fudder-Interview

Die Rapper Favela und Steamboat über ihre EP "Steezy" und die Freiburger HipHop-Szene

Stefan Mertlik

Als Teil der Hip-Hop-Crew Endlessstory spielten sie bereits beim ZMF. Nun haben Favela und Steamboat ihre gemeinsame EP "Steezy" veröffentlicht. fudder-Autor Stefan Mertlik hat mit ihnen über Freiburgs Musikszene und die Qualität von heutigem Hip-Hop gesprochen.

"Steezy" lässt sich in das Genre Trap einordnen und klingt damit ganz anders als die alten Endlessstory-Lieder, die einen eher klassischen Hip-Hop-Ansatz verfolgen. Wie kam diese Entwicklung zustande?

Steamboat: Ich kann diese Frage nicht beantworten und ich hab "Steezy" immerhin produziert. Je mehr man in der Musik drin ist, desto weniger ernst nimmt man Bezeichnungen. Wenn ich Trap-Drums mit einem Tempo von 90 Beats per Minute nehme, in welchem Genre bin ich dann? Ist das Trap, weil ich die Drums unserer Generation nutze, oder bin ich im klassischen Hip-Hop, weil das Tempo in diese Richtung geht?
Favela: Es gibt so viele ambitionierte Rapper, die sich nicht weiterentwickeln. Daher ist es wichtig, sich Trends anzuhören, um daraus neue Ideen zu gewinnen.

Wie reagiert ihr auf Menschen, die die alten Endlessstory-Sachen mögen, aber nichts mit dem neuen Sound anfangen können?

Favela: Mir haben schon Leute, die unsere Musik mögen, gesagt, dass sie die Hook von "DreierGolf" billig finden, weil wir darin nur "DreierGolf" sagen. Das verletzt mich ein bisschen, weil sie den Schritt noch nicht mitgehen, den ich schon gemacht habe. Aber jemanden, der stattdessen "MDMA" (altes Lied von Endlessstory, Anm. d. Red.) geil findet, kann ich auch nicht ernstnehmen.
Steamboat: Obwohl mir das eine Zeitlang mal wichtig war, ist mir das mit "Steezy" egal geworden. Es ist einfach nice, eigene Musik zu haben, die rauszubringen, die hören zu können, Videos dazu zu drehen und sie live zu spielen. Was soll ich da groß drauf achten, ob es irgendjemanden gefällt? Ich will Musik nicht anhand einer Vorlage machen.

Favela: Wenn Leute mich fragen, ob wir "MDMA" mal wieder live spielen, verneine ich das. Damals haben wir noch nach Schablone Reime aufgeschrieben, "Steezy" klingt dagegen nach unserer eigenen Musik.
Steamboat: "Steezy" ist sehr spontan und intuitiv entstanden. Dadurch vermittelt es eine Momentaufnahme. Wenn etwas überarbeitet und noch einmal neugeschrieben wurde, dann hat das etwas Verkopftes. Und das passt nicht zu unserem Alter oder Status. Ich fühle mich immer noch am Anfang von der Musik, die ich irgendwann einmal machen will. "Ich bin 23 und erzähl dir etwas Bedeutsames aus meinem Leben" passt da nicht.



Wie wichtig ist der Do-It-Yourself-Ansatz dahinter?

Steamboat: Ich habe speziell hier in Freiburg das Gefühl, dass man eine Band haben, Crowdfunding machen und für 10.000 Euro ein Album in einem hochmodernen Studio aufnehmen sollte. Mich hat das nie gekickt. Die Idee, ich kann in meinem eigenen Zimmer machen, was ich will, die ist auf jeden Fall modern. Und alle Sachen selbst zu machen, ist ebenfalls modern. Wenn ich jedes Lied im Studio aufnehmen müsste, würde es von uns keine Musik geben. Das Geld habe ich nicht.

Ihr habt vor zwei Jahren mit Endlessstory bei dem Förderprogramm "Band-Paten(t)" mitgemacht, für das ihr mit Zweierpasch einen Paten hattet, an Workshops teilnehmen und ein Abschlusskonzert spielen konntet. Ist das etwas, von dem ihr im Nachhinein sagt, nett gedacht, aber nicht wirklich hilfreich?

Favela: Nett gedacht trifft es. Der Leiter des Projekts ist voll interessiert daran, Nachwuchsbands zu fördern…
Steamboat: …aber nur, wenn sie einem gewissen Ideal entsprechen.

Favela: Wir machen halt Hip-Hop und egal wie erfolgreich es sein wird, es bleibt in Freiburg immer ein Außenseiterding.

"Ich habe speziell hier in Freiburg das Gefühl, dass man eine Band haben, Crowdfunding machen und für 10.000 Euro ein Album in einem hochmodernen Studio aufnehmen sollte." Steamboat

Ist das tatsächlich ein Freiburg-Problem? Wie schätzt ihr die Szene hier ein?

Steamboat: Freiburg ist keine Rap-Metropole, aber es gibt Leute, die was machen. Unser Mischer ist zum Beispiel Fan von Young Jelly. Aber viele Künstler sind einfach nicht interessant und deshalb beschäftige ich mich auch nicht so krass mit denen.
Favela: Ich glaube, dass es in Freiburg eine Zeit gab, in der mehr abging als jetzt.

Steamboat: Es gibt unter einem Freiburger Rap-Video auf YouTube einen ganz schönen Kommentar: "Ihr braucht euch ja auch nicht zu wundern, wenn euch jeder andere in Deutschland als Lelleks bezeichnet." Das ist halt schon ein bisschen wahr. Freiburg ist keine Rap-Stadt.

Die letzten Veröffentlichungen aus dem Hause Endlessstory waren um die 15 Minuten lang. Wie groß ist die Aufmerksamkeitsspanne eurer Zielgruppe?

Steamboat: Ich stehe auf das Format EP. Nicht, weil es angenehmer für die Hörer ist, sondern weil man etwas bündig und kompakt abliefern kann. Wir haben im letzten Jahr sehr viel herumexperimentiert und verworfen, untätig waren wir also nicht. Man muss aber auch mal die Eier haben, zuzugeben, dass ein Track für eine Veröffentlichung eben nicht mehr passt.



Was ist euer langfristiger Plan mit der Musik?

Favela: Wahrscheinlich hätte ich vor einem halben Jahr noch gesagt, dass muss auf jeden Fall mein Beruf werden. Dieses Ziel hab ich immer noch im Hinterkopf, aber im Grunde ist mir nur das Machen von guter Musik wichtig.
Steamboat: Jetzt ein Teil der Hip-Hop-Szene zu sein, ehrt mich nicht so sehr, wie es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt der Fall gewesen wäre. Es ist cool, dass sich jeder ausdrücken kann, aber dadurch befinden wir uns auch in einer Zeit mit der billigsten und kurzlebigsten Musik, mit den bescheuertsten Hörern und den peinlichsten Karriere-Moves. Ich finde, dass da zum Teil eine Werterückentwicklung stattfindet. Hip-Hop ist nur noch, sich gegenseitig auf die Fresse zu hauen und den größten Rücken zu haben.

"Ich glaube, dass es in Freiburg eine Zeit gab, in der mehr abging als jetzt." Favela

Was hat euch damals inspiriert, euch überhaupt intensiver mit Hip-Hop zu beschäftigen?

Favela: Ich hab von meinem Onkel "Stadtaffe" von Peter Fox bekommen. Ich fand das Album wortgewaltig. Der hat so viele kreative Gedanken aufgeschrieben. Es hat mich beeindruckt, dass das auf Deutsch geht. Krasser Sound, aber auch etwas zum Hinhören.
Steamboat: Mir wurde "Grüner Samt" von Marsimoto geschenkt und dann ging’s bei mir richtig los.

Welche Songs müssen bei euch freitagnachts in Freiburg dabei sein?

Favela: Morten mit "Ichigo Hoshimiya" hören wir eigentlich jeden Abend, wenn wir an der Dreisam hocken.
Steamboat: Wir hören aber auch sehr oft "DreierGolf".
Favela: Ja, aber das ist zu viel Eigenwerbung. Trettmann mit "Dumplin & Callaloo" finde ich noch unfassbar krass.
Steamboat: Ich höre immer wieder gerne Sachen von A$AP Rocky. Vom neuen Album sind "Changes", "Purity" und "Tony Tone" krass.
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