Die Polizei-Poeten

Rebecca Schnell

Ähm..."Bullen" und Lyrik? Ja, das geht! Rund 100 Polizisten aus ganz Deutschland verarbeiten ihre Erlebnisse auf literarisch-erzählerische Art und Weise - im Internet und als Buch. Sie nennen sich die Polizei-Poeten. Unter ihnen sind auch Polizeibeamte aus Freiburg und Südbaden. Warum dichten Polizisten? Rebecca ist der Frage nachgegangen.



Die Polizei-Poeten. Das sind rund hundert Polizisten aus ganz Deutschland, die ihre Erlebnisse lyrisch-erzählerisch auf einer eigenen Internetseite veröffentlichen. Vor wenigen Wochen ist im Piper-Verlag zum zweiten Mal ein Buch mit den Geschichten der dichtenden Polizisten erschienen, es heißt "Jeden Tag den Tod vor Augen. Polizisten erzählen."


Ihr Beruf macht es vielen Polizisten schwer, sich von der täglichen Arbeit zu distanzieren, mit der Dienstkleidung auch die Erlebnisse und Erinnerungen abzulegen. Das Schreiben ist für sie ein Weg, um verstörende oder bewegende Ereignisse zu verarbeiten. Manche wie Hans-Jochen Köpper (46, Foto links), Dienstgruppenleiter in Titisee-Neustadt, schreiben in erster Linie für sich selbst, um den nötigen Abstand zu gewinnen.

Für Volker Uhl, Herausgeber des Buchs und Kriminalhauptkommissar im schwäbischen Ludwigsburg, ist ein Blatt Papier „ein Stück Freiheit“. Und das Schreiben „die Möglichkeit, sich gemeinsam zu erinnern.“ Bei den Büchern der Polizeipoeten handle es sich dennoch nicht um „Selbsthilfe für Polizisten“, sondern um „spannende, gefühlvolle Geschichten für den Leser“. Wer also „Tatort de luxe“ erwartet, wird enttäuscht...

„Lyrische Bullen?“
Das war die erste Reaktion eines Bekannten zum Stichwort „Polizeipoeten“. Irgendwie ist die Vorstellung, dass Polizisten schreiben, für viele erst mal paradox. Denn Polizisten sollen, so das Klischee, hart, heldenhaft und kompromisslos sein. Das Buch der grünen Dichter räumt mit so manchem Vorurteil über den Polizeiberuf auf. Denn es zeigt, dass auch Polizisten Menschen sind.

Wenn man Volker Uhl (Foto rechts) persönlich begegnet, widerlegt der Polizist das Klischee des erbarmungslosen Cops bereits in der ersten Sekunde: Man fasst sofort Vertrauen zu dem sympathischen Mittvierziger in Zivil. Der Familienvater wollte immer zur Polizei, weil man „nirgends sonst so nah an der Realität“ ist. Und mit Realität meint er nicht unbedingt spektakuläre Verfolgungsjagden oder Amokläufe: „Heldentum ist in diesem Beruf nicht gefragt“. Es geht ihm um einen „authentischen Blick auf gesellschaftliche Zustände“ - sei es Missbrauch in der Familie, Wirtschaftskriminalität oder die Abschiebung von Asylanten.

So stehen in diesem Buch auffallend häufig soziale Situationen im Mittelpunkt, um die wir Normalbürger die Polizisten nicht unbedingt beneidet: Wie überbringe ich nach einem tödlichen Unfall den Angehörigen die Hiobsbotschaft? Wie stehe ich Opfern schlimmer Gewalttaten bei? Wie verhalte ich mich bei menschlichen Tragödien, bei denen ich hilflos zuschauen muss? Der Job ist also nicht immer so sensationell, wie er in den Medien oft dargestellt wird.

„Über Cobra 11 kann man nur lachen“, sagt Polizei-Poet Hans-Jochen Köpper von der Dienststelle Titisee-Neustadt. Zusammen mit Otmar Hansert (Offenburg), Andreas Lämmle (Villingen) und dem gebürtigen Freiburger Joachim Roth vertritt er den badischen Teil der Polizeipoeten. Der 48-jährige hat den Polizeiberuf „von der Pike auf gelernt“. Nach fast 30 Jahren im Dienst bezeichnet er sich selbst als „Insider“. Die klassische Verfolgungsjagd eines Bankräubers auf der Autobahn hat er auch schon hinter sich: „Das wäre auch was für Cobra 11 gewesen!

“ Routine gibt es in diesem Job sowieso nicht. „Mit dem Tod muss man jeden Tag rechnen, egal ob man seit Jahrzehnten dabei ist oder am allerersten Diensttag“, sagt Volker Uhl. Wie schnell eine scheinbar harmlose Situation eskalieren kann, beschreibt er in seiner Geschichte „Wie alles weiterging“:

So wie neulich Marcel, der morgens um sechs bei einer Wohnungsdurchsuchung, einer harmlosen natürlich, sich um ein Haar von dessen Bewohner einlullen ließ. Der Typ saß am Küchentisch, darauf jede Menge Tüten mit Rauschgift. Marcel hatte ihm bereits Handschellen angelegt, was eigentlich sicher ist und die Durchsuchung eben wieder zu einer harmlosen, alltäglichen Angelegenheit werden lässt. Doch Vorsicht, in der Routine lauert Gefahr. Sei misstrauisch!

„Kann ich mir einen Espresso machen? Sie haben doch nichts dagegen, oder? Ich bin doch gefesselt.“ Er zeigte seinen Armschmuck, um seine Harmlosigkeit zu unterstreichen und lief zum Küchenschrank.

„Stop“, brüllte Marcel, als der Festgenommene die Dose mit dem Kaffeepulver bereits in den Händen hielt.

Marcel nahm ihm die schwarze Dose aus der Hand. Er hob den milchigen Plastikdeckel mit dem rechten Daumen an und war nur wenige Zentimeter vom Griffstück des Derringers entfernt. Ein zweischüssiger Ladykiller, ein doppelter Witwenmacher.

Mit dieser ständigen Bedrohung muss jeder Polizist leben. Für Uhl ist sie auf gewisse Weise jedoch auch eine Bereicherung. Man ist gezwungen, sich mit dem Tod auseinander zu setzen: „Nach meiner Erfahrung als Polizist, und auch als Vater, wird die Tiefe unseres Daseins dadurch bestimmt, wie bereitwillig wir der Wahrheit ins Auge schauen wollen“.

Das Trauma eines Polizisten, der einen Menschen in Notwehr erschießen musste, schildert der Ludwigsburger Werner Stolz in „Nicht mal drei Sekunden“:

„Es fällt mir schwer zu glauben, wie schnell das alles gegangen ist. Erst als alles vorbei war, hatte ich die Dienstwaffe in meiner Hand registriert [...]. Nicht mal drei Sekunden haben mein Leben verändert.“
 
Manchmal nähert sich der Polizeialltag dem Privatleben gefährlich an. In „Die Dealerin, die Tochter, der Vater“ erzählt ein Koblenzer Polizist den Fall eines Rauschgiftrings, der Heroin an drogenabhängige Mädchen verkauft, unter anderem auch an die 17-jährige Sabine. Dabei packt ihn die tragische Erinnerung an seine eigene Tochter: gleicher Name, gleiches Alter, Drogensucht und Selbstmordversuch. Das Schuldgefühl eines Polizisten, als Vater versagt zu haben, nachts auf Streife gewesen zu sein, statt bei der eigenen Tochter, wird ihn noch lange verfolgen.

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