Die mächtigen Kassierer - dumm und glücklich

David Weigend

Heute früh um 0.15 Uhr im Crash: Raumtemperatur gefühlte 90 Grad, Pilsdusche, entblößte Hinterteile auf der Bühne, freundliche Anarchie. Die mächtigen Kassierer haben gerufen, Freiburg ist gekommen. Ein heiserer Bericht.

Das aktuelle Kassiereralbum "Männer, Bomben, Satelliten" ist vor fast genau drei Jahren erschienen. Die neuesten Kassierersongs, drei Jahre alt. Macht nichts. Crash ausverkauft. Die, die nicht mehr reinkommen, ziehen sich das zerrissene Hemd aus, setzen sich an den Bordstein und spielen selber Kassiererlieder auf der mitgebrachten Gitarre. Unten im Keller geht's zu, wie es auf einem Kassiererkonzert eben zugeht. Die gepflegten Schrittfolgen von der Tanzschule Gutmann sieht man eher selten, stattdessen springen die Zuhörer herum wie auf einem Kindergeburtstag mit antiautoritären Betreuern.


Ein paar Kerle schwingen da vorn, an der Bühnensäule herum, halb bierselig, halb komatös. Es riecht hier so, als hätten zwei Alkoholiker guten Sex.

Das Quartett aus Wattenscheid macht, wie man in schlechtem Deutsch sagen darf, keine Gefangenen, geht voll auf die Zwölf und läßt dabei nichts anbrennen.Hit jagt Hit. "Zu voll zum Verkehr", "Mach die Titten frei, ich will wichsen" (auch von den zahlreichen Damen im Publikum mitgegrölt), "Kein Geld für Bier" und die frivole Chansonnette "Älterer Herr":

Er muß streng zu mir sein, denn ich brauche eine straffe Führung
Erst ab 60 wirst du interessant
Ich weiß, dass ich keine Schönheit bin,
aber ich gleiche es damit wieder aus,
dass du alles an mir ausprobieren kannst.

Das singen die Kassierer einigen auf die Bühne gestiegenen Fans direkt ins Gesicht. Vielleicht der intimste und perverseste Augenblick des Gigs.

Den prächtigsten Anblick bietet wie immer Sänger Wölfi, so, wie Gott ihn schuf.

Schon nach einer halben Stunde entledigt sich der Mann mit der unglaublichen Wampe seiner Unterhose und zündet sich eine Zigarette an. Friedlich steht er auf der Bühne, als wäre sie ein FKK-Strand, dann nimmt er wieder ein Blatt Papier in die Hand und liest irgendeinen der neueren Songtexte ab. Wölfis Gedächtnis scheint nachgelassen zu haben.Der große Unterschied zu Pete Doherty: Wölfi verträgt mehr. Und er hat kein mageres Model zur Freundin. Dafür vermutlich Pornos im Tourbus und das Crash auf seiner Seite.

Ein spaßiges Konzert, das im Mittelteil eine Schwulenrevue mit Arschzeigen enthält und wie immer endet im gelalten Refrain von "Im Jenseits gibt es kein Bier".

Einen tieferen Sinn sollte man hier gar nicht erst suchen. Warum einen Sinn suchen, wenn es auch ohne geht, fand schon Robert Musil im "Mann ohne Eigenschaften". Der Mann ohne Kleidung auf dem ersten Foto wurde übrigens nicht im Crash fotografiert, sondern bei einem früheren Gig. Die Situation war heute früh aber quasi identisch. Wölfi ist höchstens ein wenig fetter geworden.