Die Schwierigkeit an einer Fernbeziehung

Kim Cara Ruoff

Reisen kann man planen, die Liebe nicht. Das musste fudder-Autorin Kim Cara Ruoff erfahren: 13.859 Kilometer trennen die Freiburger Studentin von ihrem Freund in Australien. Sie erzählt, wie so eine Fernbeziehumg funktioniert - trotz Studium, Flugangst und Sechs-Stunden-Schichten:



Ich schrecke auf, als mir das Handy ins Gesicht fällt. Meine Hand will offenbar auch schlafen. Seit einer Stunde liege ich auf dem Sofa und warte darauf, dass er anruft. Warum ist er nicht online? Hat er mich vergessen? Ist ihm etwas passiert? Es ist kurz nach Mitternacht, als das Handy doch noch klingelt. Angst wird zu Freude.


Als ich vor drei Jahren in Auckland gelandet bin, war ich nur froh, den Flug überlebt zu haben. Mein Plan war es, erstmal als Au-Pair zu arbeiten, anschließend zu reisen und in neun Monaten mit Übergepäck nach Hause zu fliegen... eigentlich. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich hier am anderen Ende der Welt verlieben würde. Aber es sollte so sein und es hat einiges über den Haufen geworfen.

Ich bin erst am Flughafen implodiert

Wir lernten uns im Haus meiner Au-Pair-Familie kennen. Er hatte im Keller des Hauses das Zimmer neben meinem gemietet. Wir haben uns gesehen und sofort gut verstanden. Wenn er von der Universität kam, saßen wir oft gemeinsam in der Küche und redeten. Meiner Gastmutter, die wir nur „die Hexe“ nannten, gefiel unsere Freundschaft nicht und so setzte sie mich vor die Tür. Nun stand ich da - ohne Zuhause, ohne Job und kam mir ziemlich verloren vor.

Zum Glück hatte ich eine gute Freundin in Auckland, die mich auf ihrer Couch crashen ließ. Auch mein neuer Freund war für mich da und aus Freundschaft wurde Liebe. Er zog für mich aus dem Hexenhaus aus und mietete sich eine Wohnung. Einen Monat lebten wir zusammen.

Anschließend trampte ich mit einer Freundin zwei Monate durch Neuseeland. In dieser Zeit telefonierten wir jeden Tag. Nach meiner Reise hatten wir nur eine gemeinsame Woche in Auckland. Mein Freund war bereits am Abend vor meinem Flug völlig aufgelöst. Ich bin erst am Flughafen implodiert. Wir wussten nicht, wie es weitergehen sollte, ob unsere Beziehung auch als Ultra-Fernbeziehung eine Chance haben, weiterzubestehen. Aber wir mussten es versuchen...

Die Schwierigkeit an einer Fernbeziehung ist nicht die Distanz

Das Schwierigkeit an einer Fernbeziehung ist nicht die Distanz. Man kann jede Distanz zurücklegen, egal ob im Flieger oder im Auto. Die Herausforderung liegt darin, sich trotz der Ferne Zeit füreinander zu nehmen und den anderen in den eigenen Alltag einzubauen.

Die erste Woche zurück in Deutschland war hart. Immer wenn wir geskypt haben, bin ich in Tränen ausgebrochen. Es war zwar schön, wieder daheim zu sein - ich hatte vieles vermisst. Dennoch fühlte ich mich einsam. Mein Freund war in Australien und viele meiner Freunde studierten nun in anderen Städten. Nur ich stand ohne Plan da.

Mittlerweile ist mein Freund nach Perth gezogen und studiert Ingenieurwesen. Ich studiere hier in Freiburg. Wir sind also beide oft unterwegs und die sechs Stunden Zeitunterschied machen es auch nicht unbedingt leichter, Zeit füreinander zu finden. Dennoch haben wir es bisher immer geschafft,  mindestens zweimal am Tag miteinander zu reden. Manchmal nur zehn Minuten, manchmal drei Stunden. Weil die Verbindung ohne Video schneller ist, benutzen wir kein Skype mehr, sondern Tango oder Whats-App. Ich mag Tango am liebsten, weil man während des Anrufs Spiele wie Dart und Schach spielen kann.

Nebenjob für Flugtickets

Sehen können wir uns nur, wenn einer von uns Semesterferien hat. Dann flieg ich, trotz meiner Flugangst, zu ihm oder er fliegt zu mir. Allerdings sind Flüge nach Australien nicht billig. Um Geld für die Flüge zu haben, arbeite ich neben dem Studium dreimal in der Woche als Servicekraft in einem Restaurant. Auch wenn die Arbeit manchmal anstrengend ist, zu wissen, dass ich die Flüge selbst bezahlen kann ist ein gutes Gefühl. 

Auch sonst hat sich durch die Fernbeziehung viel verändert: Englisch ist zu meiner Zweitsprache geworden, mein Handy zu einem ständigen Begleiter und die Dame im Reisebüro zu einer Bekannten.

Paris, Kuala Lumpur, Melbourne, Berlin – auch wenn wir uns nur viermal im Jahr sehen, versuchen wir so viel wie möglich miteinander zu reisen. Nicht immer geht alles wie geplant – wir führen sogar schon eine Reise-Fail-Liste: In Paris wurde uns der Geldbeutel geklaut, in Straßburg habe ich mir den Magen verdorben und in Kuala-Lumpur waren wir nach drei Tagen pleite.

Liebe bedeutet Risiko

Trotzdem ist die gemeinsame Zeit immer wunderschön, weil wir zusammen sind. Wenn er oder ich dann wieder gehen müssen nehmen wir uns immer vor nicht zu weinen - bisher ohne Erfolg. Obwohl es mit der Zeit einfacher geworden den anderen gehen zulassen. Sind vorallem die ersten Tage nach dem Abschied schwer.

Manchmal hilft es schon zu wissen, dass man mit dem "Schicksal Fernbeziehung" nicht alleine ist: Meine Cousine hat nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in Peru gemacht und sich dort verliebt. Zur Zeit arbeitet ihr Freund in Peru als Ingenieur, sie studiert in Göttingen. Seit 2013 sind sie verlobt. Eine andere gute Freundin lebt in Mexiko, ihr Freund hier in Freiburg. Im Herbst wollen sie gemeinsam nach Berlin ziehen. 

Eine Fernbeziehung zu führen ist eine Herausforderung, egal,  wo der andere wohnt. Oft haben mich schon Leute gefragt, „wie das in Zukunft funktionieren soll“. Um ehrlich zu sein - keine Ahnung.  Ich weiß nicht, wie unsere gemeinsame Zukunft aussieht. Ich weiß nicht, wie es nach dem Studium weitergehen soll, aber ich weiß, dass ich Angst habe, ihn zu verlieren. Jemanden zu lieben,  ist immer ein Risiko, egal wie viele Kilometer dazwischen liegen. Im Moment zählt für mich nur, dass wir einander haben und der Tag, an dem ich ihn wiedersehe.



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[Foto 1: HappyAlex/Fotolia.com, Foto 2: Daniel Laufer]