Protokoll

Die letzte Nacht in der UB

fudder-Redaktion

Die Unibibliothek ist ab sofort nachts zwischen 24 und sieben Uhr geschlossen und Studierende müssen sich andere Orte für ihre nächtlichen Lernsessions suchen. Eine Nachteule hat fudder berichtet, was in den Stunden von Sonntag auf Montag in der UB passiert ist.

21.30 Uhr

Das Ende eines wunderschönen Spätsommerabends. Während andere den Sonntag gemütlich mit einem Serienmarathon ausklingen lassen, mache ich mich auf den Weg in die UB. Ich habe die letzten zwei Tage gearbeitet, deswegen muss ich eine Nachtschicht einlegen. Ich will meine Hausarbeit unbedingt zu Ende bringen. Da die Uni beschlossen hat, die UB ab Oktober um 24 Uhr zu schließen, ist das für mich die letzte Gelegenheit für eine Nachtsession.

22 Uhr

Ich gehe durch die Drehtür der UB und werde von drei Securitymännern begrüßt. Ich nicke ihnen zu und zeige meinen Ausweis, der aber nicht wirklich kontrolliert wird. Weiter geht’s zu den Schließfächern. Hier herrscht Tohuwabohu: Überall liegen Körbe herum, in denen Studierende üblicherweise ihre Sachen in die oberen Etagen transportieren – und danach achtlos auf den Boden werfen. Ich bahne mir einen Weg zu den Schließfächern, packe mir selber ein kleines Körbchen und auf geht’s in den dritten Stock.

Auf der Treppe kommen mir zwei Studentinnen entgegen, die blass und müde aussehen. Ich beneide sie ein bisschen, weil sie ihre Lernsession schon hinter sich haben. Ob ich in ein paar Stunden auch solche Augenringe habe? Ankunft im Lesesaal. Hier sitzen sieben Leute jeweils an einem eigenen Tisch. Ansonsten ist der Saal leer. Gerade will ich mich über das kalte Licht ärgern, da merke ich, dass es mir wahrscheinlich beim Wachbleiben hilft. Während ich meine Sachen auspacke, frage ich mich, ob mir warm oder kalt ist. Ich kann es nicht beantworten. Bevor ich meine Kopfhörer aufsetze, höre ich von draußen ganz leise die Musik der Tangotänzer vom Tanzbrunnen.

23 Uhr

Die ersten Lernenden sind gegangen, jetzt ist nur noch der harte Kern da. Die gemeinsame Nachtsession schweißt uns zusammen, ich spüre ein Zusammengehörigkeitsgefühl in mir aufsteigen. Ob es den anderen auch so geht? Ich schaue mich um, aber meine Komplizen sind ins Lernen vertieft. Doch was ist das? Auf einmal taucht ein Typ auf, der alle zehn Minuten zum Kopierraum läuft. Er scheint wichtige Dokumente zu kopieren – und zwar stapelweise. Ich frage mich, was das nur sein kann – Flugblätter, Vortragsnotizen, seine Memoiren – aber ich komme nicht drauf. Langsam werde ich müde, also muss ein Trick her. Ich schaue 15 Minuten Videos bei Youtube an, die rein gar nichts mit meiner Hausarbeit zu tun haben. Jedes Mäuschen braucht eben ein Päuschen. Danach nehme ich die Kopfhörer wieder ab und stelle fest: Es herrscht Friedhofsstimmung auf meiner Etage. Ich tapse aufs Klo, erst einmal austreten.

23.30 Uhr

Jetzt gibt’s das erste Mal ein bisschen Action. Eine Studentin aus meiner Lernbande packt ihre Sachen zusammen. Ihr Abend ist offensichtlich nicht so gut gelaufen: In einem Umkreis von etwa einem halben Meter hat sie zerknülltes Papier auf den Boden geworfen. Jetzt steht sie auf und sammelt ihren Müll auf. Ich glaube, sie versucht dabei so viel Lärm wie möglich zu machen. Mein anfängliches Mitleidsgefühl verwandelt sich in Ärger, aber sie bemerkt meinen bösen Blick nicht. Ich höre nur noch das "Piep Piep", als sie den Aufzug ruft und wegfährt.

24 Uhr

Wir sind noch zu viert. Mittlerweile hat mich der Ehrgeiz gepackt: Ich will es unbedingt länger aushalten als die anderen. Ich nenne es "Mein kleines Psychospiel": Wer schafft die längere Nightsession? Ich schlage mich richtig gut. Was dagegen nicht so gut läuft: Meine Hausarbeit. Zwar habe ich schon ein paar Seiten überarbeitet und die Quellen gecheckt. Wirklich produktiv war ich allerdings nicht. Aber ich weiß, dass ich eine fehlerfreie Hausarbeit abgeben kann. Ich stehe auf, um meine Wasserflasche aufzufüllen – Bewegung tut schließlich gut. Unglaublich, dass man sich mal freut, aufs Klo gehen zu können.

1 bis 2 Uhr

Mist! Niemand ist eingeknickt, ich aber auch nicht. Immerhin hat der Kopiermensch aufgehört zu kopieren. Aber jetzt: Zwei Mädels, die in meiner Nähe saßen, packen zusammen und verlassen die UB. Ich triumphiere innerlich und sehe mich schon auf dem Siegertreppchen stehen. Meine Freude überdeckt das Einsamkeitsgefühl, das mich sonst beim Lernen in der UB überkommt. Außerdem habe ich eine neue Beschäftigung gefunden: Weil es fast gar keine Bewegung mehr gibt, geht das Licht alle 15 Minuten aus. Ich stehe jedes Mal auf, damit es wieder angeht. Mittlerweile habe ich das Zeitgefühl komplett verloren – auch meine Müdigkeit ist weg. Ab jetzt setze ich mir nur noch Ziele, keine Zeiten. Ich will unbedingt noch das Fazit meiner Hausarbeit schreiben – und es läuft einigermaßen. Aber zugegeben: Es ist mehr Krampf und Qual als lesbarer Stoff.

3 Uhr

Leck mich doch. Ich habe nichts mehr zustande gebracht. Zwar bin ich der Letzte auf meiner Etage, aber mit wem soll ich meinen Sieg jetzt feiern? Ich bin viel zu müde, um mich zu freuen. Außerdem überlege ich mir, dass ich am nächsten Tag ins Seminar muss und deswegen einigermaßen fit sein will. Ich packe meine Sachen zusammen und nehme nicht den Aufzug, sondern die Treppe. Den Anblick meines übermüdeten Gesichts im Aufzugspiegel kann ich jetzt nicht ertragen. Als ich an der ersten Etage vorbeikomme sitzt dort noch ein Student. Ich werfe ihm in Gedanken ein "Dude, du bist aber hart" zu. Unten stehen noch zwei Securitymenschen, die ein nettes Pläuschchen halten. Mittlerweile sind auch die Körbe aufgeräumt. Ich gehe nach draußen und merke, dass es die ganze Zeit geregnet hat. Ich werfe einen Blick auf die UB und fühle mich wie der letzte Überlebende dieses gigantischen Raumschiffs. Jetzt freue ich mich auf mein Bett.

(Redaktion: Gina Kutkat)



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