Die Prinzen: Leidenschaftlich unspektakulär

Carolin Buchheim

Dieser Tage tragen sie Anzüge in gedeckten Tönen und die Haare sind nicht mehr bunt gefärbt. Die fünf Herren von den Prinzen, sie sind älter, nein, erwachsen, geworden, und zur Zeit mit Ihrer 'Natürlich - Akustisch' Tour durch Deutschland unterwegs.

Natürlich - akustisch, das heisst eigentlich 'unplugged', und einen unplugged Auftritt der einzigen Deutsche Gesangstruppe, die über Fahrräder ('Mein Fahrrad'), Rumknutschen ('Küssen verboten'), Pleitesein ('Ich wär so gerne Millionär') und Oralsex ('Alles mit dem Mund') so singen kann, dass ganze Familien aus dem Hochschwarzwald, Oma und Enkelkind im Grundschulalter inklusive, lauthals und selig mitsingen und an dessen Ende durch ihr kollektives Trampeln fast das Freiburger Stadttheater zum Einstürzen bringen, den konnten wir von fudder uns für Euch natürlich nicht entgehen lassen.


Das Stadttheater ist zu Drei Vierteln gefüllt, als die Prinzen Dienstagabend zur familienfreundlichen Zeit von viertel vor Acht die Bühne betreten. Auf der Bühne fünf Hocker mit Kurvenschildern, ein Podest für den Bassisten, ein Drumset, das in einem roten Autowrack steht, alles vor einer Leinwand, auf die Bilder geblendet werden, während der Songs.Immerhin seien "Die Oberen Zehntausend von Freiburg" gekommen, scherzen die Herren, und bedanken sich, dass man trotz 'Legenden der Leidenschaft' auf Kabel Eins den Weg zum Stadttheater gefunden habe. Eigentlich hätten sie auch sagen können 'trotz der Eintrittspreise von 22 bis 38 €.

Was die Prinzen in den folgen zwei Stunden liefern ist allerdings vor allem eins: alle-unsere-Vorurteile-erschütternd unterhaltsam.

Das ist zwar nicht wie das, was wir uns sonst so angucken oder anhören, wenn es um (Live-)Musik geht, aber das ist musikhandwerklich gut gemacht und tatsächlich nett anzugucken. Die fünf Herren haben merklich Spaß. Klar, das hier ist ihr Job, zum Geldverdienen, jeder will die Hypothek auf seinem Haus abbezahlen, das sind routinierte Profis, aber sie wissen sehr genau, wie gut sie es mit diesem Job haben und bringen es auch sehr genau rüber, dass sie diesen ihren Job für einen ziemlich guten halten und es lieben auf Bühnen zu stehen. Das macht Spaß beim Zuschauen. An einem durchschnittlichen Dienstag Abend ist das bestes Entertainment, finden wir. Besser als Fernsehgucken.

Es geht langsam los, mit den Prinzen, 'Mein Fahrrad' a-capella zur Begrüssung, und dann zuerst ein paar der neueren Songs, aber nach knapp zwanzig Minuten müssen wir, ziemlich erschrocken und in unseren Grundfesten erschüttert, feststellen, dass sie uns rühren, die Prinzen, während Tobias Künzel (das ist der lustige Blonde) "Geh bitte raus aus meinen Träumen, weil Du da echt nicht hingehörst" singt.

Merke: Man sollte nicht mit Herzschmerz zu den Prinzen gehen. Oder vielleicht sollte man es gerade dann tun. Man könnte dann ganz bald sauer sein, dass man die Tasche mit den Taschentüchern nicht mit in den Saal nehmen durfte, und dann mitsingen, um nicht so laut zu. Könnte passieren. Unter Umständen.

Könnte sich vielleicht sogar noch mal wiederholen, diese Reaktion, eine dreiviertel Stunde später, während sie 'Abgehaun' singen.

Später rocken sie dann, die Prinzen. All die Hits, die man kennt, obwohl man sie nicht unbedingt kennen will, all die Songs über Liebe und Beziehungen und ein leidenschaftlich rot/grünes Weltbild sind neu und tatsächlich auch irgendwie interessant arrangiert und werden routiniert aber nicht uninspiriert sondern erstaunlich enthusiastisch von den Fünf plus Drummer und Bassist dargeboten.

'Alles nur geklaut' ist ein Reggae, bei 'Küssen Verboten' gibt es Congas und HeadBanging und Sebastian Krumbiegel (das ist der etwas pummelige Herr, der, der früher mal die leuchtendroten Haare hatte), schwingt auch des öfteren mit deutlicher Selbstironie das Tanzbein. Die Herren Prinzen springen auch ins Publikum und lassen "Freiwillige" mitsingen, und das ist natürlich lustig ab dem Moment, ab dem klar ist, dass dieser Kelch an uns vorübergegangen ist und sie Ihre Opfer gefunden haben.

Je später der Abend, desto seliger die Menge. Jetzt bemerken wir sie auch, die Gruppen von ergebenen Prinzen Fans. Meist weiblich, mit etwas unglücklichen Frisuren und Outfits, stehen sie nun, schwenken ihre Arme und die mitgebrachten Prinzen Flaggen, und singen 'Gabi & Klaus' mit, sich gegenseitig glückselig Anschauend. Und dann werfen sie Kleidungsstücke auf die Bühne. Wir sind schockiert. Sowas tun wir noch nicht mal bei Art Brut.

Neben den Hardcore-Prinzen-Fans steht bald der Rest des Stadttheaters, inklusive der aus dem Hochschwarzwald angereisten Großfamilien. Grundschuldkinder stehen, etwas wackelig, auf den Klappsitzen und krähen mit. Pärchen halten sich an den Händen. Alle sind fröhlich. Man müsste ein sehr böser Mensch sein, würde einen diese Freude anderer Menschen kalt lassen.Als das Set vorbei ist, stehen auch die auf, die es bisher in ihren Sitzen gehalten hatte. Standing Ovations, Getrampel, Geschrei. Die Herren Prinzen lassen sich nicht lang bitten und liefern als erste Zugabe ein nett ironisches A-Capella-Stück á la Chorgesang in Pseudo-Latein. Wir sind und sicher in diesem kleinen Stück unter anderem die Worte 'Coitus Interruptus' und 'Cannabis' zu vernehmen.

Der Abend endet mit 'Zu Dir? - Zu mir?', und wir sind derweil immer noch verwundert, warum diese Band ein so vollkommenes Family-Appeal hat. Ob Mama & Papa und Oma & Opa vielleicht gar nicht so genau hinhören? Egal aber auch. Am Ende gehen alle glücklich nach Hause.

"Ich bin sehr schwer unspektakulär und deshalb fühl Ich mich ziemlich wohl" haben Sie irgendwann gesungen an diesem Abend, die Prinzen. Und das stimmt. Unspektakulär sind sie, aber das mit Leidenschaft, und wohl fühlten sie sich damit offensichtlich auch, im zu Drei Vierteln gefüllten Stadttheater voller glücklicher Menschen.

Und das ist ja auch schon gut so. Erschreckend gut.