Die "Groundhunters": So viele Fußballstadien der Welt wie möglich besuchen

Tamara Keller

Es ist ein zeitaufwendiges Hobby und ein kostspieliges dazu: Sechs junge Männer aus dem Kreis Lörrach nennen sich "Groundhunters": Ihr Ziel ist es, möglichst viele Stadien in der Welt für Fußballspiele zu besuchen.

Island, Israel oder Indonesien: Unzählige blaue Stadien sind zu sehen, als Daniel die Weltkarte aufruft. Vor ihm auf dem Tisch liegt sein Smartphone auf dem er die App "Groundhopper" geöffnet hat. "In der Bundesliga habe ich 17 von 18 Grounds besucht", sagt der 33-Jährige. Er geht zurück ins Menü und scrollt eine Liste entlang. "1991 ein Spiel, 1996 drei Spiele, 2002 20 Spiele und ab 2006, bei der WM im eigenen Land waren es 53. Ab da habe ich konstant um die 50 bis 60 Spiele geschaut."


"Groundhunters" nennen sich Heiko, Stefan, Andy, Daniel, Denis und Adrian, die alle im Landkreis Lörrach zu Hause sind, auf Facebook. Dort erzählen sie von ihren Erlebnissen rund um ihr Lieblings-Hobby: Groundhopping. Ziel ist es, möglichst viele Stadien in der Welt für ein Fußballspiel zu besuchen. Ihren Nachnamen wollen die sechs Männer nicht im Internet lesen.

Im Schnitt 1,5 Spiele pro Woche

In der Groundhopping-Szene ist es verpönt, einen Artikel über sich schreiben zu lassen. Andy, Heiko, Stefan und Daniel erklären sich trotzdem bereit, ihr Hobby näher zu erklären. "Mit im Schnitt 1,5 Spielen pro Woche zählen wir zur unteren Mittelklasse", erklärt Andy. "Wir kennen Hopper, die empfangen Hartz IV und besuchen 400 Spiele pro Jahr."

Die Idee zu einer Facebookseite kam im August 2015: Damals ging es zuerst zum DFB-Pokal-Spiel der Stuttgarter Kickers gegen Wolfsburg. Danach schaute sich die Gruppe noch Reutlingen gegen Karlsruhe an. Zu diesem Zeitpunkt dokumentierten alle Sechs bereits regelmäßig in der Groundhopping-App, die Spiele die sie besuchten. Pro Spiel und pro Land gibt es dort jeweils einen Punkt. Von Verbandsliga bis zur WM-Partie lässt sich alles eintragen.

Ein typisches Groundhopper-Wochenende

Am Anfang konnte jeder noch selbst Stadien registrieren. Für Deutschland haben die Programmierer das gestoppt. "Die Server waren überlastet, weil jeder seinen Dorfverein eingetragen hat," sagt Stefan. "Durch das Dokumentieren wird das Ganze ein bisschen zur Sucht", ergänzt Andy. "Ich setzte mir Ziele wie 'Ich möchte 50 Spiele dieses Jahr schaffen'. Wenn ich die 50 schon früher habe als gedacht, will ich die 100 machen."

Ein typisches Hopper-Wochenende im Dreiländereck sieht bei den "Groundhunters" so aus: Am Samstag oder Sonntag treffen sie sich beim FCB-Spiel in Basel. "Dann gehen wir zusammen die nächste Woche durch", sagt Heiko. "Wir versuchen mit zwei bis drei Spielen möglichst viel aus einem Tag rauszuholen." Das Dreiländereck bietet dafür viele Möglichkeiten: Morgens spielen meistens Damen- und Jugendmannschaften oder in Gundelfingen wird oft ein Spiel um 11 Uhr angepfiffen. Mittags ist dann die Regionalliga oder die Verbandsliga Südbaden dran. "Und abends auf dem Heimweg um 18 Uhr spielen dann die Franzosen im Elsass," so Heiko.

Auch im Urlaub wird gehoppt

Auf Verständnis stoßen die Sechs nicht immer: "Wenn du sagst ich gehe Bayern gegen Dortmund schauen sagt jeder 'Voll, cool!', aber bei Solvay Freiburg gegen Denzlingen sagt das keiner!" Stefan lacht. Daniel und seine Frau beziehen sogar den Urlaub mit ein: "Als wir nach Israel wollten, habe ich ihr gesagt welche Spiele ich schauen will. Sie darf dafür das restliche Programm festlegen."

Das Reisen macht für die Groundhunters den Reiz aus: "Ohne Fußball würden wir niemals nach Azerbaijan oder Andorra fahren", sagt Stefan. "Was du auf gar keinen Fall machen darfst ist Zeit und Geld ins Verhältnis stellen," fügt Daniel an. Jeder von ihnen habe sicherlich schon einen Mittelklassewagen für die Reise- und Spielkosten ausgegeben. "Andere kaufen sich Oldtimer und restaurieren die. Wir gehen zu Fußballspielen, lernen andere Kulturen und Leute kennen."

Bunte Erinnerungen an die Fußballspiele

Europapokalfinale 2008, Zenit Sankt Petersburg gegen die Glasgow Rangers in Manchester: "200.000 Schotten in der Stadt. Kennst du die großen Tanklastwagen, die Benzin an die Tankstelle bringen?", fragt Daniel. "Vier solche Laster sind auf dem großen Platz in Manchester gestanden. Ein Mann hat mit einem Hubwagen immer eine Palette Bier aus dem Fahrzeug geholt und alle Schotten sind darauf zugerannt." Er greift mit seinen Armen in die Luft um zu verdeutlichen, wie die Glasgow-Fans auf die Palette zu rannten. "Die haben alles leer getrunken."

Jeder der vier kann solche Erinnerungen zum Besten geben. So erzählt Andy, wie er von der Polizei in Argentinien nicht ins Stadion gelassen wurde. Als er sagte, er sei aus Deutschland, führten ihn die Polizisten zum Presseeingang. Dort zeigte er seine Versicherungskarte und bekam im Gegenzug eine Akkreditierung auf der "Prensa Alemania" stand.

Wenn es um Italien geht, geraten sie ins Schwärmen

Es ist die alte Stadionkultur, die die Hopper anziehend finden. Es darf ruhig alt und versifft sein. "Jedes Stadion erzählt seine eigene Geschichte", sagt Daniel. "In Deutschland erkenne ich an den Sitzplätzen welche Firma den 0815-Klotz gebaut hat. In Italien ist das anders." Wenn die vier von Italien berichten, geraten sie ins Schwärmen. "Seit der WM 1990 ist dort die Zeit stehen geblieben," sagt Andy. "Das alte Flair ist uns wichtig: Holztribünen, Stehplätze und es muss nach Bier, Schweiß und Bratwurst schmecken," ergänzt Stefan.

Bei den Südbaden-Hoppern spielt nicht nur der Wurstgeschmack, sondern Essen allgemein eine große Rolle: Aus Spaß und der Liebe zum Essen wird dieses in jedem Bericht bewertet. Die beste Verpflegung in Südbaden gibt es laut den vier an der Grenze. Bei Oberachern und Kehl wird oft Merguez und Schorle angeboten. "Wir freuen uns immer über etwas, das nicht dem Standard entspricht", sagt Stefan. Doch natürlich wissen die Groundhunters auch, wo man das Essen vermeiden sollte: Das Essen im Freiburger Stadion finden sie gar nicht toll und in Augsburg und Duisburg schmeckt die Currywurst nicht.