Die Jedermänner

Carolin Buchheim

Wieder einmal ist der Radsport zu Gast in der Regio: Die Deutschlandtour machte heute in Bad Säckingen zum Einzelzeitfahren Station, und Morgen führt die letzte Etappe von Bad Krozingen an Freiburg vorbei nach Karlsruhe. Bevor die Profis auf die Räder stiegen, wärmten die Jedermänner gestern für sie schon mal den Asphalt auf. Rund 1000 Amateure wagten den Kampf mit der Uhr auf der 38,2km langen Strecke. Und wie wars? Total klasse! Zumindest für Anja Kammerer aus Lörrach. Fudder-Autorin Caro hat mit ihr und anderen Jedermännern vor und nach dem Zeitfahren gesprochen. Kurt Nocker und Martin Karner sitzen um 10:30 Uhr auf einer Bank vor einer K&U Filliale in Downtown Bad Säckingen und essen Brezeln. Kohlenhydrate. Wichtig fürs Radfahren. “Frag jetzt bloß Nichts über Doping!” lacht Kurt. “Wir sind beide total auf Brezel!” Die beiden hatten vielleicht die weiteste Anreise im Feld der Jedermänner. Kurt und Martin kommen aus dem Pustertal in Südtirol, und eigentlich sind sie zu gut fürs Jedermann-Rennen der Deutschlandtour.Kurt und Martin sind das, was man gemeinhin als ambitionierte Amateure bezeichnet. Dass heute Morgen im fünf Sekunden Abstand gestartet wird, und Leute mit Mountain-Bikes unterwegs sind, das findet gerade Kurt ein bisschen blöd. “Bei uns in Tirol ist Radsport nicht so sehr Breitensport. Wer da bei einem Rennen mitmacht, der will auch gewinnen.” Kurt ist Triathlet und buckelt im Jahr rund 5000km mit dem Rad herunter. “Ich hab es hier schon erlebt, dass Leute noch nicht mal den Fahrradkorb abgeschraubt hatten, fürs Radrennen beim Triathlon."

“Bei uns ist die Leistungsdichte auch höher; die wenigen die mitmachen, die machen es richtig,”ergänzt Martin. Martin fährt sonst Masters Rennen und insgesamt 9000km im Jahr auf seinem Rad. Heute hat er sein Zeitfahrrad dabei, das den Vergleich mit den Rädern der Profis nicht scheuen braucht. Martin sieht das heutige Rennen sportlich entspannt. “Ach, mir sind die anderen eigentlich egal. Ich versteh zwar nicht, warum die sich so ein hartes, langes Rennen antun, aber ich bin hier, weil ich mich mal mit den Profis messen will, auf einer Profi Strecke. Das kann man sonst nie! Das ist heute die Herausforderung!”

Normalerweise sind Zeitfahren für Amateure deutlich kürzer als der heutige Giant Time Trial, und normalerweise fahren ja nicht ein paar hundert Profis danach die gleiche Strecke ab. Ihr Favorit für heute? “Laszlo Bodrogi. Oder vielleicht Vladimir Gusev von Discovery.” Und für sich selbst haben Kurt und Martin here Ziele. Ein 40er Schnitt soll es heute sein. “So. Wir müssen dann mal los. Ich muss noch mein Scheibenrad montieren.” lacht Martin. Und weg sind sie.Anja Kammerer hatte andere Ziele. Als Kurt und Martin kurz vor zwölf auf die Strecke gehen, ist sie schon lange fertig, und hängt entspannt mit ihrem Fahrrad vor dem CSC Tourbus herum, in der Hoffnung, einen Blick auf Jens Voigt zu erhaschen.Entspannt sieht sie aus, gar nicht so kaputt, wie man das nach einem Zeitfahren erwarten würde. Anja hat für die 38,2km knapp 75 Minuten gebraucht. 75 Minuten am Anschlag. “Das hier war mein allererstes Zeitfahren,”erzählt die 36-jährige, “Ich hab mich überreden lassen von Freunden, so was hab ich noch nie gemacht. Ich fahr zwar viel Rad, aber keine Wettkämpfe, und so hart wie heute sowieso nicht!” Aber ihr hat es gefallen. “Toll wars! Die Stimmung war total klasse, überall wurde man angefeuert. An der schwersten Stelle hat es echt geholfen, dass da Leute los gib gas! geschrieen haben.” Die schwerste Stelle auf der Strecke, die die Profis ausnahmslos als ?ganz flach’ bezeichnet haben, das war für Anja der kleine Buckel in Laufenburg. “Aber da waren ja glücklicherweise die Leute, die angefeuert haben!”Mit den Profis wollte Anja sich ja nicht messen. Und tat es dann doch.Kurz hinter der Wende in Albbruck sah sie, dass das Gerolsteiner-Team ihr auf den Fersen war. “Ich hab’ so zu mir selbst gedacht: Ach, das schaff ich noch eine Weile, bis die mich überholen. Aber ratz-fatz waren sie dann da. Total locker! Die wärmten sich doch noch auf! Und ich war total am Anschlag. Aber so ist das halt, bei den Profis sieht das so leicht aus, dabei ist es total schwer.”Und Anjas Tipp für heute? “Für den Gesamtsieg natürlich Jens Voigt. Aber ob er das heute schafft,-da bin ich mir nicht so sicher. Ich hoff’ es natürlich!”

Anja sollte Recht behalten. Jens Voigt gewann das Zeitfahren mit deutlichem Vorsprung. Und der Gesamtsieg scheint ihm jetzt sicher, denn auf der letzten Etappe wird das Gelbe Trikot des Gesamtführenden traditionell nicht mehr angegriffen.Kurt ist übrigens respektable 57:03min gefahren. Damit war er nur 12 Minuten langsamer als Jens Voigt. Im normalen Klassement hätte ihn diese Zeit zum 163. gemacht. Zum Letzten.