Die Orsons im Spiegelzelt: Helene statt Savas

Daniel Laufer

"Hinterlass das Klo bitte so, wie du’s selber vorfinden magst!" Die Orsons waren das bislang größte What the fuck in diesem ZMF-Jahr. Das Spiegelzelt haben sie gut gefüllt, aber ob's auch gut war? Der Autor denkt noch drüber nach:



Ja, es ist heiß. Natürlich ist es heiß, den ganzen Tag war es heiß, der Schweiß läuft - dazu braucht man gar nicht in irgendein Zelt zu gehen. Aber wird das noch so ein Text - übers Wetter? Nein. Denn: Der größeren Hälfte des Orsons-Publikums scheint die Hitze ziemlich schnurz zu sein.

Eine halbe Stunde vor Beginn wartet die beachtliche Traube junger Menschen vor dem Eingang, zu alt für die Puppenbühne, zu jung für Turbostaat und erst recht die Donots parallel im Zirkuszelt, gerade perfekt aber für die Orsons - oder eher: deren aktuelles Album. Sie sind in diesem Alter, in dem Konzerte Events sind, bei denen sie ganz nach vorne müssen, alles auskosten wollen. Deshalb wuseln sie nach drinnen, sobald die Tür aufgeht.

Nicht so der Autor. Der sitzt auf der Bierbank, schlürft kühles Fürstenberg aus dem Plastikbecher, tut es der kleineren Hälfte der Gäste gleich. Hip-Hop-Heads, die Seniorenfraktion: Sie kennt Orsons-Mitglied Maeckes noch aus der Zeit, in der er einen Wasserschaden hatte oder Tua, seit er bei Staiger oder Samy unter Vertrag war.

Einige fachsimpeln, ein Mutiger spricht den ersten richtig guten Satz des Tages aus - man weiß gar nicht, worauf er sich bezieht, aber egal, denn: „Das passiert auf 'nem Festival halt, Mann!“ Das ZMF, ein Festival halt. Wie Rock am Ring. Oder das Splash!

Blick auf die Uhr, Zeit für den Refill. Feststellung: Ein Herr mit Ramones-Shirt bedient. Noch interessanter ist das Shirt des jungen Mannes, der bestellt - mit dem Schriftzug der Freiburger Rap-Crew „Rieseneinlauf“. Er nennt sich Mic-O und haut den zweiten guten Satz raus: „Ich brauch’ jemanden, der mich heimfährt!“ Alter, so sollte dein nächster Track heißen.

Everybody does as he pleases

Könnte natürlich auch ein Song der Orsons werden. Die starten mit „What’s Goes?“. „In my homeland Baden-Württemberg everybody does as he pleases.“ Das zusammengeschnippelte Günther-Oettinger-Sample höhnt durchs Spiegelzelt, der Reihe nach betreten die Protagonisten die Bühne: Bartek, Kaas, Maeckes, Tua. Die ersten Songs stammen vom neuen Album, eine Mischung aus Bällebad und Swimming-Pool. Sie tragen Titel wie „Lass uns chillen“.

Bald schon folgt der Kitschoverkill, den sich niemand außer Kaas erlauben könnte, mal wieder mehr Helene als Savas. Er singt: „Jeden Morgen, wenn die Sonne um 5 Uhr aufsteht, sag’ ich ihr Hallo und schau’ ihr ins Gesicht, denn egal wie viel’ Wolken sich uns in den Weg stell’n - wenn ich nach ihr rufe, dann zeigt sie sich.“ Eine Prise Küchenphilosophie: „Es gibt immer was, für das man dankbar sein kann.“ Als dann noch die Tonart einen Satz nach oben macht und die Hook aufs Neue über das Publikum hereinbricht, muss der Autor schnell an die Bar. Gin Tonic schnell, Homie.

Nach etwa 20 Minuten kommen die Orsons langsam in Abrissstimmung. „Zambo Kristall Merkaba“, ein Beat für die Baustelle, Maeckes in altbekannter Form. „Rapper zeigen mir ihre Alben, ich ihnen den Spiritus in meiner Hand. Wie ich es fand? Ich lächle und zünde mich langsam an.“ Zwischendrin blitzt der romantische Zyniker auf, meistens dann, wenn die Songs schon etwas älter sind. Ähnlich ist’s bei Tua, dem mürrischen Eigenbrötler, der früher auf der Bühne wie ein Fremdkörper wirkte, sich im Spiegelzelt aber selbst zu einem Solo an der Talkbox hinreißen lässt.

Bald wird die Flucht an die Bar zu einem fortwährenden Rückzug. Der Autor hat keine Wahl, denn schon wieder hat sich Kaas das Mikrofon geschnappt. „Hinterlass das Klo bitte so, wie du’s selber vorfinden magst! Soll ich’s jetzt renovier’n oder wie, oder wo, oder was, was, was?“

Früher war alles besser

Immerhin belohnt wird, wer wartet - bis die Mehrzahl der neuen Trash-Tracks durch ist. „Kim Kwang Seok“ wird dann ausgekramt, die Ode an den verstorbenen Sänger - „Koreas Kurt Cobain“. Fantastisch auch „Lagerhalle“, ein Track, der Tuas Handschrift aufweist. Ein wenig Melancholie, ein wenig Pathos - so hat sich der Autor das gewünscht. „Falls wir irgendwann mal schlafen gehen, wird sicherlich die Sonne schon schei’n“.

Vielleicht ist die Bar ja einfach der Ort, um so ein Konzert zu verfolgen, aber: Gegen Ende hin werden auch die schwächeren Nummern erträglich, man findet sich nach dem ersten Schock damit ab. Ein wenig Banalität, ein bisschen Trash können auch mal ganz schön sein. Wie „Schwung in die Kiste“, den Song, mit dem die Orsons gerade erstmals ein wenig omnipräsent scheinen. Verdient hätten sie das schon viel früher, wenn auch für ganz andere Nummern. Nun ist’s eben so ausgegangen. „Kiiischde“ stimmen sie natürlich auch im Spiegelzelt an.



„Sollten unsere Kinder irgendwann mal meckern, ‚früher war alles besser‘, dann meinen sie damit jetzt“ - die Hook des Tracks „Jetzt“ kurz vor Schluss. Vielleicht der stärkste Moment am ganzen Abend - es ist einer dieser Zeitgeist-Tracks, die einen Nerv treffen. Begleitet von Tristan Brusch, einem großartigen Singer-Songwriter, dessen Solo-Werke viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, bieten die Orsons einen versöhnlichen Abschluss an.

Das Konzert ist vorbei, dem Autor ist schwindelig. Wird das nun doch noch ein Hitze-Text? Oder einer, so strukturlos wie die Orsons? Raus in die Nacht.

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Foto-Galerie: Florian Forsbach

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