Die Pariser Vélorution

Julika Herzog

Paris, Stadt der Liebe, Stadt der Mode, Stadt der neusten Trends. In diesem Sommer gab es davon einen ganz besonderen, der jetzt dem Besucher der französischen Hauptstadt überall ins Auge sticht: Passend zu Ökowelle und Gesundheitstrend wurden vom Pariser Rathaus die so genannten Vélibs installiert. Das Vélib- Abkürzung für "vélo en libre service"- ist das Fahrrad im freien Service für jedermann.



Der Name Vélib enthält auch das Wortspiel von „vélo“- dem Fahrrad- und „liberté“- der Freiheit. Diese neue Freiheit auf den Pariser Straßen bedeutet konkret: alle 300 Meter Stationen mit Fahrrädern für den öffentlichen Gebrauch und zwar „24 heures sur 24“, 7 Tage die Woche.


Der gesundheitsbewusste Pariser kann für 1 Euro am Tag, 5 Euro die Woche oder 29 Euro für das Jahresabo überall in der Stadt spontan ein Fahrrad ziehen. Man braucht dafür nur eine Kreditkarte, die mit 150 Euro Sicherheitsgebühr belastet wird. Dann muss man sich noch durch das Ausleihsystem arbeiten: an jeder Station steht eine Selbstbedienungssäule (siehe Bild unten), an der man die Anweisungen befolgt und wenn man die schließlich verstanden hat, kann man sich auf sein Vélib schwingen und die Stadt auf dem Drahtesel erkunden. Für lange Sightseeing-Touren ist das Pariser Fahrrad allerdings nicht geeignet: Die erste halbe Stunde ist mit dem Abo umsonst, dann wird’s aber immer teurer.



Dieses System erklärt den Sinn des Vélibs: die Fahrräder sollen nicht, wie zum Beispiel in Kopenhagen, eine nette Sommerunterhaltung für den Stadtmenschen oder auch den Touristen sein; Sie sollen vielmehr zu einer Transport-Alternative zum Auto werden und somit zu einer Medizin gegen den ständigen Stau und den damit verbunden CO2-Austoß. Dafür muss natürlich ein fliegender Wechsel des Transportmittels möglich sein, keiner sollte ein Fahrrad für den ganzen Tag blockieren, damit alle zu jeder Zeit mit dem Fahrrad von A nach B fahren können.

Deshalb gibt es in Paris 750 Vélib-Stationen und über 10.000 Leihfahrräder, bis zum Jahresende wird die Zahl sogar verdoppelt. 20.000 Fahrräder zusätzlich zum alltäglichen Chaos auf Pariser Straßen, dafür braucht es Übung. Deswegen hat das Rathaus einen Benimmfaden für Vélib-Nutzer herausgebracht und die französische Gendarmerie verteilt fleißig Knöllchen, auch schon mal gerne für 80 Euro.



Die flächendeckende Versorgung der ganzen Stadt mit Fahrrädern ist die Neuheit des Pariser Vélib-Systems. Auch in anderen Städten, wie Kopenhagen, Barcelona, Helsinki, Wien, Brüssel und auch Stuttgart gibt es ähnliche Stationen zum Fahrradausleihen. Und hier ist die erste halbe Stunde ebenfalls nach Kauf eines günstigen Abos kostenlos oder der Verleih ist sogar von vorneherein umsonst. Aber man muss zunächst einmal eine der wenigen Station mit einer kleinen Anzahl an Fahrrädern finden, um das System zu nutzen und im Winter werden die Stationen in den meisten Städten geschlossen.

Anders in Paris: 20.000 Fahrräder und Stationen alle 300 Meter rund ums Jahr, das gibt es bis jetzt nur hier. Der Erfolg gibt dem neuen Transport-System der Metropole recht. Auch im November, trotz winterlichen Temperaturen und Regen zählt das Vélib zwischen 114.000 und 170.000 Nutzer am Tag! Die Pariser lieben das kleine, graue Fahrrad.



Das Stadtbild hat sich verändert: In der Stadt, in der bis vor kurzem nur vereinzelt ein Fahrrad zwischen all den Autos und Rollern hervorstach, gibt es heute Fahrradwege und deren Nutzer finden sich an jeder Ecke. Manche gehen sogar soweit zu behaupten, Paris würde zu einem zweiten Amsterdam.

Nicht nur die Umweltfreundlichkeit und die Verhinderung von Staus sind ein Vorteil des Vélibs, auch der Schutz vor dem Diebstahl des eigenen Fahrrads ist ein positiver Begleiteffekt des Leihrads. Dieses ist allerdings nicht vor Randale sicher: viele Fahrräder haben platte Reifen, kaputte Lenker oder gesprungene Ketten. Deswegen hat der Betreiber JCDecaux ein Reparaturschiff auf die Seine geschickt. Es macht den ganzen Tag eine Stadttour zu Wasser und sammelt die kaputten Fahrräder ein, repariert sie und schickt sie direkt wieder auf die Straßen- damit auch immer Fahrräder da sind, wenn sie gebraucht werden.

Trotzdem werde diese manchmal knapp: zur Rush-Hour sind die Stationen in der Innenstadt oft verwaist. Wenn man dagegen am frühen Morgen nach dem Feiern nur noch vom Fahrrad ins Bett fallen will, ist die Station voll- und man muss sich auf die Suche nach einem leeren Parkplätzchen für das Fahrrad begeben. Dieser findet sich dank der vielen Stationen allerdings meistens doch recht schnell.



Dieser kleinen Nachteile zum Trotz ist das Pariser Vélib eine Vision für die Zukunft des Verkehrs der gigantischen Metropolen von heute. Sogar der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone zeigte sich bei seinem Besuch der französischen Hauptstadt im September von den Vélibs so begeistert, dass er kurzum erklärte, er wolle in London ein ähnliches System installieren. Vielleicht gibt es bald eine flächendeckende Fahrradversorgung für jedermann: das Fahrrad neben Bus und Bahn als neues, zu Hundertprozent schadstofffreies, öffentliches Verkehrsmittel Europas? In Paris feiert das Vélib einen solchen Erfolg, dass Le Figaro schon von einer „Vélorution“ spricht.  Mobilität, Unabhängigkeit und Umweltschutz in einem Verkehrsmittel vereint- eine solche Fahrradrevolution könnte der Verkehr im Rest dieser Welt auch gut gebrauchen.

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Vélib: Website