Die Karawanenforscher

Tobias Schächtele

Im November 2006 brachen fünf Geografiestudenten in die libysche Wüste auf, um alte Karawanenwege auszukundschaften. Ihre Eindrücke bannten sie auf Film. Nun kehren sie nach Tripolis zurück, um ihn der libyschen Öffentlichkeit zu zeigen. Die Kulturgeografin Dr. des. Jacqueline Passon und die Studentin Susanne Grimm sprechen über das KAWWIL-Projekt, ihre Abenteuer in der Wüste - und über Shakehands mit Gaddafi.



Frau Passon, um was geht es in ihrem Projekt?


Dr. des. Jacqueline Passon:
Wir haben seit drei Jahren ein Projekt namens KAWWIL, Karawanenwege in Libyen. Wir sind eines der achtzehn Projekte in der Bundesrepublik, die im Rahmen des Sonderprogramms "Deutsch-Arabisch / Iranischer Hochschuldialog" des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gefördert werden. Die Idee dazu entwickelten wir mit libyschen Wissenschaftlern: Es geht darum, die heute noch sichtbaren Spuren der Karawanenwege, die durch Libyen verlaufen, zu finden und in ein GIS aufzunehmen. Am Ende soll ein Atlas entstehen.

Für Nicht-Geografen: Was ist ein GIS?


Susanne Grimm:
Ein Geografisches Informationssystem ist ein rechnergestütztes Informationssystem. Mit ihm können raumbezogene Daten digital erfasst, reorganisiert, modelliert und analysiert sowie grafisch präsentiert werden. Wir sind mit einem GPS-Gerät unterwegs gewesen. Die Daten haben wir im GIS erfasst, um am Ende Karten erstellen zu können. Via Web-GIS kann man die Karten auch im Internet veröffentlichen.

Und wem nützt das Projekt?


Passon:
Zum einen ist das natürlich eine wissenschaftliche Arbeit. Worauf der DAAD zum anderen Wert legt, ist der interkulturelle Dialog. Das heißt, wir kommen über die Fragestellung miteinander in Kontakt. Die Studierenden bringen etwas vom Wissen über die Kultur, die Geschichte, die Menschen des Landes mit nach Deutschland und tragen dazu bei, mögliche Klischees abzubauen. Das ist die Idee des DAAD.

Grimm: Die Gruppe war gemischt, es waren libysche Studierende dabei, mit denen wir zusammen gearbeitet haben. So ist man schon zum Kontakt gezwungen. Die libyschen Partner machen auch einen Teil des Atlas. Die Arbeit entsteht im Dialog, und der Dialog entsteht in der Arbeit.

Waren nur Geografiestudenten am Projekt beteiligt?


Passon:
Viele Geografen studieren auch andere Fächer. Wir hatten einen Studenten der Islamwissenschaft, einen Geschichtsstudenten, einen Politikstudenten. Wir waren da schon relativ breit aufgestellt.



Wir wurden die Studenten ausgewählt?


Passon:
Wir bieten im Sommersemester immer ein Regionales Seminar zum Thema Libyen an. Die Studierenden hatten die Möglichkeit, sich für den Austausch zu bewerben.

Grimm: Es gab verschiedene Aufgabenstellungen, Expertengebiete für die man sich bewerben konnte. Wir wurden ausgesucht und haben uns dann den Sommer über vorbereitet, haben alte Reiseberichte gelesen, Satellitenbilder vorbereitet und unsere Route geplant.

Von wem stammen die Reiseberichte?


Passon:
Im 18. - 19. Jahrhundert waren vor allem Europäer unterwegs. Dieser Teil Afrikas war eine Terra Incognita. Deshalb sind viele Forschungsreisende ausgezogen, um mehr über Nordafrika zu erfahren. Viele haben dabei ihr Leben verloren. Einer der bekanntesten Wüstenforscher ist der Deutsche Heinrich Barth. Wir haben aber nicht nur deutschsprachige Reiseberichte durchgearbeitet, sondern auch englische, französische und so weiter.

Woher bekommt man die Satelliten-Bilder? Aus Google Earth?

Passon: Landsat-Aufnahmen kann man frei im Internet ziehen. Hochaufgelöste Satellitenbilder muss man für teures Geld erwerben. Hier konnten wir nur eine kleine Auswahl treffen. Das Problem bei Google Earth ist, dass die Aufnahmen nicht datiert sind.

Wüste klingt nach Abenteuer. Habt ihr irgendwelche Abenteuer erlebt?

Grimm: Wir haben uns das auch sehr abenteuerlich vorgestellt! (lacht) Ich meine, wann fährt man schon mal nach Libyen, in die Sahara? Das sind Flecken, mit denen man vorher noch nie in Berührung kam. Obwohl wir uns zuvor ein halbes Jahr damit beschäftigt haben, gab es doch Aha-Momente wie „Die Wüste ist nicht nur Sand!“ Wir standen mitten in der Steinebene und konnten uns nicht vorstellen, wie man hier nach Jahrhunderten Karawanenwege erkennen soll – obwohl wir das wirklich durchgekaut hatten. Trotzdem war es total exotisch.

Und wie erkennt man die Karawanenwege?

Grimm: Mich haben die an einen Rehpfad im Wald erinnert. Sie heben sich ganz zart von der Umgebung ab, wie eine Einbuchtung.

Natürlich nur, wo der Untergrund fest ist?

Passon: Der reine Sandanteil der Wüste ist aber wirklich gering. Sie besteht größtenteils aus Kies und Stein – anders, als man es sich eben vorstellt.



Und wie kann man sich den Wüsten-Alltag vorstellen?

Grimm: Um halb fünf kann man nicht mehr schlafen. Man wacht auf, weil es saukalt ist (lacht). Dann gibt es Frühstück, alles wird eingepackt und vielleicht noch ein wenig Holz gesammelt, und dann fährt man den ganzen Tag, hält ab und zu an, nimmt Daten auf oder sammelt ein, was man gerade gebrauchen kann. Dann gibt es eine Mittagspause, eine Blechschüssel für fünf Leute, in der Thunfisch, Paprika, Tomaten, Zwiebeln angerichtet werden. Dazu isst man Weißbrot. Dann fährt man weiter, bis man wieder das Camp aufschlägt oder in das Haus einer Familie eingeladen wird. Im Grunde fährt man sehr viel Auto.

Das Wasser ging nie aus?


Grimm:
Dazu war die Expedition zu gut geplant!

Gab es gar keine Sicherheitsbedenken, auch nicht angesichts der häufigen Entführungen in der Sahara?


Grimm:
Bei uns überwog die Freude so sehr, dass wir uns gar keine Gedanken darum gemacht haben, ob es irgendwie gefährlich sein könnte. Ich war einfach nur fasziniert und wollte immer mehr sehen und immer weiterfahren.

Sicherheitsvorkehrungen gab es aber?

Grimm: Wir waren über dreißig Personen, nicht nur zehn Leutchen auf zwei Autos verteilt. Das war schon eine echte moderne Karawane.

Passon: Man muss wissen, dass man sich in Libyen nicht frei bewegen kann. Wenn Touristen durchs Land fahren, werden sie von einem Guide und einem Touristenpolizisten begleitet. Die offizielle Leseart ist, dass man sich sicher fühlen soll. Wir hatten außerdem einen Führer namens Ali, der sich wirklich phänomenal auskannte, der das schon ein Leben lang macht. Sein Vater war schon Karawanenführer. Das hat eine lange Tradition in seiner Familie.  Wir sind beispielsweise irgendwo lang gekommen und Ali sagte: "Hier geht jetzt rechts ab!" - und wir dachten nur "Aha!?". Man hat einfach keine Orientierung.

Grimm: Ja, wir sind einmal losgezogen, um uns ein bisschen zu bewegen. Irgendwann haben wir was entdeckt, dass wir den anderen unbedingt zeigen wollten. Wir hatten uns allerhöchstens eine Viertelstunde vom Camp entfernt. Wir wollten diese Stelle den anderen zeigen. Doch wir haben sie nicht mehr gefunden. Mit Ali waren wir aber tagelang in der Wüste unterwegs, und er wusste immer ganz genau: "Da geht’s lang!"

Hat denn die Verständigung im Allgemeinen hingehauen?


Grimm:
Mit den Studierenden haben wir uns auf Englisch unterhalten. Schwierig war es dann mit den Fahrern. Die konnten ein paar Brocken und der Rest ging mit Händen und Füßen. Sie waren recht jung und sehr interessiert daran, etwas zu erfahren. Einige im Team konnten auch Arabisch in Englisch übersetzen. Mal lief es über die, mal einfach so.

Die Karawanenwege enden nicht an Libyens Grenze. Die Forschung aber schon?


Passon:
Das Ziel der Karawanen waren die subsaharischen Staaten. Man transportierte Waren aus Innerafrika an die Mittelmeerküste. Der Weg durch Libyen ist im Vergleich zu den Nachbarländern um circa 200 Kilometer kürzer. Deshalb verlaufen die wichtigsten Handelswege durch dieses Land. Natürlich enden diese Wege nicht an der südlichen Grenze. Für uns war aber an der Grenze Schluss. Es ist nicht so einfach die südlichen Grenzen Libyens zu überqueren, da sie zum Teil gesperrt sind.



Gibt es heute noch Kamel-Karawanen?


Grimm:
Ja! Wir waren auf einem Kamelmarkt in Murzuq, eine Stadt die ziemlich weit im Süden liegt. Dahin ziehen vornehmlich junge Männer aus dem Niger oder Tschad. Im Gepäck haben sie dreihundert oder mehr Kamele. Nach dem Verkauf der Tiere fahren die jungen Männer dann zurück nach Hause und holen die nächsten Kamele. Das machen sie dreimal im Jahr.

Passon: Das Interessante daran ist: das Kamel ist jetzt das Handelsgut, nicht mehr das Transporttier. Aber die Händler ziehen noch immer auf den alten Verbindungen nach Libyen.

Libyen ist ja keine Demokratie. Wie habt ihr das Land erlebt?


Grimm:
Wir haben natürlich Ausschau gehalten nach der Diktatur! (lacht) Man kommt in Tripolis an und überall hängt, drei auf fünf Meter, Gaddafi. Wir haben das Land absolut positiv erfahren. Es war wahnsinnig spannend, wir haben supernette Leute kennengelernt. Nun, ich hab mir die Frage, wie ich das Land erlebt habe, vor kurzem selbst noch mal gestellt. Ich verbinde mit Libyen heute sehr viel mehr als nur mit Gaddafi. Der stärkste Eindruck ist der, dass die Menschen, insbesondere die jungen Leute, sich von uns gar nicht so sehr unterscheiden. Sie tragen Jeans, Lederjacken, machen zusammen Musik, ja sie fahren sogar zum Skifahren in die Schweiz. Sie haben die gleichen Wünsche, Ängste und Sehnsüchte.

Passon: Es hat sich viel verändert. Wir hatten zuvor ja das Regionale Seminar und stellten dort die Frage, was die Studierenden mit dem Land verbinden. Da kamen die üblichen Antworten wie Terrorismus, Erdöl und desgleichen. Als wir zurückkamen, war diese Vorstellung total getilgt. Man verbindet Libyen jetzt mit etwas ganz anderem: mit ungeheuer freundlichen Menschen.

Wie erleben im Gegenzug libysche Besucher Deutschland und Freiburg?


Passon:
Hier geht es natürlich nicht darum, Karawanenwege auszukundschaften, weil es ja keine gibt (lacht). Wir vermitteln den libyschen Studierenden das technische Know-How. Wir schulen sie beispielsweise im Umgang mit GIS. Wir haben ihnen auch den Schwarzwald gezeigt, sind nach Würzburg gefahren. Einige männliche Studenten haben mich darauf angesprochen, warum die Frauen hier so freizügig herumlaufen. Aufgefallen ist ihnen auch, dass es hier ungeheuer aufgeräumt, ordentlich und sauber sei. Die Menschen erscheinen ihnen so fleißig. Ihnen ist hier auch bewusst geworden, dass sie ein anderes Verständnis von Zeit haben. Die meisten wissen aber, was sie in Europa erwartet. Sie kommen ja nicht aus einem Entwicklungsland. Viele der Studierenden waren vorher schon einmal in Europa. Die Menschen in Libyen empfangen westliches Fernsehen und können im Internet surfen.

Die libyschen Studenten waren von der Freizügigkeit in Deutschland überrascht. Muss man sich in Tripolis verschleiern?


Grimm:
Verschleiern muss sich niemand. Man muss auch wissen, dass es zu der Zeit als die libyschen Studierenden in Freiburg waren Hochsommer gewesen ist – schon ein ziemlicher Kontrast zu Libyen, selbst wenn alle Frauen dort nicht verschleiert wären. Die Schülerinnen und Studentinnen dort waren es zwar teilweise, aber sahen trotzdem so sexy in ihren Klamotten aus, dass da jede freizügige deutsche Frau um Meilen nachsteht.

Passon: Ob sich jemand verschleiern muss oder nicht ist in Libyen keinesfalls gesetzlich geregelt. Die Frau besitzt alle Rechte. Es hängt nur davon ab, was die Familie - Vater oder Ehemann - bestimmt. Man muss sich auch einmal vor Augen halten, dass über fünfzig Prozent der Studierenden in Tripolis weiblich sind. Eine Frau hat dort also alle Möglichkeiten – allerdings mit der Einschränkung, dass ihre Familie eingreifen kann.

Diese Modernität wird auch im Film wiedergegeben?


Grimm:
Es ging darum, den kulturellen Austausch wiederzugeben. Wir haben sehr unterschiedliche Menschen kennengelernt. Jene in der Wüste, mit denen man sich kaum verständigen konnte, die sehr fremd waren weil sie stark in der Tradition verwurzelt sind, und im Vergleich dazu die Jugendlichen in Tripolis, die den Winter in der Schweiz verbringen und in einer Metalband Musik machen. Wie waren total baff, solche Leute dort zu treffen. Wir wussten schon, dass das Land irgendwie modern ist, aber nicht so! Wir wollten genau diesen Kontrast darstellen.



Wer wird die Film-Vorführung in Tripolis im Dezember besuchen?


Grimm:
Wir hoffen mal, dass viele Studierende dorthin kommen.

Und der Revolutionsführer?


Passon:
Mit dem steht eigentlich noch ein Teetrinken aus. Ob das Zustande kommt, sei mal dahingestellt. Das Forschungsinstitut, das Libyan Studies Center, mit dem wir zusammenarbeiten, ist von Gaddafi gegründet worden. Wissenschaftler und Studierende beschäftigen sich hier hauptsächlich mit der Geschichte und der Geografie des Landes. Herr Prof. Dr. Mohamed Jerary, der Generaldirektor des Libyan Studies Center, war so begeistert von dem Film, den unsere Studierenden produziert haben, dass er sie im Dezember nach Libyen eingeladen hat. Sie sollen ihn dort der Öffentlichkeit präsentieren. Anwesend sein werden auf jeden Fall Vertreter des Tourismusministeriums, da sie zum Teil Geld für das Projekt bereitgestellt haben, sowie Angehörige der deutschen Botschaft. Wir hoffen, dass auch die breite Öffentlichkeit eingeladen ist. Ob weitere Regierungsvertreter kommen, wird man sehen.

Hat sich Herr Gaddafi in ihren Augen rehabilitiert?


Passon:
Es ist schwierig, in fünf Sätzen etwas über Gaddafi zu sagen. Aus diesem Grund lasse ich das lieber.

Susanne, würdest du ihm bei einem Zusammentreffen die Hand schütteln?


Grimm
: Das ist eine gemeine Frage! (lacht)

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