Die größte Zeitumstellung

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, wie unser heutiger Kalender entstanden ist? Die nach Papst Gregor VIII. benatte Zeitrechnungsweise war im 16. Jahrhundert eine notwendige Anpassung des Kalenders an die astronomischen Gegebenheiten. Doch bis es dazu kam und auch möglichst viele Länder sich auf die neue Zeitrechnung einstellten, gab es viele Probleme, Unwägbarkeiten und kuriose Zwischenfälle.

Alles fing mit dem Osterfest an. Da die Auferstehung Jesu am Sonntag nach dem Paschafest stattfand, musste auch das Osterfest nach diesem gefeiert werden. Aber der genaue Termin des Paschafestes wird bestimmt nach dem ersten Vollmond nach der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche. Und dass diese Daten von jüdischen Autoritäten bestimmt wurden, konnte die große Römische Kirche nicht auf sich sitzen lassen.


Aber um das festzulegen, musste sich ersteinmal auf ein Datum für den Frühlingsanfang geeinigt werden. In Rom war dies traditionell am 25. März, im Osten des Reiches der alexandrinische 21. März. Auf letzteren Termin konnte man sich immerhin schon im Jahr 325 n. Chr. einigen. So konnten Ostertafeln erstellt werden, die im ganzen Reich die Termine des wichtigsten Festes des inzwischen zur Staatsreligion gewordenen Christentums festlegten. Doch es gab noch ein anderes Problem: den zu langsamen alten Julianische Kalender.

Da ein Kalenderjahr nach Julius Cäsars Rechnung etwa elf Minuten länger war als die tatsächliche Umrundungszeit der Erde um die Sonne, verschob sich der astronomische Frühlingsanfang auf ein immer früheres Datum. Das summierte sich über die Jahrhunderte, und 1579 endlich befahl Papst Gregor die Umstellung. Bis alles von begabten Mathematikern und Astronomen berechnet und beschlossen war, dauerte es aber noch eine Weile.

Schließlich kam die päpstliche Bulle "Inter Gravissimas" 1582 heraus und bestimmte die noch heute geltende Regel mit den Schaltjahren: Alle vier Jahre kommt ein 29. Februar dazu, aber nicht in Jahren, die durch 100 teilbar sind, es sei denn, sie sind durch 400 teilbar. Die katholischen Länder Spanien, Portugal, Polen und Teile Italiens machten sofort mit.

Der erste Schritt war aber, die verlorene Zeit aufzuholen. So gab es in jenem Jahr die Tage zwischen dem 4. und 15. Oktober nicht; dieser Zeitraum wurde ausgewählt, da die Heiligenfeste Anfang Oktober als nicht allzu wichtig galten. Damit begann die Zeit der totalen Datumsverwirrung: Verträge mussten mit mehreren Daten versehen werden, wenn sie zwischen zwei Staaten gelten sollten. Und beispielsweise starben die beiden Nationaldichter William Shakespeare und Miguel de Cervantes offiziell am selben Datum, obwohl der Engländer seinen Berufskollegen um zehn Tage überlebte.

Die katholischen Länder Europas übernahmen recht zügig den neuen Kalender, die evangelisch-reformierten hingegen sträubten sich dagegen – schließlich kam die Neuerung vom Papst! So waren sowohl das Heilige Römische Reich als auch die Schweiz in mehrere Zeitzonen aufgeteilt. Aus dieser Zeit stammt der Ausspruch "zwischen den Jahren" für den Zeitraum zwischen Weihnachten und Neujahr, der damals wirklich zwischen den Jahren war.

Aber auch die evangelischen Länder, inklusive England, Schweden und den (späteren) USA führten die neue Zeitrechnung bis in die 1750er Jahre ein. Und der letzte Kanton der Schweiz schaffte dies auch: Die Graubündener Gemeinden waren Stück für Stück bis 1812 auf der Höhe der Zeit. Was den Evangelen recht flott gelang und inzwischen Staaten wie China oder sogar islamische Länder übernommen haben, fiel den mit dem Papsttum seit Jahrhunderten zerstrittenen Ostkirchen deutlich schwerer.

In Russland wurde nach der Oktoberrevolution der gregorianische Kalender 1918 eingeführt, somit war sie dann doch irgendwie eine Novemberrevolution. Die orthodoxen Kirchen allerdings blieben auch weiterhin beim julianischen Kalender. Deshalb findet in den Patriarchaten von Serbien, Russland und Georgien Weihnachten inzwischen am 7. Januar statt: Dort waren eben auch die vollen Jahrhunderte Schaltjahre.

Nur die bulgarische und die griechisch-orthodoxe Kirche benutzen den neo-julianischen Kalender, der sich peu á peu der katholischen Rechnung angleicht. Passieren wird dies im Jahr 2799.