"Die Kinder wollen ja": Interview mit Familientherapeut Jesper Juul

Rebekka Sommer

Unter Erziehungsberatern gibt es Ärzte, Pädagogen und Psychologen, Mutmacher und Angstmacher. Und dazwischen gibt es diesen bärigen, älteren Mann, der selbst durch die Distanz eines Bildschirms irgendwie vertraut und so gemütlich wirkt, wie ein schmauchender Kamin. Rebekka sprach mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul über den Ratgeber-Hype, Erziehungsphrasen und typisch deutsche Omakritik. Und fudder verlost drei Exemplare seines neuen Buches "Miteinander".



Vorab: Juul will keinen Personenkult um sich. Dennoch wird man den Verdacht nicht los, dass der Erfolg seiner Klassiker wie „Das kompetente Kind“ auch von der verschmitzten Authentizität des Autors herrührt. Vielleicht auch daher, dass er weniger konkrete Erziehungstipps gibt, sondern das Familienleben als Therapeut betrachtet. Vergangene Woche stellte Jesper Juul im Freiburger Stadttheater sein neues Buch vor: „Miteinander. Was Kinder stark macht.“ Fudder verlost drei Exemplare.


Wenige Stunden zuvor, beim Interview im Tagungsraum des Hotel Central, ist der Däne aber müde. Erschöpft von zwei vorhergegangenen Presseterminen und einer langwierigen Grippe sinkt er in einen der roten Sessel. Belegte Schnittchen und ein ausladender Tulpenstrauß auf dem Glastisch - alles ist hübsch daher drapiert. Juul trinkt Kräutertee und raucht. Manchmal spricht er längere Zeit mit geschlossenen Augen.

fudder: Herr Juul, Sie sagen Dinge wie: „Gewollte Erziehung erzieht kaum“ oder „Erziehungsmethoden sind kontraproduktiv“. Stört es Sie, wenn man Ihre Bücher trotzdem als Erziehungsratgeber bezeichnet?

Jesper Juul: Erziehungsratgeber, also damit kann ich leben. Aber wenn man mich als Erziehungsexperten bezeichnet, ist mir das wirklich unangenehm – nicht nur, weil ich in Deutschland bin. Es zwingt die Leute dazu, zu meinen, was ich sage sei die Wahrheit. Es gibt ein paar pädagogische Experten, aber das hat ja nichts mit familiärer Erziehung zu tun. Erziehungsexperten gibt es, was weiß ich, 20 Millionen.

Weshalb der Hinweis auf Deutschland?

Weil es hier diesen riesigen Autoritätsglauben gibt. Man glaubt der Autorität, das halte ich für ungesund.

Immer wieder ist von einem Boom der Erziehungsratgeber zu hören. Experten rechnen vor, dass in Deutschland wöchentlich ein neuer Ratgeber erscheint. Gerne wird das als neue Unsicherheit der Eltern interpretiert. Andererseits dürfte die Zahl neu erscheinender Kochbücher nicht geringer sein und trotzdem hat noch niemand die heutigen Köche für verunsichert erklärt. Was meinen Sie, gibt es den Boom der Erziehungsratgeber - im Verhältnis zur sonstigen Sachliteratur - überhaupt?

Jedenfalls gibt es diese Verunsicherung. Das ist klar. Es gibt auch eine Abwesenheit von relevanten Vorbildern. In Dänemark haben wir Familienkrankenschwestern, die Familien mit Neugeborenen im ersten Lebensjahr sechsmal besuchen. Die haben festgestellt, dass es ein zentrales Telefon, eine Hotline, geben muss, die auf konkrete Fragen antwortet, die früher selbstverständlich waren: Ab wann hat mein Kind Fieber? Und was muss ich jetzt machen?

Mittlerweile haben wir eine Elterngeneration, die mehr in pädagogischen Einrichtungen aufgewachsen ist, als in Elternhäusern. So haben sie weniger Übung in diesen Dingen.
Außerdem, was hat unsere Eltern sicher gemacht? Das war auch der moralische Konsens. In meinem Elternhaus war klar: Hier machen wir das, was „man“ macht, und eben nicht das, was „man“ nicht macht. Das stand eine ganze Wertvorstellung dahinter. Aber jetzt gibt es kein „man“ mehr.

Wenn Sie an die Zeit zurückdenken, in der Sie Ihr erstes Buch geschrieben haben, „Das kompetente Kind“. Hat Ihnen selbst als jungem Vater so ein Buch gefehlt? Haben Sie auch Ratgeber gelesen?

Nein. Das gab es auch kaum, mein Sohn ist ja 40. Nein, es war eigentlich auch nicht als Ratgeber gemeint. Als Vater und als Fachmensch hatte ich einfach festgestellt, dass 90 Prozent dessen, was ich über Entwicklungspsychologie gelernt hatte, nicht stimmte. Kinder sind nicht so. Das wollte ich sagen, und dabei den Eltern und Lehrern klarmachen: Ihr müsst nicht so hart arbeiten, um die Kinder zur Kooperation zu bringen. Die wollen ja. Man muss es nur entdecken.

Aber ich war auch sehr nervös, habe damals zu einer Freundin gesagt: Mensch, ich kann es ja nicht beweisen. Aber sie hat gesagt: Du musst das trotzdem schreiben, beweisen sollen es andere! Gott sei Dank ist es mittlerweile auch passiert, dass seriöse Forscher sich einigen und sagen, dass diese Thesen richtig sind. Jetzt müssen wir nur auf die Eltern warten.

Können Sie verstehen, dass sich manche Eltern von  Erziehungsbüchern regelrecht überflutet fühlen? Warum nehmen einige das dankbar an - und andere sind genervt?

Ich sage immer in meinen Vorträgen: Kauft keine Bücher über Erziehung, bevor Euer Kind nicht zwei Jahre alt ist. Oder zumindest nur dann, wenn es um ganz konkrete Fürsorge-Themen geht. Wenn das Kind dann zwei oder drei oder fünf ist und ich mich auf einem guten Weg fühle, dann könnte ich aus Neugier jetzt mal ein Buch lesen. Denn dann hat man einen Vergleich und weiß ungefähr, was man selbst braucht.

Meine Eltern hatten es leicht. Wenn sie nicht wussten, was machen wir mit dem Jesper, dann konnte sie sieben verschiedene Menschen fragen und bekamen ähnliche Antworten. Das war einfach. Meine Generation hat es auch leicht gehabt, weil wir geglaubt haben, wir müssen einfach das Gegenteil machen. Das war nicht richtig, aber es kam aus einer Ideologie heraus - also auch von außen. Die Eltern der letzten zehn, fünfzehn Jahre sind aber die Pioniere derjenigen, die Elternsein von innen gestalten müssen. Eltern können nicht nur, sie müssen sich entscheiden. Oder sich so einer Theorie unterwerfen, das geht aber selten gut. Für die meisten ist das alles nicht einfach und es wird eben mit sehr viel Nerven und schlechtem Gewissen bezahlt. Also die Idee, ich muss es richtig machen, mein Kind muss glücklich sein.

Um es mal ganz kurz zu fassen. Ihre Botschaft an alle Freiburger, die heute Abend nicht ins Stadttheater kommen, lautet: Lest in den ersten zwei Jahren Ihres Kindes keine Erziehungsratgeber und nehmt Euer Kind ernst. Ist das richtig?

Ja. Ich habe ein wunderschönes Beispiel. Es ist tragisch, endete aber gut. Da war eine Frau, ungefähr dreißig, aus Marokko. Sie wohnte in Schweden und lernte auf irgendeiner Konferenz einen Mann kennen, von dem sie schwanger wurde. Er wollte kein Kind, sie beschloss aber, es trotzdem zu bekommen. Nun sagte sie sich: Ich mache alles anders, als meine marokkanischen Eltern und Großeltern. Sie suchte im Internet nach Erziehungsmethoden und nach langer Zeit hatte sie sich für „Attachment Parenting“ entschieden, ein Konzept, das auf früher Bindung aufbaut. Dabei muss man sein Kind zum Beispiel eng im Tragetuch haben. Sie hat alles Notwendige dafür gekauft.

Dann schrieb sie mir eine meilenlange, verzweifelte Email, in der sie erwähnte, dass ihre Tochter sie immer kratze und schreie. Da ich gerade in Eile war, antwortete ich nur kurz: „Es hört sich für mich so an, als hätten Sie sich für eine Methode entschieden, bevor Sie Ihre Tochter kannten.“ Die Antwort waren fünfzehn Smileys. Später schrieb sie dann, sie habe augenblicklich eingesehen, eine falsche Wahl getroffen zu haben. „Aber ich konnte das nicht sehen, weil ich wusste, dass es richtig war.“ Die Tochter war so ausgeglichen, wie seit Monaten nicht.

Wenn man in Elternforen schaut, wird dort gestritten. Über Holz- vs. Plastikspielzeug, Einschlafbegleitung vs. gezieltes Schreien lassen, Fruchtzwerg vs. Muttermilch. Ist Erziehung einfach eine Frage des Lebensstils? Und warum ist das alles so emotional aufgeladen?

Es gibt ja den alten Spruch, dass Frauen anderen Frauen gegenüber nicht sehr freundlich sind. Wir erleben das gerade – europaweit – bei der aufkommenden Diskussion um die Krippenbetreuung. Das Stillen ist heute fast religiös: Das muss man, und zwar soundso lange. Wer das nicht schafft, macht man etwas Grundlegendes falsch.

Ich würde mir wünschen, dass Eltern sich nicht mit so vielen Kleinigkeiten beschäftigen, sondern fragen: Wie stelle ich mir mein Kind mit zwanzig vor? Was soll mein Kind verinnerlichen und in seine eigene Familie tragen? Was wollen wir? Bei meinem neuen Buch hat der Verlag wieder diese Phrase verwendet: „Starke Kinder“. Meine Beobachtung ist, dass wir es nicht mögen, wenn Kinder wirklich stark sind. Eltern wollen heute im Großen und Ganzen das Gleiche, wie meine Eltern. Sie wollen gehorsame, glückliche Kinder haben und solche, die sie nicht auf eine existentielle Weise herausfordern. Die sollen nett sein. Und es sieht so aus, als würden diese furchtbaren Maßstäbe von den Fachleuten übernommen.

Manche junge Eltern haben das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen. Zuerst ist man einfach Studentin oder so. Am nächsten Tag schiebt man sein Neugeborenes durch die Straßen und bekommt prompt Ratschläge von älteren Damen. Passanten gucken begeistert zu, wenn man versucht, unauffällig sein Kind zu stillen und beim bloßen Anblick eines Babys beginnen Kinderlose, über Erziehung zu lamentieren. Wieso ist das alles so öffentlich? Stehen Eltern wirklich unter Beobachtung oder ist das Einbildung?

Ja, so ist es. Und Deutschland ist ein bisschen besonders, da kennen die Erwachsenen keine Grenzen. In Dänemark erlebt man vielleicht ab zu dass jemand kommt und sagt: „Hui, das machen Sie toll!“ Oder: „Schade, dass meine Kinder schon erwachsen sind, denn mittlerweile habe ich viel gelernt.“ Sowas. Aber diese Omakritik in der Öffentlichkeit erleben wir sehr selten.

Was würden Sie antworten, wenn Sie heute nochmal als junger Vater mit ihrem Sohn in der Straßenbahn unterwegs wären und jemand sagt: "Mensch, warum hat der denn noch einen Schnuller?“ oder Ähnliches?

Natürlich käme es auf den Ton an, aber ich würde nicht darauf eingehen. Ich würde diesem Mensch sagen: „Vielen Dank, ich brauche Ihre Hilfe gerade nicht. Wenn das der Fall ist, rufe ich Sie an.“ Denn warum machen die Leute das? Die meinen ja, sie machen das für das Kind. Aber sie machen es für sich, für ihr Image. Das ist nett eingepackt wie ein Osterei, aber ohne Inhalt. Viele Menschen schmücken sich mit Kinderfreundlichkeit, sagen: „Ich liebe alle Kinder, unbedingt.“ Aber die Menschen lügen, das weiß man ja. Eltern Feedback zu geben ist sehr, sehr schwierig. Dazu muss man höflich sein und fragen: Ich habe eine Idee, willst du sie hören?

Ich bin auch nicht da, um Menschen zu sagen, was richtig ist. Aber wenn Eltern merken, dass das, was sie sich vorgestellt haben, nicht funktioniert, kann ich in die Situation hineingehen, das ist meine Spezialität. Unheimlich wichtig ist die Haltung, die man dazu hat. Für eine Familie ist es reines Gift, wenn sie routinemäßig mit ihren Erwartungen umgeht. Routinemäßig heißt in Europa: Ich formuliere eine Erwartung und wenn die nicht erfüllt wird, bist du schuld. Ich muss aber meine Erwartungen justieren und nicht die Menschen. Optimale Eltern sind aus meiner Sicht Eltern, die bereit sind, ihre Fehler zu entdecken. Das ist der einzige Schutz für Kinder, keine Schuldgefühle aufzubauen.



Jesper Juul, Peter Høeg, Jes Bertelsen und Steen Hildebrandt
"Miteinander: Wie Empathie Kinder stark macht"
Beltz-Verlag
ISBN 978-3407859426
14,95 Euro

Verlosung:

fudder verlost drei Exemplare von "Miteinander". Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen, seiner Adresse und dem Betreff "Miteinander" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Dienstag, 10. April 2012, 12 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

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[Bild 1: Andrea Panté; Bild 2: Promo]