Die Liebeskummerpraxis

Rebecca Schnell

Silvia Fauck (52) ist staatlich geprüfte psychologische Beraterin. Sie hat in Berlin die erste Liebeskummer-Praxis Deutschlands aufgemacht und hilft Menschen, ihren Kummer zu überwinden. Wie sie das macht, hat sie unserer Mitarbeiterin Rebecca verraten. Und einiges Wissenswertes über Männer dazu.



Frau Fauck, wie kamen Sie auf die Idee, eine Liebeskummer-Praxis zu eröffnen?


Silvia Fauck
: Ich führte schon lange eine Beratungspraxis, in der ich Ratsuchende in Krisen beraten habe. Verlust des Partners, Mobbing, Burn-out. Doch bald wurde klar, dass 90 Prozent der Klienten Beziehungsprobleme hatten, oft Liebeskummer. Da lag es nahe, mich ganz auf diesen Bereich zu konzentrieren.

Liebeskummer kennt ja jeder, braucht man da psychologische Beratung?

Wer einmal in seinem Leben richtigen Liebeskummer hatte, weiß, dass man ihn besser überwindet, wenn man bei einem Außenstehenden Hilfe sucht. Es ist ganz wichtig, dass die Beratung wertfrei ist. Das kann also nicht die Mutti oder die Freundin übernehmen, weil die immer Partei ergreifen und eben keine neutrale Sicht haben. Ich selbst bezeichne mich vor allem als Coach, im Sinne eines Freundes auf Zeit.

Das Schlimme am Liebeskummer ist ja, dass man sich vollkommen alleine und unverstanden fühlt. Kann Liebeskummer überhaupt von Außenstehenden begriffen werden?

Das ist ganz schwierig, denn Liebeskummer ist sehr individuell, jeder spürt ihn anders und geht unterschiedlich damit um. Ich bin ja nicht mehr ganz jung und hatte auch schon Liebeskummer. Meinen schlimmsten hatte ich allerdings, als ich mit 49 Jahren verlassen wurde. Um zu verstehen, was in einem Menschen mit Liebeskummer vorgeht, muss man die Erfahrung unbedingt selbst gemacht haben. Ich versuche, mich in jede einzelne Position hinein zu versetzen. Dabei muss man immer absolut ehrlich, ja knallhart sein und auch unangenehme Wahrheiten sagen. Viele verstehen nicht, warum sie verlassen worden sind, weil sie sich in ihrem Leid verrennen und ihre Schuld nicht sehen.

Wie sieht eine Liebeskummer-Beratung bei Ihnen aus?


Als erstes erzählt der Klient seine komplette Geschichte. Der erste Schritt ist aktive Trauerarbeit. Dann versucht man gemeinsam, das Selbstwertgefühl des Betroffenen wieder aufzurichten. Am Ende der Therapie geht es darum, dem Klienten Vertrauen in sich selbst und in eine neue Beziehung zurück zu geben. Die Rolle, die ich dabei übernehme, wechselt ständig. Manchmal ist man der Trauerbegleiter, mal der Analytiker und mal der Coach. Das Verrückte an Liebe und Emotionen ist ja, dass es immer anders ist. Nicht wie bei einem Magengeschwür, wo es nur drei Möglichkeiten gibt, um es loszuwerden.

Wer kommt zu Ihnen in die Praxis?

Das Publikum ist bunt gemischt, schließlich trifft es jeden gleich. Nur junge Menschen kommen eher selten. Sie machen Liebeskummer eher unter sich aus.

Ist Ihre Botschaft eher: Erstmal lernen, alleine zurecht zu kommen? Oder bereiten Sie Ihre Klienten auf eine neue Beziehung vor?

Beides vermischt sich. Wenn jemand richtig hintergangen wurde, ist das Vertrauen zum Partner, aber auch zu sich selbst völlig zerstört. Man fragt sich: Wo habe ich Idiot denn hingefühlt? Dieses Vertrauen wieder herzustellen, ist eigentlich das Schwierigste. Die Trauer ist irgendwann überwunden, das Selbstbewusstsein kommt auch nach und nach wieder. Aber es kann sehr lange dauern, bis man wieder Vertrauen zu sich selbst und in eine neue Beziehung fasst.

Kann es helfen, sich mit einer neuen Beziehung über die alte hinwegzutrösten?

Das ist ja das Syndrom unserer Männer. Ich nenne das „Beziehungshopping“. Es gibt natürlich auch Frauen, die versuchen, sich mit was Neuem abzulenken. Das sind meistens Frauen mit männlichen Anteilen. Andersrum gibt es auch weiche Männer. Die leiden ähnlich wie Frauen und sind sehr lange nicht bereit für eine neue Beziehung oder Bettgeschichte. Eine Beziehung, die man nicht richtig verarbeitet hat, holt einen immer wieder ein. Deshalb hilft „Beziehungshopping“ langfristig auch nicht. Jemand, der was fürs Bett sucht, wird natürlich schnell fündig. Aber die Wahrscheinlichkeit, direkt nach der Trennung eine neue große Liebe zu finden, ist sehr gering. In sechs Jahren habe ich nur ein einziges Mal erlebt, dass eine neue Beziehung unmittelbar nach der Trennung funktioniert. Die Klientin wollte sich eigentlich gar nicht neu verlieben. Vor einer Woche hat sie mir ihr Hochzeitsbild geschickt. Ein seltenes, schönes Beispiel.

Glauben die meisten Menschen, die zu Ihnen kommen, noch an die große Liebe?

Die Hoffnung hat jeder. Niemand will allein sein, jeder träumt vom großen Glück. Bei mir empfinden die Menschen jedoch Wut und Unglück, der Glaube an die große Liebe ist erstmal erschüttert. Aber natürlich gibt es die große Liebe.

Warum gehen so viele Beziehungen zu Bruch?

Ein Stück weit ist das sicher eine Zeiterscheinung. Die Leute wollen nicht mehr um eine Beziehung kämpfen. Die Ansprüche sind zu hoch und alles ist erlaubt. Man möchte immer mehr, denn es könnte immer noch besser sein als vorher.

Was halten Sie von der Partnersuche im Internet?

Ich bin strikt dagegen! Wenn ein Mann sich in einer Woche mit acht verschiedenen Frauen trifft und davon fünf Mal Sex hat, dann ist sicher nicht die große Liebe dabei. Ich erfahre fast ausschließlich von traurigen und chaotischen Geschichten. Das sind ja genau die Menschen, die dann heulend bei mir in der Praxis sitzen. Auch im Internet wird gelogen und betrogen. Viele suchen im normalen Leben gar nicht mehr nach einem Partner. Es gibt Männer, die verabreden sich per Internet mit einer Frau, und wenn die nur einmal falsch guckt, wird das Date abgebrochen und man sucht im Internet eine Neue. Das hat nichts mit Liebe und echtem Kennenlernen zu tun. Das gilt jedoch für Frauen und Männer gleichermaßen.

Unterscheiden sich männlicher und weiblicher Liebeskummer?

In der Regel nicht, aber Männer sind schneller getröstet. Sie sind in der Lage, schneller den Schalter im Kopf umzulegen und auch früher wieder mit jemandem ins Bett zu gehen. Frauen hängen länger durch, leiden und warten auf die nächste große Liebe, während Männer sexuelle Kontakte früher wieder genießen können, selbst wenn keine Liebe im Spiel ist. Das können wenige Frauen.

Sollten Frauen manchmal auch versuchen, sich mit einer 'Affäre' abzulenken?

Ich bin der Coach, der Freund, der Begleiter in dieser beschissenen Zeit. Aber ich bin nicht befugt, Menschen zu ändern. Ich rate keinem: Gehen sie mal mit jemandem ins Bett!

Was passiert, wenn Sie selbst Liebeskummer haben?

Das gab es schon vor einigen Jahren, eigentlich konnte ich das gut vereinbaren mit meinem Beruf. Meine Klienten haben mir meinen Kummer angesehen und fanden das ganz toll. Sie fühlten sich noch wohler, weil sie wussten: Die weiß, wovon sie redet. Es ist ganz wichtig, eine persönliche Atmosphäre zu schaffen. Schließlich erzählt man sich gegenseitig Intimitäten, da muss man auch Vertrauen haben.

Macht Ihnen Ihr Job Spaß?

Ja, ich lebe für meinen Job! Natürlich ist er auch belastend, ich nehme die Geschichten meiner Klienten oft mit ins Bett. Man kann das nicht einfach abschütteln, wenn man den Job gut machen will.

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