Die Geschichtenerzählerin

Josepha Schweizer

Großeltern machen es. Babysitter, Eltern, Geschwister machen es auch. Und Kathinka macht es - hauptberuflich. Sie ist Geschichtenerzählerin. Im Interview erzählt die Freiburgerin von weltreisenden Omis, der Ausbildung zur Geschichtenerzählerin in England und Erlebnissen in Äthiopien.



Kathinka, was fasziniert Dich persönlich am Geschichtenerzählen?



Kathinka Marcks:
Geschichten fesseln. Für mich ist das Besondere am Geschichtenerzählen, dass man wenig braucht und unheimlich viel entstehen lassen kann. Gerade heute, wo es Fernsehen gibt und Radio, Internet und Kino. Dass diese einfache Kommunikation so tiefgreifend ist. Dass sie einfach berührt. Ich merke immer wieder, wie wichtig es für Menschen ist, solche Emotionen direkt auszutauschen und nicht über Medien vermittelt zu bekommen.

Geschichtenerzählerin - Das hört sich spannend an, wie kamst Du denn dazu?

Ich habe direkt nach dem Frankomedia-Studium in Freiburg eine Ausbildung zur Geschichtenerzählerin in England begonnen. Allerdings habe ich ganz woanders meine Leidenschaft dafür entdeckt. Auf der Insel La Réunion im indischen Ozean, während meines Erasmussemesters. Auf La Réunion leben Geschichten nicht nur im Fernsehen oder in Büchern, sondern sie umgeben einen, man lebt mit ihnen.

Woher kommt dort diese Verbundenheit zu den Geschichten?

Die Insel war lange unbewohnt, es leben erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts Menschen dort. Durch die Sklaverei auf den Plantagen und den Arbeitern aus vielen verschiedenen Ländern hat sich eine bunte Bevölkerung mit eigener Kultur zusammen gestellt, die Kreolen.

Aus dieser jungen Kultur hat sich dann eine Sprache entwickelt und unheimlich viele Geschichten. Es werden immer noch alle Geschichten mündlich weitergegeben. Jeder weiß von jedem Ort, warum er so heißt. Warum 'mafat' mafat heißt, weil es mal einen Zauberer gegeben hat, der dort gelebt hat, zum Beispiel. Oder warum ein bestimmter Wasserfall 'voile de la marié' heißt, weil sich dort Liebespaare hinunterstürzen, die nicht heiraten dürfen. Das machen sie anscheindend auch heute noch. Das ist manchmal vielleicht ein bisschen tragisch. Aber es ist trotzdem spannend, wie lebendig Geschichten gehalten werden.

Wie haben Dich die Geschichten beeinflusst?

Ich habe durch die Geschichten schnell gelernt, diese Kultur zu verstehen und mich auf der Insel zurecht zufinden. Das war für mich eine unglaubliche Entdeckung. Danach wollte ich selbst auch Geschichten erzählen. Deshalb bin ich für drei Monate nach England gegangen, um eine Ausbildung zur Geschichtenerzählerin zu machen.

Wieso genau England?

In England haben Geschichten noch eine tiefere Tradition als hier. Es wird nicht nur als "Märchenerzählen" verstanden. Dort gibt es eigentlich in jedem Dorf einen Storytelling Club, der sich einmal die Woche trifft und Geschichten erzählt und sich austauscht. Das gibt es ja in Deutschland kaum. Auch in schottischen Pubs oder in Irland ist es ganz normal, dass man Geschichten erzählt. Vielleicht weil das Wetter so schlecht ist, dass man gerne am warmen Kamin sitzt.

Hast Du von deinen Eltern schon früher gerne Geschichten erzählt bekommen?

Oh ja, natürlich! Meine Eltern haben mir immer viel vorgelesen. Die spannendsten Geschichten hat mir aber meine Oma erzählt. Sie hat die ganze Welt bereist und erzählt gerne von ihren Abenteuern. Mit 80 hat sie dann aber gesagt: 'So, ich höre jetzt auf zu segeln!' Mittlerweile ist sie Ende 80, aber reist immer noch nach Griechenland.

Welche Geschichte hörst Du am liebsten von deiner Oma?

Da gibt es sehr viele, die ich gerne höre. Aber im Moment fällt mir nur eine ein, die ziemlich dramatisch war. In dieser Geschichte ist meine Oma von der Karibik über den Atlantik nach Spanien gesegelt. Sie waren nur zu dritt. Meine Oma hatte Nachtwache, dann sind sie in einen riesengroßen Sturm gekommen. Die anderen haben geschlafen und sie musste diesen Sturm ganz alleine oben auf Deck bewältigen, alles festhalten. Dann war sie auch noch seekrank. Aber sie hat es geschafft.



Wer hat die Ausbildung zum Geschichtenerzählen noch gemacht?

Viele haben diesen Kurs zufällig gefunden, Menschen aus der ganzen Welt. Es war ein Mädchen aus Saudi-Arabien dabei, jemand aus Australien, aus Kalifornien, aus Frankreich, aus Israel, aus Südafrika, aus Deutschland, Holland. Ein paar Engländer, Schotten und Iren waren auch dabei. Wahnsinnig bunt gemischt. Ich war die Zweitjüngste mit 23; die Älteste war 65 - es war also sehr generationsübergreifend und anregend.

Wie verlief die Ausbildung?

Wir haben morgens mit Übungen angefangen. Gymnastik, für den Körper, um Körpergefühl und ein Gefühl für den Raum zu entwickeln. Dann haben wir natürlich viel mit der Stimme gearbeitet. Wie kann man die Stimme aufwärmen oder die Aussprache schulen? Wie kann man die Stimme benutzen, ihr Farbe geben? Wo setzt man Pausen? Und es ging natürlich auch wirklich um die Geschichten. Wir haben Geschichten bekommen, sind diese durchgegangen und haben sie bearbeitet. Danach haben wir uns gegenseitig Kritik und Lob gegeben. Teils haben wir Geschichten biographisch selbst gestaltet, teils haben wir sie bekommen oder uns ausgesucht. Die Vorangehensweise ist dabei aber immer gleich. Die Struktur lernt man auswendig und fügt dann sozusagen das eigene Fleisch wieder an die Knochen.

Man liest also gar nicht mal direkt ab?

Überhaupt nicht, das wird ganz frei vorgetragen oder erzählt.

Dann muss man aber für das ganz Freievortragen ein großes Talent haben?

Es ist so wie mit Tanzen und Singen: Jeder kann das auf seine Art und Weise. Es kommt einfach darauf an, wie sehr man die Sachen liebt, die man macht. Das kann schon darüber entscheiden, wie sehr es die anderen dann auch mitreist.

Gibt es gewisse Themen, über die Du gerne oder auch weniger gerne Geschichten erzählst?

Also es gibt einfach manchmal Geschichten, die liegen einem richtig und mit manchen Geschichten kämpft man lange. Manchmal kriegt man sie und manchmal kriegt man sie einfach nicht, das kann natürlich vorkommen. Aber Thema? Wir hatten verschiedene Themenbereiche, wie Gruselgeschichten oder Geschichten, die wir draußen erzählt haben und dann die Natur direkt in unsere Geschichten reinplatziert haben. Das war total spannend. Ich hatte so eine Papageien-Geschichte mit einem Waldbrand und hatte dann einen ganz schönen Platz im Wald ausgesucht, eine kleine Lichtung. Und auf einmal waren dann alle in diesem Feuerzirkel drin und es hat überall gebrannt und sie wussten nicht, wie sie rauskommen sollten.

Wenn du vor Publikum sprichst, ist es besonders wichtig, die Leute miteinzubeziehen?

Ja, dann wird es lebendiger. Die Leute fühlen sich direkt angesprochen. Das ist kein Theaterstück, in dem Sinne, dass es die Bühne gibt und die Zuschauer, sondern da geht viel mehr eins ins andere über. Ich stell dem Publikum zum Beispiel auch Fragen. Wenn ich zum Beispiel über Gonder erzähle, frage ich: Wo liegt denn Gonder, wer weiß das denn? Gestern wusste es zum Beispiel niemand, dann habe ich es auf der Karte gezeigt. Oder: Wie viele Leute passen denn in einen Minibus hinein, könnt ihr euch das vorstellen? Dann kam die Antwort: "30 Leute. Bestimmt sitzen da noch ganz viele auf dem Dach." Ich: "Ne! So ist Äthiopien nicht. In Äthiopien gibt es noch einige Regeln, da passen nicht 30 Leute in einen Minibus, allerdings 14. Vorne drei mit Fahrere, dann sind da noch drei Bänke drin, auf die jeweils zwei Personen und hinten auf den drei Sitzen passen natürlich immer vier hin, weil die Äthiopier sind ja doch recht schmal. Und in den Gang, der gerade mal Schulterbreit ist, passt dann noch der Fahrkartenverkäufer rein und schreit wie ein Marktschreier das nächste Ziel heraus.

Wie kamst du auf die Idee nach Äthiopien zu gehen?

Mich hat Afrika, das Land unserer Ursprünge, fasziniert. Noch mehr Äthiopien, da es für mich ein authentisches Afrika ist. Es wurde weder kolonisiert, noch missioniert. Und auch wegen der Geschichten.

Also wusstest du, dass es dort auch eine tiefe Geschichten-Tradition gibt?

Ich habe es mir gewünscht. Als ich dann dort war, hab ich aber echte Probleme gehabt, Geschichten zu finden. Weil gerade in der jüngeren Generation alle gesagt haben: 'Ja, mein Opa hat mir Geschichten erzählt, aber da erinnere ich mich nicht mehr dran.'

Ich hab echt gesucht und geschwitzt und in der letzten Woche habe ich dann noch ein paar Geschichten gefunden. Aber Volksgeschichten aus Äthiopien habe ich erst hier in Deutschland gefunden. Das war einfacher, weil es in Äthiopien kein sehr gutes Vertriebssystem für Bücher gibt. Da der mündliche Weg schwierig war, hatte ich mir etwas anderes überlegt: Ich erzähle meine Geschichten von meinen Abenteuern, die ich in Äthiopien erlebt habe. Die sind auch näher an den Menschen und dem Jetzt und Heute dran.

Gab es in Äthiopien auch schwierige Situationen für euch?

In der Hörprobe erzähle ich von einem Moment, als wir bei einer Freundin, bzw. vorerst Fremden im Wohnzimmer saßen und dann ihre Brüder reinkamen und sagen 'Was?! Zwei Weiße in unserem Wohnzimmer?', wir dachten: 'Das kann doch gar nicht sein!' Danach haben wir alle gelacht, eigentlich war es eine große Ehre für sie, uns bei sich zu Hause zu haben. Nur war es etwas unerwartet, dass wir plötzlich bei ihnen im eigenen Wohnzimmer saßen.

Du warst couchsurfend unterwegs. Hast Du Äthiopien dadurch auf eine besondere Weise kennengelernt?

Ja, so konnte ich die äthiopische Kultur kennenlernen, wie sie heute gelebt wird. In kürzester Zeit habe ich enge Freundschaften geschlossen, unglaubliche Zufälle erlebt und das Land mit seiner tiefen Weisheit lieben gelernt.

Ich fand in Äthiopien auch unheimlich spannend, wie nachdenklich die Menschen wirken und wie ernst auf der einen Seite. Natürlich gibt es auch dieses dieses sonnige, afrikanische Gemüt aber auf der anderen Seite wiederum das Gebildete, Nachdenkliche und sehr Weise im Menschen. Die Äthiopier sind einfach unheimlich stolz auf ihr Land und ihre Kultur und das macht viel aus. Sie wissen sehr viel über ihre eigene Geschichte.

Nach dieser Reise hast du deine Erlebnisse aufgeschrieben?

Ich habe das Erlebte in Geschichten zusammengefasst und auch eine CD dazu aufgenommen. Sie heißt 'Äthiopien - Eine Erzählreise zu Mama Afrika'. Auf der CD sind die Geschichten, die ich dort erlebt habe und zwei Volksgeschichten so eingewebt, dass meine Geschichten auch manchmal zeitlos sind, wie ein Märchen wirken, aber alles ist passiert und wahr. Jetzt habe ich die Gelegenheit meine Geschichten im Rahmen eines äthiopischen Kulturevents zu erzählen.

Was ist das für ein Kulturevent?

Es geht von der Organisation 'Menschen für Menschen' aus, die Äthiopien-Hilfe macht. Der Schauspieler Karl-Heinz Böhm, der damals den Franz bei Sissi gespielt hat, hat 'Menschen für Menschen' gegründet. Das war 1981, durch eine Stadtwette bei 'Wetten dass..?'. Dieses Jahr wurde an das dreißigjährige Bestehen der Organisation gedacht, in dem die selbe Wette noch einmal durchgeführt wurde. Karl-Heinz Böhm wettete mit seiner Frau Almaz gegen 26 Oberbürgermeister, dass sie es schaffen im Zeitraum von Mai bis Juni jeden dritten Bürger dazu zu bewegen, einen Euro für den Bau äthiopischer Schulen zu spenden. In jeder Stadt, die es geschafft hat, den Betrag zusammen zubekommen, richten Karl-Heinz und Almaz Böhm nun ein äthiopisches Kulturevent aus. Und ich bin gefragt worden, ob ich Teil dieses Events sein möchte.

Könntest du dir theoretisch auch vorstellen, Schriftstellerin zu werden oder deine ganzen Geschichten als Buch zusammenzufassen?

Das ist schon möglich. Mit den Äthiopien-Geschichten habe ich das noch nicht vor, aber ich schreibe kleinere Geschichten, die auch für Kinder sein könnten. Gerne würde ich daraus ein Vorlesebuch machen.

Das Geschichtenerzählen hat also einen festen Platz in deinem Leben.

Ja, genau - auch für die Zukunft. Mittlerweile habe ich ein paar Seminare gegeben, über spontanes Geschichtenerzählen. Im August war das bei der Tagung 'Tag der Ideen' in Schönau. Ich habe mit den Leuten zusammen einen Workshop gemacht. In diesem Workshop sollte man seine eigenen Geschichte mit Hilfe von anderen erzählen. Anhand der Geschichte, die zu dritt erzählt wurde,  konnte man die Menschen noch einmal ganz anders kennenlernen. Und danach ging es eben darum, Ideen zu entwickeln, sich zu vernetzen, um daraus dann auch große Ideen werden zu lassen. Da sind tolle Sachen bei entstanden, das hat mich sehr gefreut.

Hatten manche Menschen dort nicht Hemmungen, einfach so Geschichten zu erzählen?

Am Anfang meinten einige: 'Hm, ich kann doch gar keine Geschichte erzählen', aber im Nachhinein haben mir ganz viele Leute erzählt: 'Ich dachte gar nicht, dass ich eine Geschichte erzählen kann und auf einmal hab ich sie erzählt. Ich weiß gar nicht, wie das passiert ist.' Ich führe die Leute ganz langsam und gefühlvoll ans Geschichtenerzählen heran. Das hat bisher immer geklappt. Das schöne am Geschichtenerzählen ist, dass es einen immer wieder aufs Neue berührt. Neulich war ich bei einem Vortrag, da hat eine andere Frau einfach nur Geschichten vorgelesen, aber sie war selber emotional sehr berührt... da dachte ich nur so 'Wow!' Es ist einfach schön, wenn man jemanden sieht, der das mit so einer Berührtheit macht und dadurch alle anderen Personen im Raum auch in diese intime Atmosphäre hineinkommen und merken, dass es nicht peinlich, sondern etwas sehr Schönes und sehr Tiefes ist.

Ist der eigentliche Unterschied zwischen Vorlesen und Geschichtenerzählen, dass das Geschichtenerzählen viel freier ist?

Ja, das ist der größte Unterschied. Geschichtenerzählen ist freier und mit Augenkontakt. Die Geschichte kann auch durch äußere Einflüsse unterbrochen werden. Wenn zum Beispiel mittendrin Fragen gestellt werden. In der Geschichte malt sich jeder Zuhörer seine eigenen Bilder und jeder ist selbst in der Geschichte drin, auch wenn die Geschichte von jemand anderem erzählt wird. Da entsteht wieder dieses Kindsein. Man hört Geschichten zu und versetzt sich hinein, mitten in die Geschichte. Leider macht man das als Erwachsener viel zu selten.

 



Zur Person


Kathinka Marcks
ist 25 Jahre alt und hat nach ihrem Frankomedia-Studium in Freiburg eine Ausbildung zur Geschichtenerzählerin in England gemacht. Im Februar 2010 war sie mit ihrem Bruder einen Monat lang couchsurfend in Äthiopien. Sie ist Teil des äthiopischen Kulturevents von 'Menschen für Menschen' und erzählt nun in verschiedenen Städten Geschichten von ihrer Cd 'Äthiopien - Eine Erzählreise zu Mama Afrika'.

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