Die Piratenpartei vom Nil

Marc Röhlig

Hizb al-‘Adl ist Ägyptens Partei der Revolutionäre: jung, twitternd, voller Ideen. Aber zur Parlamentswahl hat sie es dennoch schwer. Denn viele Ägypter sind mit der politischen Freiheit überfordert. Christoph Borgans und fudder-Autor Marc Röhlig skizzieren Ägypten vor den ersten freien Wahlen – eine Tour zwischen Taxi und Twitter.

Ihr Twitterkanal läuft gerade heiß. „Oh Ägypten, eine Wahl ist ein Schwert am Nacken eines jeden unrechten Unternehmens“, tippt Dalia Ziada in die Welt. Es ist Sonntagabend, ab morgen wird gewählt. Dalia tippt: „Wer die Junta schnell loswerden will, geht wählen“. Sie selbst kandidiert für Hizb al-Adl, die „Partei der Gerechtigkeit“. Sie sei gerade im Kairoer Verkehr unterwegs, Interviews führt sie aus Zeitgründen fast nur noch am Telefon. Die 29-Jährige arbeitet eigentlich als Journalistin, doch diese Tage ist sie fast nur noch mit dem Wahlkampf beschäftigt. Und Wahlkampf funktioniert bei Dalia Ziada vor allem mit dem Smartphone.


Über 50 Parteien mit insgesamt knapp 7.000 Kandidaten sind zugelassen. Vom heutigen Montag an wird in drei Phasen das ägyptische Parlament gewählt. Jeder will am Experiment Demokratie teilhaben – und hat seine eigenen Vorstellungen für Ägyptens Zukunft. So auch die „Partei für Gerechtigkeit“ von Dalia Ziada. Sie als einzige unmittelbar aus den revolutionären Bewegungen entstanden, sie ist die Partei vom Tahrirplatz. Und sie ist das, was man als die ägyptisch Version der Piratenpartei verstehen könnte: jung, online-affin und bewusst unentschlossen, was ideologische Positionen betrifft. „Wir sind modern“, sagt Ziada, „uns können die Leute vertrauen“.

„Ägypten ist ein bürgerlicher Staat“, steht auf ihrem Twitterkanal. Sie fürchtet ein Militärregime in Ägypten. Zu oft habe der Militarrat unter Muhammad Tantawi in letzter Zeit Bürger verfolgt, Versprechen gebrochen. Aber offene Kritik am Vorgehen des Militärrats wagt sie nicht, nicht mehr. Ziada ist nicht länger nur Bloggerin. Sie ist jetzt auch angehende Politikerin. Stattdessen twittert sie: „Akhtaru Misr!“ – Ich wähle Ägypten!

Dicht drängen sich die Häuser im Herzen Kairos; riesige Betonklötzer, überzogen mit einer graubraunen Patina. Der Staub von Jahrzehnten liegt über der Hauptstadt. Doch die Revolution brauchte wieder Farbe mit sich: „Ana misry!“ prangt auf roten Plakaten, „Ich bin Ägypter!“ Dazwischen dutzende Wahlplakate. Mittendrin steckt Khaled. Meter für Meter schiebt sich sein Taxi durch den verstopften Kairoer Verkehr. Khaled ist ein schlaksiger Typ, ein Schnauzbart umrundet seine Oberlippe. Fünf Rückspiegeln klemmen hinter der Frontscheibe seines Wagens. Der 32-Jährige schaut ständig hinein.



Der Blick zurück ist für Khaled dieser Tage wichtig: Ägypten steht vor seiner ersten freien Parlamentswahl nach dem Sturze Husni Mubaraks. „Ich hoffe wirklich auf einen Mann, der Gutes für unser Land will“, sagt Khaled. „Und ich hoffe auf ein Ende der Revolution.“ Man dürfe ihn nicht falsch verstehen, die Revolution auf dem Tahrirplatz sei gut gewesen. Aber nun, Monate nach dem Sturze Mubaraks harre das Land des Fortschrittes. „Die Demonstrationen halten die Welt an“.

Viele Ägypter denken wie Khaled. Und Khaled weiß, was die Ägypter denken. Er ist Taxifahrer, ein Mann aus der unteren Klasse, der Kunden aller Berufsgruppen, jeden Alters und jeder Konfession durch die Straßen Kairos chauffiert. Wer die Stimmung der ägyptischen Gesellschaft erfühlen will, nimmt Platz in einem der 250.000 Kairoer Taxis und hört zu. Im Frühjahr, drei Monate nach Mubaraks Ende, haben wir Khaled getroffen. Er fährt seit fünf Jahren Taxi, den Wagen pachtet er von einem Bekannten. Ein Taxifahrer kann an einem guten Tag – abzüglich der Pacht – auf zwei, vielleicht drei Euro kommen. Damit ernährt er seine Familie und finanziert die Wohnung. Wie er leben knapp 40 Prozent der Ägypter an der Armutsgrenze, müssen mit zwei Euro und weniger auskommen.

Hassan war am Tag, bevor Mubarak zurücktrat, auf dem Tahrir, „aber ich habe nicht gerufen“, erinnert er sich. „Ich war … nun ja, als Zuschauer mit dabei.“ Am 11. Februar dann, als Mubarak schließlich aufgab, musste er schon wieder arbeiten. Auch er fährt Taxi. Die Revolution war eine Revolution der Akademiker, nicht der Arbeiter. „Ein großer Teil der Menschen war sehr glücklich. Aber ich wusste nicht: Ist das richtig? Oder falsch?“



Sagt Hassan „richtig“ und „falsch“, dann zerhackt er mit seiner rechten Hand die Luft, als könne er den Fahrtgastraum in Pro und Contra unterteilen. Doch in welches Lager er gehört, kann der 41-Jährige selbst nicht sagen. Er soll jetzt zum politischen Menschen werden, Hassan hebt seine rechte Hand wie einen Schutzschild vor sich. In Ägypten erzählt man sich Geschichten nicht nur mit dem Mund, man erzählt sie mit dem Körper.

Noch liegt die Verantwortung beim Militärrat unter Feldmarschall Muhammad Tantawi, der nach Mubarak die Führung des Landes übernahm. Die Demonstranten skandierten damals „Militär und Volk sind eine Hand!“ Im Staatsfernsehen liefen Musikclips, in denen Szenen der Revolution fließend in heroische Militärpropaganda hinüberglitten. Das Bild hat sich gewandelt. Der Militärrat erließ Gesetze zur Zensur und erteile Demonstrationsverbot. Blogger wurden verhaftet, Protestler erschlagen. Das Militär begegnete den Revolutionären mit der gleichen Brutalität wie zuvor die Polizei unter Mubarak. Allein in der vergangenen Woche starben knapp 40 Demonstranten. „Wir haben die Schachregeln geändert“, beginnt ein Witz, den man sich mittlerweile in Kairoer Cafés erzählt: „Wenn der König geschlagen ist, ist das Spiel noch nicht zu Ende. Schließlich sind die Soldaten noch auf dem Feld.“

Khaled, der Taxifahrer, mag den Witz nicht. Man müsse dem Militär Zeit geben, es sei nun die legitime Macht im Land. Er folgt ganz der Staatspropaganda, Stabilität brauche es jetzt, keine weiteren Demonstrationen – „die verhindern doch nur, dass gearbeitet wird“.

„Die“, das sind in Khaleds Augen die Blogger, die zwar online von einem neuen Ägypten schreiben, aber nicht wüssten, mit welchen Problemen der normale Ägypter zu kämpfen hat. 100.000 Protestler sind sie, wenn der Tahrirplatz gut gefüllt ist. Aber Kairo ist eine Stadt mit rund 20 Millionen Einwohnern.

Es gibt eine Schere zwischen jenen, die von politischer Erneuerung träumen und jenen, die das Träumen scheuen. Eine Schere zwischen Leuten wie Dalia, der Wahlkämpferin und Khaled oder Hassan, den Taxifahrern. „Arbeit“, sagt Khaled kurz und knapp, „das brauchen die Leute“. Dalia sagt: „Die Leute brauchen endlich etwas, auf das sie sich verlassen können.“ Aber wie will sie das den Wählern beibringen? „Wir sind im Netz“, sagt Ziada, und so könne sie im ganzen Land wahrgenommen werden.

„Wir, die normalen Leute, sagen ja immer: Möge Gott es fügen, dass uns der regiert, der gut für das Land ist!“ Hassan bringt es auf diese einfache Formel. „Mein ganzes Leben bin ich morgens aufgewacht und kannte nur Husni.“ Nun sei er umringt von den Namen der Kandidaten, überall Wahlplakate, Parteiprogramme, Versprechungen. „Ich habe nie jemand anderen gekannt“, sagt Hassan. Wieder hebt er seine Hand wie einen Schutzschild.

Muhammad: "Es gibt gute wie schlechte Kunden“



Muhammad Ali: "Das ägyptische Bildungssystem ist gescheitert“



Muhammad: „Die Polizisten sind viel netter geworden“



Hassan: "Ich kannte nur Husni“



Khaled: "Die Demonstrationen halten die Welt an“




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Wie Ägypten wählt

Am heutigen Montag beginnen in Ägypten die ersten freien Parlamentswahlen nach Husni Mubaraks Sturz. Gewählt wird in drei Stufen: Am 28. November, 14. Dezember und 3. Januar bestimmen die Ägypter ihre Volksvertreter für das Unterhaus des Parlaments. Am 29. Januar soll die Wahl zur zweiten Kammer, der „Schura“, beginnen. 504 Plätze gibt es, ein Drittel davon wird über Direktmandate vergeben, der Rest über Parteilisten. Die Hälfte aller Sitze entfällt dabei an Arbeiter und Bauern.

Im Frühjahr 2012 wollen die neuen Parlamentarier dann eine verfassungsgebende Nationalversammlung bilden. Besonders gute Chancen haben die Muslimbrüder mit ihrer „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“ – ihnen werden circa 30 Prozent der Stimmen prophezeit.

Die Autoren

Christoph Borgans und Marc Röhlig sind Islamwissenschaftler und arbeiten als freie Journalisten im Orient. Beide bereisen regelmäßig die Länder von Marokko bis Pakistan. In Kairo haben sie im Frühjahr die Taxifahrer begleitet und nun die Ereignisse vor den Wahlen beobachtet. Marc Röhlig ist zudem Herausgeber von soukmagazine.de – und wurde für seine Geschichten unter anderem mit dem Grimme Online Award und dem CNN Journalist Award ausgezeichnet.

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[Bild 1: dpa, Bild 2 & 3: Marc Röhlig]