Die Nervfrage: Wer wird's?

Hanno Riethmüller

Hanno Riethmüller, von Kennern auch als "Bernd Schneider vom FT-Kunstrasenplatz" eingestuft, wird von nun an ab und zu für unseren WM-Blog schreiben. Heute macht er das über die Frage, die er in den vergangenen Tagen am häufigsten gestellt bekam.



Auf Dauer ließ es sich im Freundeskreis nicht verheimlichen, dass ich mich für Fußball interessiere. Die jahrzehntelange Verweigerung samstagnachmittäglicher Kontaktaufnahme ist verräterisch. Jedenfalls gibt es Menschen, die mich deswegen unverständlicherweise für jemanden halten, der sich mit der Materie auskennt.


So kommt es, wenn eine Fußball-Welt- oder Europameisterschaft ansteht, immer wieder zu folgendem Dialog, der mit den Worten beginnt:

„Und? Wer wird’s?“

„Hä?“

„Weltmeister!“

„Was?“

Ich gestehe, ich neige dazu, meine Umwelt zu vollständigen deutschen Sätzen zu nötigen. „Wer wird Weltmeister?“

„Woher soll ich das wissen? Hat Nostradamus nichts dazu gesagt? Frag doch die Astrotante Elisabeth Tessier.“

Den brüskierenden Redefluss unterbrechend, versucht mein Gegenüber dann etwas kleinlaut die Unterhaltung in die richtige Bahn zu lenken:

„Nein, du weißt doch, was ich meine. Wer wird … also … Wer sind … nein, äh … Was meinst du denn? Wer hat die besten Chancen?“

Damit kann ich arbeiten! Jetzt schlägt meine große Stunde und meinem Gesprächspartner wird schlagartig klar, dass er einen Anfängerfehler beging, weil er vergessen hat, ein Vesper mitzunehmen und dieses Jahr eigentlich noch mit seinem Auto zum TÜV wollte. Aber zu spät.

„So einfach lässt sich das nicht sagen. Die Südamerikaner darf man ja nie außer Acht lassen und die Europäer … also Deutschland, ich weiß ja nicht … und die Franzosen? Mit dem Trainer? Aber die Engländer, wegen des Trainers vielleicht … Holland, haha, mit Pauken und Trompeten … Dänemark, wie ’92, eher nicht … Spanien ist immerhin Europameister … an die Afrikaner glaub ich nicht … obwohl, Südafrika mit dem Heimvorteil … eine Überraschungsmannschaft ist immer dabei … durchschummelnde Italiener … Argentinien, wer weiß … Brasilien, immer möglich … “

Mein ausgemergelter Zuhörer ist jetzt freilich nicht schlauer als vorher. Hätte ihm doch ein einfaches „Deutschland“,  „Brasilien“ zur Not auch „Griechenland“, „Nordkorea“ oder „Österreich“ gereicht, alles andere interessiert ihn eh nicht.

Nachdem er sich geschwächt, aber erleichtert von mir verabschiedet hat, um sich wieder der realen Welt zuzuwenden, rufe ich ihm noch hinterher: „Ach übrigens, Spanien wird’s!“

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