Die Orientierungsläuferin

Marie Schächtele

Blaue Augen, blonder Zopf, gelbes Polo, Blümchenohrringe und Jeans: Lotte Murmann, 20, aus Gundelfingen ist Orientierungsläuferin. Was das für ein Hobby ist und inwiefern es ganz gut zu ihrer Ausbildung zur Polizistin passt, hat sie uns erzählt.



Lotte, du machst Orientierungslauf. Was ist das?

Eine Sportart, kurz OL, die sich zusammensetzt aus Laufen und Orientieren. Sie kommt aus Skandinavien, weil man das hauptsächlich im Wald macht und nur manchmal in Städten und Parks. In Deutschland ist das weniger bekannt.

Seit wann machst du das?

Seit fast zehn Jahren. Diese Sportart wurde damals schon im Sportverein in Gundelfingen angeboten.

Was geschieht beim OL?

Der Orientierungsläufer startet mit einer Karte, die alle Details der Gegend angibt. Das sind im Wald zum Beispiel alle Bäume, Steine und das Höhenprofil. Außerdem hat man einen Kompass und eine Postenbeschreibung, denn es gilt, mehrere Ziele, so genannte Posten, in einer vorgegebenen Reihenfolge anzulaufen.

Ist das anstrengend?

Es gibt ständig Tempowechsel. Manchmal auf Wegen, auf denen man schneller rennen kann, aber auch querfeldein, wo es nur langsamer geht. Ein Chip speichert, an welchen Posten man bereits war. Dabei wird die gesamte Dauer des Laufs gemessen. Ziel ist, alle Posten möglichst schnell erreicht zu haben.



Wie lange dauert ein Lauf?

Das ist verschieden. Ein „Sprint“ dauert 10 bis 20 Minuten, „Mittelstrecken“ etwa 30 Minuten, lange Strecken etwa 70 Minuten und ultralange Strecken etwa zwei Stunden. Ein besonderer Lauf, an dem ich teilgenommen habe, fand im Zweierteam statt und hat zwei Tage gedauert. In der Schweiz, auf 3000 Metern Höhe, bepackt mit meiner Ausrüstung, darunter ein Schlafsack, ein Zelt und Lebensmittel.

Da braucht man sicher eine gute Orientierung.

Ja. Es kommt darauf an, die ganze Zeit über eine spezielle Route im Kopf zu haben und während des Rennens viele Male zu entscheiden, in welche Richtung man weiterläuft. Wir gehen nie die gleiche Strecke zweimal.

Außer in deinem Heimatwald, nehme ich an?

Im Wald, bei dem ich wohne, kenne ich wirklich jeden Baum.

Was ist, wenn nicht?

Früher, als Kind, habe ich mich schon verirrt. Dann muss man versuchen, zu einem markanten Punkt, wie einem Strommast, zurückzulaufen. Man findet immer irgendwie zurück. Noch niemand ist im Wald verschwunden.



Ach?

Eine Frau ist mal in einem engen Felsen stecken geblieben. Aber auf seinem Weg durch den Felsen hat sie ein anderer Läufer durchgekickt. Es gibt übrigens auch die Möglichkeit, Trillerpfeifen mitzunehmen.

Du hast also keine Angst im Wald?

Ich denke, da ist es ungefährlicher als in der Stadt. Wenn jemand mich angreift, würde ich schnell wegrennen. Einmal ist mir ein Wildschwein begegnet.

Und dann?

Das Wildschwein ist abgehauen. Die haben in der Regel mehr Angst vor uns als wir vor ihnen.

Du gehst also stets alleine los?

Ja, fast immer. Der OL ist eine Einzelsportart. Bei Wettkämpfen gibt es verschiedene Kategorien für Frauen und Männer unterschiedlichen Alters. Die Angehörigen einer Kategorie haben eine bis vier Minuten Abstand zum vorhergegangenen Gegner. Es kann sein, dass man Läufer mit einer anderen Strecke oder der gleichen trifft oder dass man niemanden trifft.

Wie oft läufst du?

Früher habe ich viel trainiert und bei Wettkämpfen mitgemacht. Inzwischen habe ich wegen meiner Ausbildung als Polizistin keine Zeit mehr, regelmäßig zu laufen.



Du wirst Polizistin?

Ja. Die Konsequenz zu trainieren, hilft mir jetzt in der Ausbildung. Ich habe gelernt, Herausforderungen anzunehmen und Selbstvertrauen zu haben, mich zu konzentrieren und ruhig zu bleiben. In einem psychologischen Gespräch vor Beginn meiner Ausbildung konnte ich die Situationen, wie ich während des Orientierungslaufs handeln würde, auf den Alltag beziehen.

Trotzdem: früher nannten wir so was ganz einfach Schnitzeljagd, oder?

Als Kind ist ein OL wirklich sehr spielerisch. An manchen Posten kriegt man dann als kleine Motivation auch eine Süßigkeit oder so was. Wenn ich heute einen Posten erreiche, bin ich erleichtert und motiviert, auch ohne Bonbon. Denn das Laufen und gleichzeitige Denken ist immer ein Abenteuer.

Mehr dazu:

Web: Orientierungslauf in Baden fudder.de: Der Schatz am Galgenberg