Probenbesuch

Die Gruppe "Tapetenwechsel" nimmt Dich mit auf einen Theaterspaziergang

Claudia Förster Ribet

In ihrer Szenencollage "Traumhaft" beleuchtet die studentische Theatergruppe "Tapetenwechsel" verschiedene Aspekte des Eingesperrtseins. Die Zuschauer wandern mit den Schauspielern durch verschiedene Räume.

Fühlt sich jeder Häftling eingesperrt? Oder kann man sich sogar im eigenen Körper gefangen fühlen? In ihrer Szenencollage "TRaumHaft" beleuchtet die studentische Theatergruppe Tapetenwechsel verschiedene Aspekte des Eingesperrtseins. Das Spannende: Die Zuschauer wandern dabei durch verschiedene Räume, statt gemütlich in den Guckkasten zu glotzen. Albtraum oder (t)raumhaft? Fudder hat eine der letzten Proben vor der Aufführung besucht.


Die Gruppe

Tapetenwechsel ist ein 2015 gegründetes offenes Ensemble des FIST (Freiburger Interessenverband Studentisches Theater), das aktuell aus zwölf Schauspielerinnen und Schauspielern besteht. Künstlerisch geleitet wird es von Katti Geighardt, die neben ihrer eigenen Tätigkeit als Schauspielerin auch Theaterpädagogin und Jugendreferentin der Gemeinde Dreisam 3 ist. "TRaumHaft" ist bereits die fünfte Inszenierung des Ensembles.

Das Konzept

Theaterstücke in Spielfilmlänge gibt es genug – Tapetenwechsel bringt neue Farbe in den Raum. Mit einer Szenencollage beleuchten sie die zahlreichen Facetten von Gefangenschaft, Begrenzung und Freiheit. "Menschen können sich auf erstaunlich vielfältige Weise eingesperrt fühlen", sagt Schauspielerin Clara Fuchs. "Mit einer spannenden Mischung von Szenen fügen wir Aspekte des Eingesperrtseins zusammen, die man sonst nie miteinander verbunden hätte".

Entgrenzt ist im Gegensatz zum Inhalt der Rahmen der Collage: Zwar weist das Programmheft auf Werke hin, aus denen die Szenen inspiriert sind. Doch in welcher Reihenfolge die Interpretationen aufeinanderfolgen oder ob eine Geschichte gar über den Abend verteilt in vielen Momentaufnahmen erzählt wird, gilt es selbst zu entschlüsseln. Einen großen Vorteil des Konzepts erklärt Anna Weber, die seit Beginn an bei Tapetenwechsel spielt: "Normalerweise hat man Pech, wenn einem ein Stück nicht gefällt. Das ist bei unserer Collage das Praktische: Alle paar Minuten ändern sich mit der neuen Szene Stil, Stimmung und Spielweise. Der Abend wird also eine Achterbahn".

Die Bühne

Viel Auf und Ab erwartet die Zuschauer auch bei der Platzwahl: Es gibt nämlich keine. Anstatt wie üblich auf der Bühne der FISTung aufzuführen, wird das Publikum während eines Spaziergangs durch das Foyer des Paulussaals unterhalten. Heizungen, die Garderobe oder der Altarraum dienen als Kulissen. "Wir spielen bewusst Kammerszenen, die wir in einen alltäglichen Kontext setzen", sagt Regisseurin Katti Geighardt, "Mit den Kulissenwechseln nutzen wir den Raum bewusst aus, um Begrenzungen zu schaffen". So soll das Gefühl vom Eingesperrtsein, von räumlichen und unsichtbaren Barrieren, unmittelbar erlebbar werden. Wer einen guten Blick erhaschen will, sucht sich mit seinem Papphocker – dem Sesselersatz des Abends – also ein strategisch günstiges Plätzchen, von dem aus Treppen, Winkel und andere potentielle Bühnen in Sichtweite bleiben.

Die Probe

"Stopp" ruft Katti Geighardt, während die Darsteller als Dickdarm, Speiseröhre und Bauchspeicheldrüse übereinander kugeln. "Denkt dran, auch im Gewühl muss man den Text verstehen", erklärt die sie, "also nochmal, bitte". Immer wieder unterbricht sie das Spiel und gibt Hinweise. "Sag das nochmal, aber diesmal genervter", hören die Schauspieler dann, oder "nicht so süddeutsch betonen bitte!". Kurz vor der Aufführung feilt die Regisseurin an Feinheiten, selbst das Chaos wird geordnet. In welcher Reihenfolge und auf welchen Wegen durcheinander gerannt wird, oder wer beim Synchronsprechen der "Luftholer" ist – all das wird konstruktiv diskutiert und ausprobiert. Mehr als vier Stunden lang perfektioniert die Gruppe Choreografien, trainiert Rangeleien oder übt unausgereifte Szenen. Trotz des enormen Erschöpfungspotential spürt man aber deutlich, wie viel Freude sie beim Proben haben.

Die Szenen

"Oh, bist du heute mal wieder gereizt?", fragt die Leber den Magen, während im Hintergrund eine Wanderniere den Weg kreuzt. Hörte man Faust, Gretchen und Mephisto eben noch pathetisch die Kerkerszene sprechen, so findet man die Darsteller wenige Augenblicke später als Personifikationen innerer Organe wieder. Während sich deren Besitzer einen nächtlichen Snack gönnt, müssen die im Bauchraum eingepferchten Organe ihrem Schicksal hingeben und schuften.

So absurd die eine Szene ist, so düster die andere. Insgesamt neun Szenen inszeniert Tapetenwechsel beim Theaterspaziergang, manche sind eins zu eins den Textbüchern entnommen, andere von Gedichten oder Liedern inspiriert. Das Repertoire reicht von Goethes Klassiker "Faust" bis zu zeitgenössischen Autoren. Absurde Wortwechsel und die haarsträubende Interpretation eines der umstrittensten Menschenexperimente überhaupt werfen beim Zuschauer kritische Fragen auf: Macht Sicherheit glücklich? Stehe ich auf der richtigen Seite des Zauns? Und sind es nur Gefängnismauern, die mich meiner Freiheit berauben können?

Die Herausforderung

Außergewöhnliche Inszenierungen bringen außergewöhnliche Anforderungen mit sich – für Schauspieler und Regie gleichermaßen. "Besonders herausfordernd ist es, das Thema als roten Faden klar darzustellen, aber geheimnisvoll genug zu lassen", sagt die 34-jährige Regisseurin. Gleichzeitig sei es schwierig, eben diese Spannung aufzubauen und die Atmosphäre jeder Szene in nur wenigen Minuten prägnant darzustellen. Im Gegensatz zur üblichen Herangehensweise bleibt den Schauspielern keine Zeit, sich aufzuwärmen, in das Stück einzufinden und die richtige Stimmung peu à peu aufzubauen. "Man muss extrem schnell umschalten", erklärt Schauspielerin Anna Weber. Damit diese Wechsel von Szene und Stimmung auch äußerlich schnell funktionieren, werden Requisiten nur minimalistisch eingesetzt, erklärt Regisseurin Geighardt. "Es gibt keine Kostüme, nur aussagekräftige Accessoires und zentrale Requisiten".

Dass die Inszenierung aus zahlreichen Schnipseln verschiedener Stücke zusammengesetzt ist, erfordert aber nicht nur Anpassungsfähigkeit – es bedeutet auch ein Vielfaches an Aufwand. Denn jeder Schauspieler hat gleichzeitig an zwei bis drei großen, und weiteren Nebenrollen zu feilen. Oft werden mehrere Szenen gleichzeitig geprobt, die Regisseurin wechselt dann zwischen den jeweiligen Besetzungen, um Verbesserungen vorzunehmen. Das erfordert Engagement, hohe Konzentration und Selbstdisziplin der Darsteller – zumal eine Probenzeit von September bis Dezember ziemlich kurz ist. "Die Collage war überhaupt erst möglich, weil sich die Gruppe mittlerweile so vertraut ist, dass sie effektiv selbstständig arbeiten kann", sagt Katti Geighardt.

Das Alleinstellungsmerkmal

Wanderungen oder Szenencollagen gibt es nicht oft in Freiburger Theatern – und das für den Preis! TRaumHaft ist also die perfekte Gelegenheit für alle, die vom Theater mehr mitnehmen wollen als eine Stunde Freizeit-Entertainment aus dem Guckkasten. Das Szenenpuzzle zeigt außerdem, wie vielfältig und vor allem aktuell das Thema Freiheit und Begrenzung ist. Fazit: Spannendes Konzept, unkonventionelles Bühnenformat und vielversprechendes Thema. Oder, wie Tapetenwechsel es selbst formuliert, "ein erlebnisreicher Theaterspaziergang, den man so schnell nicht wieder vergisst".
  • Was: Studitheatergruppe Tapetenwechsel: Theaterreise TRaumHaft
  • Wann: Samstag, 15. und Montag, 17. Dezember, jeweils um 20 Uhr
  • Wo: Foyer des Paulussaals, Gemeinde Dreisam 3, Dreisamstraße 3
  • Eintritt: 6 Euro, 4 Euro ermäßigt (auch für Studierende)
  • Karten sind in der Buchhandlung Ludwig oder an der Abendkasse erhältlich.



Mehr zum Thema: