Die Indie-Sesamstraße

Carolin Buchheim

Dank Dauerauftritten bei Tigerentenclub, Toggo TV und ähnlichen Kindersendungenr stehen Casting-Bands wie Banaroo, BeFour und Chipz bei Kleinstkindern in Deutschland hoch im Kurs. Dass Musiksendungen für Kinder auch anders sein können, zeigt das US-Fernseh-Format Pancake Mountain. Dort können Kleinkinder von Fugazis Ian McKaye lernen, was Vokale sind, mit den Scissor Sisters Karaoke zu Aretha Franklins "Respect" singen, mit Ted Leo Gitarre üben und zum Abschluß mit The Go! Team herumhüpfen.



Die Hausherren von Pancake Mountain sind Rufus, ein vorlautes Schaf mit permanent weit aufgerissenen Augen (vielleicht ist er auch eine Ziege, so genau kann man das nicht sagen), Captain Perfect, ein Superheld, und sein Sidekick Garnett.


Während Captain Perfect menschlich ist, aber alles andere als perfekt, handelt es sich beim guten Rufus um ein klassisches  Kindersendungen-Handpuppen-Tier. Dank der Bedienung durch einen Puppenspieler von unten hat er keine unteren Extremitäten und hängt deswegen immer über Tischen, Verstärkern oder auch mal einfach so aus der Dekoration heraus.
Er ist der prominenteste der drei: Er flirtet mit weiblichen Showgästen, diskutiert  mal mit Henry Rollins, was einen denn nun genau zu einem Egoisten macht und erklärt den Scissor Sisters, dass man bei Pancake Mountain auch fluchen darf.



Die Sketche und Interviews der Drei mit den musikalischen Gästen sind zum Teil zutiefst ironisch und für Erwachsene beinahe lustiger als für Kinder und manchmal auch nur befreiend albernd.

Den Charme der Sendung liegt jedoch in den Auftritten von Bands wie Arcade Fire, Bright Eyes, Deerhof, Anti-Flag oder Metric (Bild unten) vor einem Publikum, das zum Teil noch Windeln trägt. Und die Stars der Indieszene zeigen neue Seiten: Verschüchtert und ein wenig hilflos wie The Subways oder ganz in ihrem Element, wie Metrics Emily Haines, wenn sie mit kleinen Mädchen den Anti-Kriegs-Song "Monster Hospital" singt. Auch zu Arcade Fire passen die kleinen Kinder, die während ihres Auftritts ebenfalls auf Instrumente hauen, ganz wunderbar.

Gedreht werden die Auftritte für die Show zumeist bei den Pancake Mountain Dance Parties in Theatern und Clubs der US-Hauptstadt. Kinder ab 5 Jahren sind willkommen, Gehörschutz ist Pflicht, und die Inszenzierung ist eine Mischung aus  Experiment und Wahnsinn.

Auch auf Festivals sammeln Rufus und Konsorten Material: Auf dem diesjährigen Bonnaroo Festival traf er nicht nur die White Stripes und verwirrte Lilly Allen, sondern musizierte auch mit den Herren von Franz Ferdinand, die ihre Babies mitgebracht hatten.

 



Pancake Mountain ist, kurz gesagt, die Sesamstraße für den Nachwuchs von Hipster-Eltern. Nur mir mehr Musik und weniger Alphabet-Übungen.
Nach Ansicht der Macher ist man nie zu klein, um gute Musik zu mögen.  "Die meisten Musiksendungen für Kinder, wie Barney oder die Wiggles, sind luschig und verdummend", erklärte Pancake Mountain Erfinder Scott Stuckey in einem Fernseh-Interview. "Das war nicht immer so, denn als ich aufwuchs, in den Siebzigern, gab es Schoolhouse Rock." Stuckey beschloss, das bessere Musikfernsehen für Kinder kurzerhand selbst zu machen, und drehte, unterstützt von ein paar Freunden und mit Musikern aus der Musikszene seiner Heimatstadt Washington D.C., im November 2003 die erste Folge von Pancake Mountain.

Die Sendung läuft in mehreren kleinen Kabelsendern an der Ostküste; Außerdem wird Pancake Mountain als DVD vertrieben; Mittlerweile gibt es 4 DVDs mit insgesamt 8 Folgen. Ein kommerzieller Erfolg ist die Sendung nicht, auch wenn Stuckey schon mehrfach Übernahme-Angebote für das Konzept erhalten hat. Doch er will die Sendung nicht hergeben. "Jedes Mal, wenn jemand die Sendung kaufen will sage ich, dass sie sie einfach kopieren sollen. So läuft das doch im Fernsehen. Aber bisher hat das niemand gemacht, die Sendung funktioniert ja auch gerade wegen der persönlichen Beziehungen und dem lokalen Charakter."

In Deutschland scheint noch niemand auf die Idee gekommen zu sein, die Sendung zu kopieren. Noch, vielleicht, denn sicher könnte man im Prenzlauer Berg genug Hipster-Eltern mit Hipster-Kindern und kinderfreundliche Musiker finden, die sich zu Indie-Tanz-Parties für Kleinkinder zusammenrotten würden.
Man braucht nicht viel Fantasie, um sich Thees Uhlmann, von Kindergartenkindern umringt, beim Spiel einer akustischen Version von "Schreit den Namen meiner Mutter"  oder Judith Holofernes auf einer Bühne mit kleinen Mädchen "Von hier an blind" singend vorzustellen.



Mehr dazu:

Pancake Mountain: Website & MySpace & YouTube

Auf YouTube finden sich auch einige zusätzliche Rips der DVDs. Bestellen kann man die DVDs zum Beispiel bei X-Mist; Zur Zeit sind jedoch alle Folgen vergriffen.