählt.“

Später, als es dunkel geworden ist, treffen wir Kayan wieder im Park, den Mann mit dem Zahnstocher. Er meint: „Diejenigen, die Ärger machten im Viertel, haben sich durch Drogen entweder selbst zerstört oder die Polizei hat sie aus dem Verkehr gezogen.“ Kayan deutet hinüber zu den Jugendlichen, die auf der Parkbank kiffen und sich zum Spaß in die Rippen boxen: „Jetzt sitzen nur noch die kleinen Vögel auf der Stange.“

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Foto-Galerie: Impressionen aus Weingarten


Fotos: Tarek Mostafa, Janos Ruf, David Weigend

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