Punkkneipe

Die letzten Nächte im Walfisch: So schwer war der Abschied

Andreas Meinzer

Das Club- und Kneipensterben in Freiburg geht weiter: 16 Jahre lang hat Michael Schniepp, von allen nur "Mitch" genannt, in der Oberwiehre den Walfisch betrieben und zu einer Punkszenekneipe gemacht. fudder war beim Abschied dabei.

Zu Neujahr ist Schluss im Walfisch, nach einem fulminanten, dreitägigen Konzert- und Partymarathon. Wie sich der Abschied anfühle? "Ich bin froh, wenn es vorbei ist", sagt Mitch, der den Laden 16 Jahre lang betrieben hat. "Die Szene ist kaputt und es kommt kein Nachwuchs". Sein persönlicher Nachwuchs ist dafür noch zu jung: Gerade ist er Vater von Zwillingen geworden und nimmt sich nun erst einmal Elternzeit.


Konzerte wird er hin und wieder auch noch veranstalten, wohl schwerpunktmäßig im Café Atlantik – der einzigen Kneipe, die er außer seiner eigenen in den letzten Jahren selbst besuchte, wie er betont. Des weiteren will er seine Tätigkeit als Manager der Punkband The Exploited fortsetzen. Eine Kneipe wird Mitch nicht mehr aufmachen – "zumindest nicht in Deutschland", sagt er angesichts bürokratischer Auflagen und hoher Pachtpreise.

Einen Nachfolger gibt es noch nicht

Ein Nachfolger für ihn hat sich bisher nicht gefunden. Potentiellen Interessenten waren die Pachtforderungen zu hoch, die immer weiter angehoben wurden. Bis auf weiteres wird der Walfisch leerstehen. Die Brauerei Ganter will den Laden renovieren, unabhängig von der Frage der Nachfolge. Es liege nahe, dass die Sanierungskosten auf die Pacht des potentiellen Nachfolgers umgelegt werde, bedauert Mitch. Die Einrichtung und die augenfälligen Plastiken, die dem Innenraum sein besonderes Flair verliehen haben, sind bereits verkauft.
"Es waren tolle Leute hier" Michael "Mitch" Schniepp
Auch wenn ihn in letzter Zeit die Lust verließ – besonders "die letzten drei Monate waren nur noch Scheiße" – erinnert sich Mitch gerne an seine Gäste und Mitarbeiter zurück. "Es waren tolle Leute hier", "besonders die Wandergesellen". Vereinigungen (sogenannte "Schächte") unterschiedlicher Wandergesellen hatten im Walfisch traditionell die ganzen Jahre über ihre Herberge.



Auch bei den letzten Konzerten und Partys sind sie wieder zahlreich vertreten. Christian Clausen (30), ehemaliger Wandergeselle und heute Zimmerermeister, Angehöriger des ältesten und größten Schachtes der "Rechtschaffenen Fremden", erzählt, wie Mitch sich von Anfang an wie ein Vater um sie kümmerte, sich immer für sie einsetzte. Er habe geholfen "wie und wo er konnte" – "ein Mann der Worte und Taten", hebt er hervor.

Der Walfisch war die Heimat von Wandergesellen

Im gleichen Gebäude wie die Kneipe befindet sich das Gemeinschaftszimmer der Gesellen, die dort in wechselnder Zusammensetzung 20 Quadratmeter bewohnen und teils in Stockbetten, teils nur auf Matratzen schlafen. "Wir haben Mitch nur einen 'Heiermann' (ein Fünfmarkstück, d. Red) zahlen müssen und er hat das dann alles mit Ganter geregelt", berichtet Christian.

Im Gegenzug halfen die Wandergesellen immer wieder gerne beim Aufbau der Bühne, an der Tür, wenn Konzerte stattfanden oder bei größeren Arbeiten wie der Verlegung des Holzbodens. Die Namen der beteiligten Wandergesellen sind ins Parkett eingeschrieben. Mit dem Ende des Walfisch ist nun auch die Situation der Wandergesellen ungewiss. Die Kosten für Sanierungsarbeiten schätzt Zimmermannsmeister Christian auf rund eine halbe Million Euro, darunter allein bis zu 300.000 Euro für einen zeitgemäßen Brandschutz. Auch die Küche sei, vorsichtig ausgedrückt, nicht mehr auf dem neuesten Stand.
"Hier durfte auch randaliert werden" Gast und Thekerin Sarah
Sarah F. (31) ist Gast im Walfisch seit sie 15 war ("aber der Jugendschutz wurde hier sehr ernst genommen"), seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie hier als Thekerin. Eigentlich ist sie Juristin, hat sich vor ihrem Referendariat eine Auszeit genommen. In den letzten Tagen übernehmen viele ehemalige Servicemitarbeiter noch einmal aus alter Verbundenheit und Solidarität die eine oder andere Schicht.

"Im Walfisch war die Stimmung einmalig. Hier durfte auch randaliert werden", erinnert sich Sarah an ihr halbes Leben in der Punkkneipe zurück. Auch sie teilt die vielfach zu hörende Ansicht, dass die alternative Szene kaum Nachwuchs habe und Jüngeren allzu angepasst seien, gerade die Studierenden. Das Ausgehverhalten habe sich geändert.

Der Szene fehlt der Nachwuchs

Die Bierpreise seien für viele einfach zu hoch – die Leute gingen kaum noch aus. Der Eindruck bestätigt sich auch an den letzten Konzert- und Party-Abenden: Die Mehrheit ist deutlich über 30 und das Haar nicht nur bei den Skins licht geworden. Ihre Kollegin Myri Büttner (35), Thekerin seit 2004, empfindet die letzten Tage des Abschied vom Walfisch "wie eine Dauerbeerdigung". "Ultra unterschiedliche Leute" und "abartig viele tolle Menschen", so charakterisiert sie das Publikum in der Subkulturkneipe.

Auch sie hat nur lobende Worte für Mitch. Er habe "so vielen Leuten geholfen, egal, ob sie keine Arbeit oder keine Bude hatten". Für Johann Forster (32), Kfz-Mechaniker, Stammgast der ersten Stunde, war der Walfisch "wie ein Wohnzimmer". "Mitch hat Bands der Szene mit Weltrang nach Freiburg geholt". Drinking Squad, die am Sonntag auf dem letzten Konzert spielten, betonen ebenfalls: "Mitch ist einfach von tiefstem Herzen Punk. Er hat unsere Jugendhelden zu sich in den kleinen Laden geholt. Ob nun Exploited, GBH, The Queers oder Adolescents. Wir hoffen er wird weiterhin die Punkszene in Freiburg und Umgebung am Leben halten. Weiterhin legendäre Bands besorgen. Weiterhin das Punkherz höher schlagen lassen. R.I.P Walfisch. Es geht für immer ein Stück Punk verloren".
"Die letzte richtige Punkkneipe" Punk "Zekkke"
Am Sonntag beim allerletzten Konzertabend, der bereits um 17 Uhr begann, wurden 50 Liter Freibier spendiert. Die waren allerdings innerhalb von 18 Minuten leer. An Silvester hätten sie also gar nicht mehr aufmachen müssen zum angekündigten "Leersaufen", lacht Myri. "Wir mussten sogar noch Bier nachordern".

Der Andrang zum Jahreswechsel ist dann auch entsprechend geringer, die Atmosphäre eher melancholisch – Auskehrstimmung. Das Publikum spiegelt die ganze Bandbreite des Walfisch-Publikums: Punks, Skinheads, Wandergesellen oder Reggae-Fans mit Dreadlocks. Neben jahrelangen Stammgästen sind auch neue, von außerhalb Angereiste vor Ort. So wie DJ Young Rudy, der mit seinem DJ-Kollektiv Roots love auflegt.

Tränenreiche Abschiedsrede

Der 20-jährige Skin, mit Freunden aus Waldshut angereist, ist eines der wenigen Gegenbeispiele, dass es der Szene nicht vollends an Nachwuchs fehlt. In seiner Gegend gebe es solche Treffpunkte der alternativen Szene nicht. Punk Zekkke (28) nennt den Walfisch "die letzte richtige Punkkneipe", einen Treffpunkt auch für Obdachlose, die in Freiburg sonst marginalisiert und kriminalisiert würden, oder Leute "die von der Stütze" leben. Das "Kiez 57" sei "eben ein Studentenladen".

DJ O.Love Sorrow (44) von der Black Forest Trojan Crew sieht mit dem Walfisch "ein Riesenstück Subkultur in Freiburg" verlorengehen. "Es ist, als würde man einen guten alten Freund zu Grabe tragen." Franck Mitaine ("Ü 18") war 15 Jahre Tontechniker im Walfisch. Seine Ex-Freundin hat die Wandgemälde gemalt. Er ist ein bekanntes Gesicht im Freiburger Subkulturbereich, 1. Vorsitzender des Vereins "Multicore". Am letzten Konzertabend appelliert er in einer tränenreichen Rede an das Publikum. Bei aller berechtigten Trauer und Lethargie, ist jetzt auch neue Energie und Aktion gefragt: "Jetzt ist eine Bühne gestorben. Ihr müsst euren Arsch bewegen."

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