fudder-Interview

Die Schweizer Feministin Zita Küng spricht am Montag im Aka-Filmclub

Eyüp Ertan

100 Jahre Frauenwahlrecht – zumindest in Deutschland. In der Schweiz dürfen Frauen erst seit 1971 wählen. Der aka-Filmclub zeigt am Montag einen Film zur Entstehung des Schweizer Frauenwahlrechts, zudem wird die Schweizer Feministin Zita Küng einen Vortrag halten. fudder hat vorab mit ihr gesprochen.

Was erwartet das Publikum am Montagabend?

Küng: 100 Jahre politische Rechte der Frauen in Deutschland und Österreich, in der Schweiz wird aber erst in drei Jahren die 50 Jahre-Feier stattfinden. Das ist bemerkenswert – mehr als zwei Generationen später, das ist erklärungsbedürftig denke ich. Man muss versuchen, zu erklären, warum das erst so spät eingeführt wurde. Man muss außerdem reflektieren, was es bedeutet, dass Frauen in der Schweiz auf Bundesebene erst 1971 politische Rechte bekommen haben. Ich finde, das ist ein Skandal, das ist unerhört. Ich denke in diesem Kontext zudem, dass die Schweiz erst seit 1971 eine Demokratie ist; und das in einem Land, das von sich hält, Demokratie erfunden zu haben und Demokratie exportieren zu können. Davon handelt der Film und darüber werde ich reden.

Was bedeutet Feminismus?

Küng: Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen.

Freiburgs Polizeipräsident Bernhard Rotzinger sagte im Interview mit dem Spiegel im Kontext der Gruppenvergewaltigung "Macht euch nicht wehrlos". Was denken Sie dazu?

Küng: Es ist der Klassiker: Ein Teil des Reflexes nach solchen Taten ist es, herauszufinden, was das Opfer falsch gemacht hat. Die Reaktion ist: Frauen, die nicht zu Hause, sondern an der frischen Luft sind, sind selber Schuld. Das verkennt jedoch die allergrößte Gefahr für Frauen, da Gewalt gegen Frauen vor allem zu Hause passiert. Im Umkehrschluss bedeutet das also, dass es für Frauen somit keinen sicheren Ort gibt. Gewalt von Männern gegen Frauen hat eine lange Tradition. Als Mann da hinzuschauen ist besonders heikel, denn Männer müssen erkennen, dass sie diese Art von Gewalt ausüben. Sie müssen überlegen, was sie von solchen Männern, die diese Taten begehen, unterscheidet; das ist etwas, was nur schwer verdaulich ist, weil es um das Gefühl der Männlichkeit geht. Das ist kein pauschaler Vorwurf von mir gegen alle Männer, dass sie solche Dinge tun. Aber es sind nun mal ausschließlich Männer, die das tun. Wir müssen als Gesellschaft überlegen, warum Männer auf solche Ideen kommen, Frauen zu vergewaltigen und und überlegen, wie man sowas verhindert. Die Normalität, dass solche Dinge passieren, muss aufgelöst werden.

Zwei aufsehenerregende Taten in Freiburg, die Ermordung von Maria Ladenburger 2016 sowie die Gruppenvergewaltigung, wurden von Flüchtlingen begangen. Es wird versucht, linke Positionen gegen feministische Positionen auszuspielen. Wie begegnet man diesem Vorgang?

Küng: Die Zugehörigkeit zum Geschlecht erklärt etwas, die Nationalität jedoch nicht. Als Feministin ist es eine Herausforderung, wenn beispielsweise rechte Männer Frauen verteidigen, obwohl das die Männer sind, die Frauenrechte regelmäßig einschränken. Das ist eine Instrumentalisierung, die passiert – wir müssen dagegen angehen und klar sagen: In meinen Namen sprechen die nicht.

Sie sagten in einem Interview, dass Frauen grundsätzlich wegen Ihres Geschlechts und nicht wegen Ihrer Arbeit infrage gestellt werden. Was kann man dagegen tun?

Küng: Einfach Frauen auf Augenhöhe begegnen. Meine Mutter hat zu mir gesagt: Ich bin nackt, ohne Pass und ohne Portemonnaie auf die Welt gekommen. Und vielleicht gilt das ja auch für die anderen – ich habe immer ein anderes Gegenüber, bei dem Geschlecht nur eine von vielen Komponenten ist. Wir haben in den 1970er Jahren gesagt: "Frau sein ist kein Programm", Frau muss herausfinden, was sie denkt und was sie machen will – genauso wie Männer ebenfalls Individualität für sich reklamieren. Meine Einladung an alle Frauen ist: Finden wir es heraus.

Was braucht es, um für Gleichberechtigung von Mann und Frau zu sorgen?

Küng: Es braucht zwei Dinge: Strukturelle und individuelle Veränderungen. Beispielsweise im Steuergesetz das Ehegattensplitting abschaffen. Ohne strukturelle Unterstützung müssten die Menschen individuell den Wandel schultern. Das ist zu viel, das geht nicht. Wir müssen die Strukturen ändern, sodass die Menschen den Wandel individuell vollziehen können – und auch als Gemeinschaft auf der politischen Ebene.

Was halten Sie von der Frauenquote?

Küng: Ich fordere die Frauenquote seit bald 50 Jahren. Und seit all den Jahren hätten Unternehmen freiwillig Frauen in Führungsposition bringen können – sie haben es nicht getan. Wenn uns etwas daran liegt, Frauen in der Gesellschaft zu beteiligen, mit einzubinden, müssen wir dafür sorgen. Wir müssen diverser werden und daher brauchen wir eine Quote.
Zur Person

Zita Küng, Jahrgang 1954, gehört in der Schweiz seit Jahren zu den führenden Stimmen der Frauenrechte. Eine der dienstältesten Feministinnen der Schweiz berät zudem seit 19 Jahren Unternehmen mit Blick auf zeitgemäße Personalplanung, sowie Frauen in Führungspositionen.

Was: 100 Jahre Frauenwahlrecht – Filmvorführung "Die göttliche Ordnung"
Wann: Montag, 12. November, 20 Uhr
Wo: Hörsaal 2006 des KG II, Uni Freiburg
Eintritt: 1,50 Euro



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