Die Kopfhörerträger-Typologie

Marius Notter, Manuel Lorenz & Carolin Buchheim

Der Kopfhörer ist mehr als nur ein Mittel der Musikübertragung. Er befördert Trägerin oder Träger zuverlässig von der vielleicht langweiligen Gegenwart in ein eigenes auditorisches Universum und ist zugleich wichtiges modisches Accessoire. Wir haben die am häufigsten auftretenden Arten von Kopfhörerträgern porträtiert – ziemlich unernsthaft, natürlich.



Der „Beats By Dre“-Träger

Für seinen Besitzer sind diese Kopfhörer wie ein Ferrari, sein Statussymbol Nummer eins: Fast 400 Euro kostet das Pro-Modell mit dem roten Kabel, denen Rap-Legende Dr. Dre seinen Namen gegeben hat.

Voller Stolz trägt der Beats-Träger sein Schätzchen um den Hals spazieren, das er mit Omas Weihnachts- und Geburtstagsgeld gekauft hat. Auf Träger von Dre-Fakes aus Asien schaut er mit größter Verachtung herab. So, wie Musikliebhaber, die die Dre-Dinger für überteuert und klanglich schwach halten, auf ihn.

Die Musik? Nicht so wichtig.

Die „Urban Ears“-Trägerin

Während der „Beats By Dre“-Träger darauf zählen kann, dass jeder den Wert seiner Kopfhörer an Kabel und Emblem erkennt, setzt die „Urban Ears“-Trägerin auf No-Logo – oder tut zumindest so. Denn auch ohne sichtbaren Markennamen ist klar, dass ihre froschfarbenen Ohrmuscheln keine Billigware sind: Kein Logo kann eben auch ein Logo sein, und Farbe (Name: Clover) eine Marke.

Die „Urban Ears“-Trägerin findet alle anderen Kopfhörer doof, weil: viel zu unauffällig. Dass die Urban Ears ziemlich unbequem sind, ist ihr egal. Hauptsache, sie sehen auf Facebook-Selfies gut aus. Damit die noch besser werden, spart sie auf ein Paar in Pumpkin, eins in Lilac und das Vielfarben-Modell Re:Plattan.

Der Teure-In-Ears-Fachmann

Wenn dieser Kopfhörerträger in der Straßenbahn sitzt und  Wagners „Götterdämmerung“ hört, will er niemanden stören –  und allerbeste Soundqualität.

Nach monatelangem Studium von Testberichten hat sich der „Teure-In-Ears“-Träger für sein Modell entschieden, das fast so viel gekostet hat wie ein Paar Beats by Dre. Nur bemerken soll’s niemand. Das schlichte Modell passt gut zu seinem Maßanzug und wird nach der Nutzung in der Tram wieder ordentlich im zusätzlich erworbenen, ledernen Transportetui mit Kabelaufrollvorrichtung verstaut.

Fürs Flugzeug hat er ein größeres Modell des gleichen Herstellers zugelegt – mit Noise-Cancelling-Technologie. Manchmal zieht er sie auch einfach nur auf, um seine Ruhe zu haben.

Das Apple-Fangirl

Sie liebt ihr iPhone, ihr Macbook  und auch ihren alten iPod Nano, 2. Generation –  und die kleinen weißen Kopfhörer, die es  jeweils immer von Apple dazu gibt. Das Apple-Fangirl sieht es quasi als von Steve Jobs aufgetragene Pflicht an, nur Kopfhörer zu tragen, die in Palo Alto designt worden sind. Denn schließlich ist es Blasphemie, Apple-Produkte mit einem Nicht-Apple-Produkt zu kombinieren.

Geht ein Paar kaputt –  und sie gehen immer kaputt, und zwar viel zu schnell –  ist sie nicht sauer, sondern freut sich, dass sie eine Pilgerreise zum Apple-Store vor sich  hat.

Der Wühltischdinger-Träger

Der Wühltischdinger-Träger sieht den Kopfhörer primär als einen häufig zu ersetzenden Gebrauchsgegenstand an. Heute toll, morgen weg oder kaputt. Dementsprechend kann er nicht verstehen, warum manche viel Geld für Kopfhörer ausgeben.

Ästhetik, Marke, Farbe, Qualität? Egal! Er nimmt, was im Wühltisch vor der Elektromarktkasse liegt, gerne bunt und aus Plastik. Hält ein Paar mal länger als vier Wochen, ist er stolz wie Bolle.

Der Wannabe-DJ

Für ihn gibt es nur eine Kopfhörermarke: AKG. Jeder, aber auch wirklich jeder, der an einem Mischpult den Sync-Taste findet und schon mal zwei Beatport-Hits mit Virtual DJ gemixt hat, kauft früher oder später ein paar AKGs mit den bequemen Klappohrmuscheln für den Soundvergleich.

Sie sind die Birkenstockschuhe unter den Kopfhörern, denn auch für sie gilt: bequem gleich hässlich. Und so wie Heidi Klum schon mal Birkenstocks mit Glitter beklebt und mit Nieten verziert hat, hat auch DJ-Star Tiesto diverse AKG-Modelle gestaltet.

Der Riesen-Dinger-Träger

Sind das  … Satellitenschüsseln? Nein. Diese Kopfhörer sehen nur so aus. Der Riesen-Dinger-Träger steht beim „Huss and Hodn“-Konzert im Crash ganz vorne und rappt jede Line auswendig mit. Er kennt alle Support Acts und grüßt sie per Bro-Fist-Handschlag.

So groß wie seine Hörer sind auch die anderen Sachen, die er am Leib trägt: Baggy-Pants, Riesen-Caps und Riesen-Sneaker. Angeschlossen sind die Dinger an seinen allerersten und total verkratzten Mp3-Player, auf dem fast nur Old-School-Hiphop zu hören ist. Das waren noch Zeiten!

Ausnahmen macht er nur für frisch vom Kollegen produzierte Beats, zu denen er die neuesten Anti-Hipster-16-Bars auf einen Block kritzelt.

Die Sporthörer-mit-Bügel-Trägerin

Wie viel hat sie schon über Kopfhörer geflucht! Als leidenschaftliche Laufsportlerin hat diese Kopfhörerträgerin schon tausende Male herausgefallene In-Ears wieder in die Ohren gesteckt und teure Bügelkopfhörer mit Schweiß kaputt gekriegt. Irgendwann ist sie dann auf wasserdichte Sporthörer mit Bügel gestoßen, die hässlich sind, aber super sitzen.

Seitdem ist alles gut – abgesehen von der Tatsache, dass die unstylischen Bügelkopfhörer leuchtend orangefarben sind und nicht zu ihrem neongrünen Lieblingslaufshirt passen. Weil sie panische Angst hat, dass diese perfekten Laufkopfhörer irgendwann nicht mehr hergestellt werden und die Suche dann von neuem losgeht, hat sie gleich drei Paar nachgekauft – als Reserve.

Der Gamer-Headset-Träger

Wenn der Gamer sich vor die Haustüre wagt, dann eigentlich nur, um zu Lernanstalten, zur Nahrungsbeschaffung oder zum Erstverkaufstag der nächsten Edition seines Lieblings-MRPG-Games zu gehen – und manchmal vergisst er, dass er noch die Gaming-Kopfhörer auf der Schädeldecke trägt, von denen ein Mikro mit angenagtem Schaumstoff absteht wie eine Antenne.

Nicht nur einmal ist der Träger nach einer langen Nacht epischer Weltraum-Battles mit der Crew mit dem Headset auf dem Kopf eingepennt. Die Marke des Teils ist für ihn Nebensache. Hauptsache, der Dolby-Surround-Sound und die Abschottung von der Außenwelt sind gesichert.

Die 80er-Jahre-Retro-Trägerin

Sie trägt Klamotten, als käme sie gerade vom Aerobic: Turnschuhe, Leggins, weite Fledermauspullis in schrägen Farbkombis, schrille Schminke. Der eigentliche Hingucker ist aber ihr Kopfhörer im Stil der 80er-Jahre, mit dessen Bügel sie ihre blonde Löwenmähne bändigt.

Sein Kabel führt zu einem Sony-Walkman der ersten Stunde, in dem ein Mixtape mit den größten Hits der 80er und 90er läuft. Dass die Kopfhörer nicht richtig anliegen, stört sie nicht. Fröhlich wippt sie durch die Straßen – zum leiernden Sound der Kassette.

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[Illustration: Karo Schrey]