Die Inspizientin: "Du bist immer der Arsch, wenn was nicht funktioniert"

Lisa Geiger

Eine Inspizientin ist die Schaltzentrale eines Theaterstücks. Wenn sie ihren Job gut macht, merkt es keiner. Wenn etwas schief läuft, wird sie meistens dafür verantwortlich gemacht. Was dahinter steckt und wie es funktioniert, erklärt Petra Fliegauf. Sie ist Inspizientin am Theater Freiburg und betreut zur Zeit unter anderem "Madame Butterfly".



Zwischen Kunst und Technik

Vor sich liegen hat Petra Fliegauf ein dickes Buch mit dem Klavierauszug der Partitur der Oper. Darin stecken verschiedenfarbige Zettel und neben jeder Seite ist eine Seite frei für Notizen. Gelbe Zettel zum Beispiel zeigen die Lichtstände an, orangefarbene stehen für Technik. Das ist ihre Bibel, denn ohne diesen Wälzer könnte sie dem Stück schlecht folgen.

Sie muss sich in bestimmten Stellen Markierungen setzen, wie zum Beispiel: Hier muss sich das Licht ändern, etwas von der Decke kommen oder, wie in „Madame Butterfly“, der Vorhang an- und ausgehen. Dieser läuft nämlich das ganze Stück über im Hintergrund im Kreis und wird unterschiedlich beleuchtet. Um das auszuprobieren nimmt Petra auch an den Beleuchtungsproben teil. Sie erzählt: „Der Vorhang lief stundenlang und wir haben die ganze Zeit drauf geguckt. Als er dann ausging, wurde uns allen schlecht. Das war dann wie beim Autofahren und nebenbei lesen.“

Proben, Proben, Proben

Neben den Beleuchtungsproben gibt es noch die Bühnenproben mit Licht und schließlich die sogenannten „BO’s“, die Bühnen-Orchesterproben – immer muss die Inspizientin anwesend sein. Sie ist auf dem ganzen Weg zum fertigen Stück das „Verbindungsglied zwischen Kunst und Technik“. Sie muss die Wünsche des Regisseurs umsetzen, was das Licht oder die Technik betrifft. „Und das klappt dann sogar manchmal...“, lacht Petra.



Bei den Aufführungen ist sie dann dafür verantwortlich, den Lichttechnikern Zeichen zu geben, wann es einen Lichtwechsel gibt. „Manchmal geht das unmerklich. Das ist dann Magie“, erzählt Petra.

Der Ablauf ist dann folgender: Vor sich hat sie ein großes Schaltpult mit Knöpfen für jede Abteilung, die an einer Theaterproduktion beteiligt ist. An diesem Pult drückt sie kurz vor dem betreffenden Zeitpunkt den Schalter. In der zuständigen Abteilung (z.B. bei den Lichttechnikern) leuchtet dann ein rotes Licht. „Rotes Licht heißt beim Theater immer: Achtung!“ Wenn es ausgeht, heißt das: „Go!“ und der Lichtwechsel muss in diesem Moment geschehen. So koordiniert die Inspizientin jeden Ablauf ganz genau. Aber: „Du bist immer der Arsch, wenn was nicht funktioniert.“ Das allerdings nimmt sie locker, das muss man wohl auch.



Eine Papptafel zum Üben

Auf den Beruf gebracht hat sie ihr Mann, selbst Inspizient am Theater Freiburg, als das Theater gerade knapp an Inspizienten war. Als die Suche nach einer neuen Inspizientin begann, erklärte sich Petra auf Anfragen ihres Mannes dazu bereit und war ab diesem Zeitpunkt einfach dabei. Zu Hause hatten sie sich eine Papptafel der Schalter gemalt, um zu üben. „Das war nicht ganz einfach,“ gibt sie zu. Eigentlich hat Petra Kunstgeschichte studiert, aber jetzt ist sie bereits seit 17 Jahren am Theater und bereut es nicht. „Es gibt Eitelkeiten und Sensibilität. Das ist wegen dem hohen Adrenalinspiegel und dem Druck, dem man als Schauspieler ausgesetzt ist. Aber die sind alle sehr lieb hier. Ich mag auch einfach Menschen.“

Inspizient ist kein Lehrberuf. Andere Inspizienten sind oft ehemalige Schauspieler oder Tänzer, die die Abläufe im Theater kennen. Eine wichtige Eigenschaft ist, ruhig zu bleiben. Wenn verschiedene Dinge gleichzeitig passieren, muss man einen kühlen Kopf bewahren und nach Wichtigkeit sortieren. Manchmal geht da auch etwas schief. „Zum Beispiel machte der Vorhang einmal Probleme: Er ging einfach nicht mehr zu, die Mechanik war kaputt! Da bist du verratzt!“



Ein positiver Aspekt an dem Beruf ist, dass Intendanzwechsel oft nicht das Ende der Anstellung am jeweiligen Theater bedeuten. Obwohl auch Inspizienten nur einen Ein-Jahres-Vertrag haben, werden sie selten ausgetauscht, weil man Leute braucht, die sich auskennen.

Das Theater Freiburg hat für das Musiktheater und das Schauspiel je zwei Inspizienten. Für den Tanz werden diese aufgeteilt. Das ist übrigens auch die schwierigste Disziplin für den Inspizienten, weil es beim Tanz keine Partitur gibt. Man muss sich aus den Figuren, die man kennt, selbst ein Buch zusammenstellen.

Das erste, was Petra Fliegauf am Abend zu tun hat, ist der Foyer-Gong. Dann noch eine letzte Zigarette und es geht los.