Die Sache mit dem Hindukusch

Christian Deker

Peter Struck verteidigte heute nicht die Sicherheit der Bundesrepublik am Hindukusch, sondern die Bundeswehreinsätze im Ausland gegenüber einem vollen Hörsaal. Sein Vortrag zum Thema "Die deutsche Verteidigungspolitik vor neuen Herausforderungen" stieß bei den Freiburger Studenten auf großes Interesse und auch einige Skepsis.



Der entscheidende Satz fiel bei einer Pressekonferenz am 5. Dezember 2002: „Die Sicherheit der Bundesrepublik wird auch am Hindukusch verteidigt“, sagte der damalige Verteidigungsminister. Heute wiederholte Peter Struck diese Behauptung in Freiburg, allerdings in neuem Amt: Als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Die Juso-Hochschulgruppe hatte eingeladen, und auch viele Studenten waren der Einladung gefolgt: Ein nahezu voller Hörsaal 1199 lauschte gespannt.


Strucks Botschaft war klar: Noch immer wird die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt, auch wenn der Verteidigungsminister inzwischen Jung heißt. „Denn Afghanistan ist ein Land, in dem der Terrorismus gezüchtet wird“, so Struck.

Sobald die internationale Staatengemeinschaft so genannte „failed states“ bekämpft, sei Deutschland unweigerlich gefragt. Als Mitglied in den beiden international bedeutsamen Bündnissen, der NATO und der EU, müsse die Bundesrepublik auch Soldaten schicken. „Deutschland hat eine internationale Verantwortung, aus der es sich nicht mehr herausschleichen kann", sagte er.

Fotografierende Tornados

Struck verteidigte auch den geplanten Tornado-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Die Aufgabe der Tornados sei klar umrissen: Nur Aufklärung in der Luft, nichts weiter als Fotografieren der Landschaft. Bedenken, deutsche Soldaten könnten mit den Kampfflugzeugen auch darüber hinaus eingesetzt werden, versuchte Struck zu nehmen. „Die Tornados haben nur kleine Waffen an Bord, um sich selbst zu verteidigen. Allerdings fliegen sie auf 5000 Meter Höhe, da können sie eigentlich gar nicht angegriffen werden“, sagte er. Auch andere kritische Tornado-Nachfragen seitens der Studenten parierte Struck gewohnt souverän.

Nach etwa der Hälfte des Vortrags hatten die Gegner von Studiengebühren ihren Auftritt, auch wenn dieser symptomatisch für den Gebühren-Boykott in Freiburg war. Zwei Studenten kamen in den Hörsaal und versuchten ein Transparent zu entrollen, was aber sofort von einem Juso-Mitglied unterbunden wurde. Nicht einmal Strucks Personenschützer ließen sich vom Protestversuch beeindrucken. Zwei blieben sitzen, der dritte tat wenigstens so, als würde er gleich aufstehen und einschreiten. Währenddessen ging es weiter im Programm, keiner nahm wirklich Notiz davon. Der Protest war ebenso schlapp wie die Beteiligung am Boykott der Studiengebühren: Bis gestern haben erst gut 1000 Studenten ihre Gebühren auf das Treuhandkonto überwiesen.

Regionales Bauchpinseln

Die tiefe, sonore Stimme Strucks brummte derweil bedächtig weiter, es ging in den Kosovo, nach Dafur und in den Kongo. Alle Einsätze seien richtig gewesen, auch wenn Struck einräumt, dass das Militär nicht die entscheidende Sache sei. „Wichtig ist die politische Lösung – und das brauche ich hier in Freiburg nicht zu sagen: Wir haben einen guten Außenpolitiker mit unserem Staatsminister Gernot Erler.“ Grundhandwerk eines Bundespolitikers: Regionales Bauchpinseln. Auch das kann Struck also.

Die anschließende Fragerunde brachte zwar noch mehr kritische Nachfragen, Struck ließ sich aber nicht in Bedrängnis bringen, zu oft hat er die einzelnen Themenkomplexe offenbar schon öffentlich abgehandelt. Selbst sein Verhältnis zu Angela Merkel beschrieb er ganz nüchtern: „Die macht das schon ganz ordentlich.“

„Wer will einen Leopard 2-Panzer?“

Zum Schluss philosophierte Struck über die Zukunft der Bundeswehr und machte den Zuhörern ein interessantes Angebot. Die Bundeswehr habe zu viele Leopard 2-Panzer, die sie in den kommenden Jahren loshaben wolle. „Wer von Euch will denn einen Leopard 2?“, fragte er ins Publikum. „Ich mach’ den auch kampfunfähig, dann könnt Ihr den haben.“ Gelächter auf den Klappsitzen – und dann ging es für Struck auch schon weiter. Zu Ministerpräsident Oettinger. „Den kann ich nicht warten lassen, höchstens ein bisschen vielleicht“, sagte er, lachte und verschwand.