Die Geschichte von Root Down

Markus Hofmann

Freiburgs schönste Partyreihe feiert an diesem Samstag ihren zehnten Geburtstag: Root Down. Immer am letzten Samstag im Monat lädt Rainer Trüby spannende Gäste zu sich nach Freiburg ein, um dem Root-Down-Publikum im Waldsee frische, moderne Klubmusik zu präsentieren. Genauso wichtig wie das musikalische Programm ist die visuelle Inszenierung der Party. Deswegen haben wir uns zum Zehnjährigen mit Jürgen Oschwald getroffen, der jeden Monat die kultigen Root-Down-Flyer entwirft. Nehmt euch etwas Zeit, es gibt viel zu erzählen. Jürgen Oschwald hat seine Lieblingsflyer rausgesucht und erzählt euch die Geschichte von Root Down.





1996

Root Down ist eigentlich durch einen Zufall entstanden. Rainer war seinerzeit gerade aus dem Drifter’s rausgeflogen, die wollten ihn nicht mehr als Resident haben. Der Abend dort hieß, wenn ich mich richtig erinnere, ebenfalls Root Down. Rainer und ich hatten uns kurz zuvor kennen gelernt. Er fuhr damals noch einen schwarzen Fiat Cinquecento, ein Erbstück seiner Mutter, und wohnte in einer skurrilen WG mit einem Typen, der sein Zimmer ganz schwarz angemalt hatte und kleine Chinchillas züchtete. Wir wollten nun zu dritt etwas Neues kreieren. Der Dritte war Jens Galler, der heute im Kunstverein arbeitet, und gleich nach der ersten Party wieder ausgestiegen ist. Durch Zufall sind wir auf den Waldsee gestoßen. Wir hatten eine Alternative gesucht zu den 08/15-Klubs in der Innenstadt, die immer den Namen wechseln, immer gleich aussehen, und denen einfach der Esprit fehlt. Wir haben etwas anderes gesucht. Der Waldsee war damals noch rustikaler als heute und hatte ein Flair, das es sonst in Freiburg nicht gibt.

Die erste Party lief auf Anhieb gut. Wir haben nur hinten im Saal Eintritt kassiert, unsere Freundinnen haben geholfen, und alles war sehr familiär: Etwa 400 Leute waren da. Tja, und den ersten Flyer konnte man der Frisur entlang knicken. Das Bild stammt aus einem Burdaheft meiner Tante aus dem Jahr 1969: Frisurentipps! Diese Prinz-Eisenherz-Frisur war damals ganz hip. Bei meinen Flyern tauchen ja immer sehr ähnliche Farben auf. Im Winter sind die Farben etwas kälter. Das hat mit der Stimmung zu tun, mit den Jahreszeiten. Mein Klassiker ist immer noch dieses Blau, das hat so etwas Klares. HKS47.

1997

Ein wichtiger Aspekt bei der Auswahl der Flyermotive war immer das Obskure und Skurrile. So wie bei diesem Flyer. Die beiden scheinen sich richtig gern zu haben! Die Dame sieht allerdings ein bisschen aus wie einer dieser Eierköpfe aus dem Film “Enemy mine, geliebter Feind”. Da gibt es auch eine Eidechse, die so eine Birne hat. Manche Flyer habe ich heute gar nicht mehr. Zum Beispiel einen, auf dem Berti Vogts abgebildet war. Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Kurze Zeit nach unserer Party war Bayer Leverkusen in Freiburg im Dreisamstadion zu Gast, mit Berti Vogts als Trainer. Im Sportteil der BZ wurde damals ein Foto veröffentlicht, auf dem ein Fan auf der Tribüne ein Root-Down-Plakat mit Berti Vogrs in die Höhe hielt. Solche Geschichten kann man gar nicht selber erfinden.

1998

Die Motive meiner Flyer sind meistens Flohmarktfunde. Alte Modemagazine, Versandkataloge, Männermagazine, Frauenzeitschriften, Strickmoden. Am Anfang habe ich nur die Vorschläge gemacht, zusammengesetzt hat die Flyer aber unser Drucker in Lehen. Irgendwann habe ich das dann alles übernommen. Manchmal habe ich die Fotos auch selber gemacht. Einmal haben wir dafür einen kleinen Model-Contest veranstaltet. Die Nichte meiner Frau Susanne war zufällig die Gewinnerin?

Bei dieser Party war Gilles Peterson in Freiburg. Ich würde ihn als Rainers Ziehvater bezeichnen. Er war immer schon immer ein Stück vorne dran. Gilles ist ein unglaublicher Fußballfan, einmal kam er nur unter der Bedingung nach Freiburg, dass er ein Qualifikationsspiel von England gegen Polen sehen konnte. Das Ergebnis hätte besser aussehen können für die Engländer. Das war dann auch für den Abend im Waldsee nicht so gut.

1999

Markante Details spielen bei meinen Motiven immer eine besondere Rolle. Zum Beispiel Achselhaare, ein schöner Busen, oder die Brille auf diesem Motiv. Die sieht aus wie eine Froschaugentaucherbrille. Die Mutter von Susanne hatte auch manchmal solch eine Brille auf. Einmal waren wir alle auf einem Grillfest, dort hat sie ihren Cousin Schorsch getroffen. Beide standen sich gegenüber, trugen diese Brillen und haben sich fünf Minuten lang nicht erkannt: “Ha, mit därä Brille erkännt ma sich ja fascht nit.”

1999 war uns klar, dass die Leute Root Down gut finden. Da gab es Phasen, da ist der Waldsee gebrochen voll. Als Peter Kruder im August zum ersten mal da war, brach die Bude auseinander.

2000

In all den Jahren waren die ganz Großen bei uns im Waldsee: Phil Asher, Tiefschwarz, Gilles Peterson, 4Hero, Kyoto Jazz Massive aus Japan, DJ Yellow aus Paris oder Patrick Forge. Kruder & Dorfmeister waren sogar häufiger da. Das sind alles Leute, die die Szene schon lange bewegen und ein gewisses Charisma haben. Aber auch unbekannte Leute waren bei uns. Zum Beispiel Dixon aus Berlin, der gerade schwer im Kommen war. Oder Mats Max aus Schweden. Zu manchen DJs haben wir dann ein sehr freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Manchmal waren die auch noch zwei drei Tage länger in Freiburg. Mit Russ Dewbury haben wir zum Beispiel bei dickstem Nebel eine unvergessliche Tour durch den Schwarzwald gemacht.

2001

Nach fünf Jahren habe ich einen kleinen Stilwechsel bei den Flyern vorgenommen. Ich wollte das Design nicht ganz verlassen, weil es mir immer noch gefallen hat. Aber wollte doch etwas verändern. Vor allem, weil die Musik von Root Down ihren Stil geändert hat ? da waren inzwischen aktuelle Sachen in der Überzahl. Weniger Jazz- und Soul, dafür House, Vocal House oder die Jazzanova-Hits. Es wurde elektronischer und housiger. Das hat sich auch in den Flyern wider gespiegelt. Die Flyer und Plakate haben ihren Kultstatus trotzdem behalten. Es gibt immer noch viele Leute, die danach fragen, um sie zu sammeln.

Rainer hat mir einmal Kalender aus den USA mitgebracht, mit umgebauten Lastwägen. Das war für meinen Geschmack das skurrilste ? ein Betonmischer mit Blumen drauf. Das Design meiner Flyer ist schon etwas streng. Solche Motive lockern das auf. Einmal habe ich auch einen Hund genommen, ein anderes Mal, zu Zeiten des Irakkriegs, eine Friedenstaube. Friedenstaube. Bei der Dekoration im Waldsee habe ich auch immer wieder neue Sachen ausprobiert. Es gab Abende, da habe ich nur Gedichte an die Wände projiziert Ein anders Mal bestand die Deko daraus, dass es keine Deko gab. Überall lagen Zettel aus: heute keine Deko, heute keine Dias. Und das in allen Sprachen. Das hatte was: Dass keine Deko auch eine Deko sein kann.

2002

Mein allererster Flyer aus dem Jahr 1996 ist immer noch eines meiner Lieblingsmotive. Aber auch dieses Motiv aus dem Jahr 2002 mag ich sehr, das Plakat hängt in meinem Büro. Das war auch einer der ersten Flyer, bei dem ich die Dame gekippt und ein bisschen mit dem Motiv rumgespielt habe. Die Frau hat eine enorme Präsenz auf dem Bild. Zwar stört es manche Leute, dass man den Busen sieht. Ich sehe das aber gar nicht so unter erotischen Gesichtspunkten, sondern unter ästhetischen und künstlerischen ? wie so ein Bild halt wirkt. Und dieses Bild hat einfach eine enorme Ausdruckstärke, oder nicht?.

2003

Die Achselhaare auf diesem Motiv sind auch wieder so ein markantes Detail. Das Foto stammt aus irgendeinem englischen Magazin. Ich suche mir oft skurrile Magazine, die hier niemand kennt. An diesem Abend war Kruder zu Gast in Freiburg. Ich wollte zuerst ein Bild von ihm auf den Flyer machen, aber da sah er ein bisschen verlebt drauf aus. Das erste Zusammentreffen von Rainer, Peter Kruder und mir war ein ziemlicher Absturz für den Rainer. Kruder hatte damals einen kleinen Whiskey-Tick. Rainer hat seinerzeit immer Weizenbier getrunken. Trotzdem musste Rainer mit Peter Whiskey trinken. Das wurde ein sehr langer Abend. Morgens um acht waren wir dann noch in der Karthäuserstraße im Café Ruf und saßen da mit anderen Hinterbliebenen aus dem Nachtleben. Wir waren sehr betrunken, es war sehr skurril und sehr lustig.

2004

Ich habe irgendwann damit angefangen, auch Gegenstände als Motiv zu verwenden. Die Turnschuhe auf diesem Flyer sind nicht einfach nur Turnschuhe, die in einem Regal stehen und ganz neu aussehen. Dieser Turnschuh, der hat etwas erlebt. Der ist zerschlissen und hat einen gewissen Charakter. Er versprüht eine Witzigkeit und Leichtigkeit und einen gewissen Spaß. Ich bin ja im Januar 37 Jahre alt geworden. Ich habe Familie und stehe vielleicht nicht mehr so ganz hinter dem Partyleben. Manchmal ist es sehr anstrengend, wenn du von Müdigkeit geplagt wirst und weißt, dass der Kleine alle zwei Stunden aufwacht. Aber es gibt immer noch Momente, die sind großartig. Trotzdem habe ich heute mein Standbein auch noch in anderen Bereichen. Das ist etwas Natürliches, ich sehe das überhaupt nicht dramatisch. Mittlerweile könnte meine Tochter ja auf Root Down gehen.

2005



Manchmal sind auch versteckte Gags in den Motiven. Manche davon erkennen nur Eingeweihte. Der Typ auf dem linken Flyer trägt zum Beispiel eine Unterhose von Moschino. Ich habe das “Osch” herausgestellt, weil mich meine Freunde so nennen. Das war ein Insider. Andere süffisanten Details erkennt man auch erst auf den dritten Blick? Manchmal, wenn die Motive zu freizügig sind, kann das auch Ärger geben. Die Uni hat uns mal zu verstehen gegeben, dass die Motive doch etwas zu lasziv seien. Ich habe dann argumentiert, dass man heute in jeder Backwerbung Frauen findet, die oben ohne rumhüpfen. Ich empfinde meine Plakate nicht als frauenfeindlich. Es gibt ja auch Männer, die nackt zu sehen sind.

2006

Ich bin stolz auf Root Down. Das war eine tolle Zeit, die wie im Flug vorbei gegangen ist. Es gab sicher auch Phasen, in denen es Stress gab und ich mich mit Rainer in die Haare bekommen habe. Aber es hat sich alles wieder eingerenkt. Rainer hat einfach das Gespür für die richtige Musik für den richtigen Moment. Und er hat eine große Leidenschaft für die Musik. Die ist fast so groß wie seine Sammelleidenschaft. Schon als Hoteljunge in Stuttgart hat er Streichholzschachteln gesammelt. Später dann Schallplatten, und heute Wein. Oder Kotztüten aus Airlines. Auch das sammelt er.

Wie es weiter geht? Rainer und ich haben uns da nie Gedanken drüber. Wir wollen so lange weiter machen, wie die Leute tanzen und Spaß haben. So lange Rainer gerne Musik macht und ich die Plakate. Das hat etwas mit Herzblut zu tun.

Mehr dazu:

  • Die Partyreihe Root Down feiert am Samstag, 28.1., ihren zehnten Geburtstag. Die Musik kommt von den DJs Rainer Trüby und Jazzanova (Berlin), die Dekoration von Jürgen Oschwald (Owald/Seppenhofen) und Ernesto. Ort: Freiburg, Waldsee. Beginn: 22 Uhr.

  • Jürgen Oschwald entwirft bei Root Down die Dekoration und die kultigen Flyer. Er kommt aus Seppenhofen, einem Ortsteil von Löffingen. Sein Spitzname lautet “Osch”.

  • "Osch" ist 37, hat drei Kinder und lebt heute mit seiner Frau Susanne, einer Psychologiestudentin, auf einem ehemaligen Weingut in Schallstadt. Als Künstler und freier Graphiker arbeitet er in Freiburg in seinem Atelier in der Basler Straße.