Die Scheinstudenten: Warum Exotenfächer an der Uni Freiburg boomen

Maria-Xenia Hardt

Semesterticket? Ja bitte! Student sein? Nein danke. Seit dem Wegfall der Studiengebühren ist das Dasein als Scheinstudent um ein Vielfaches lukrativer geworden – auch an der Uni Freiburg. Davon profitieren nicht nur die Scheinstudenten, sondern durchaus auch ihre Fakultäten. Unverschämt oder verständlich? Ein Kommentar.

Semesterticket, billiger ins Kino gehen, Mensa-Essen für kleines Geld, Zeitungsabos für 20 Euro im Monat, Theaterbesuch für acht Euro, Krankenkassenbeitrag um ein Vielfaches günstiger, kostenloses Girokonto, ein paar hundert Euro beim Notebookkauf sparen, Bahncard für die Hälfte – als Student hat man schon viele Vorteile. Aber viele Studenten müssen ja auch mit 500 Euro im Monat auskommen, teilweise hart verdient an Abenden und Wochenenden. Studentenrabatte sind gerechtfertigt – und sie dienen ja auch der Wirtschaft. Wie war das mit der Steigerung des Abschöpfungsvolumens durch Preisdifferenzierung oder so?


Es könnte alles so gut sein, gäbe es nicht den Scheinstudenten: Ein gut verdienender Mitbürger, der sich an der Uni (in die er nie geht) ausschließlich einschreibt, um von Rabatten zu profitieren. Abgesehen davon, dass ihm die Vergünstigungen nicht zustehen, braucht er sie auch nicht wirklich – außer vielleicht, um an Weihnachten noch ein zweites Mal im Jahr auf die Malediven fliegen zu können.

In den Jahren der Studiengebühren, also zwischen dem Sommersemester 2007 und dem vergangenen Wintersemester 2011/12, war die Uni wahrscheinlich etwas Schein-freier. Seit der Abschaffung der Gebühren dürften Pseudo-Studenten aber wieder Hochkonjunktur haben.

Nun führt die Uni keine Statistik über Scheinstudenten, allerdings gibt es einige Hinweise: Im Vergleich zum Sommersemester 2011 hat die Uni Freiburg ungefähr 5 Prozent mehr Studenten. Die VAG hat aber 10 Prozent mehr Semestertickets verkauft – und das, obwohl der Preis der Tickets gestiegen ist. Im Vergleich zur Regiokarte gibt es das Semesterticket aber immer noch zum Spottpreis. Den Fahrschein nimmt der Scheinstudent gerne – und um Scheinstudent zu werden, gibt es Mittel und Wege.

Besonders „beliebt“ sind zulassungsfreie Fächer, für man sich nicht bewerben, sondern nur einschreiben muss. Nun ist die Zahl der zulassungsfreien Fächer, die man zum Sommersemester beginnen kann, recht übersichtlich. Schaut man sich aber nur die beiden Hauptfächer Latein und Altgriechisch sowie den 1-Fach-Bachlor-Studiengang Katholisch-Theologische Studien an, sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: Im vergangenen Sommersemester war in Latein 68 Erstsemester eingeschrieben, nun sind es 102 (50 Prozent Steigerung). In Griechisch waren es vergangenen Sommer 28 Erstsemester, nun sind es 65 (132 Prozent Steigerung). Der Bachelor-Studiengang Katholisch-Theologische Studien schließlich, der besonders „praktisch“ ist, da man kein Nebenfach braucht, zählte im vergangenen Sommersemester 28 Erstsemester, nun sind es 167 (Steigerung um 496 Prozent). Mit einer erhöhten Abiturientenzahl allein kann man das nicht erklären. Mehr Schein als Scheine also.



Wie viele der Studenten des ersten Fachsemesters in den vorgesehenen Veranstaltungen aufgetaucht sind, wollten die entsprechenden Lehrstühle nicht mitteilen. Die Zahl sei „relativ hoch“ hieß es aus einem Lehrstuhl, „das ist kompliziert herauszufinden“, ließ ein anderer verlauten. Natürlich gäbe es Anwesenheitslisten, darüber müsse man aber keine Auskunft geben. Ein wenig mehr Transparenz würde hier sicherlich nicht schaden.

Natürlich ist die Verschleierungstaktik aus Sicht der Fakultät nachvollziehbar: Der Studiengebührenersatz, die sogenannten Qualitätssicherungsmittel, werden abhängig von der Zahl der Studenten an die verschiedenen Fakultäten ausgeschüttet. Die Zahlen für das Sommersemester sind noch nicht verfügbar, dürften sich aber in einem vergleichbaren Rahmen bewegen wie die Verteilung der Studiengebühren im vergangenen Wintersemester: Damals bekamen die Fakultäten pro Student rund 170 Euro von der Universität. Tauchen weniger Studenten an der Uni auf, als auf dem Papier eingeschrieben sind, ist das für die Fakultät eine lukrative Geschichte. Die Fakultät stellt das in ein kaum besseres Licht als den Scheinstudenten.

Vielleicht sollte man allen Medizinstudenten einen kleinen Wegweiser zur Theologischen Fakultät in die Hand drücken. Die Arbeitsplätze, die dort von den Scheinstudenten nicht genutzt werden, können die angehenden Ärzte dann mit ihren Skelettteilen und Anatomiebüchern erobern. Es würde mich jedenfalls sehr erheitern.

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