Die Geschichte einer kriminellen Glücksspielerin

Lisa Bannert

Eine 41-jährige Buchhalterin, die bei einer Freiburger Bildungseinrichtung angestellt war, soll 627 000 Euro vom Firmenkonto veruntreut haben, um das gesamte Geld in Glücksspiel zu investieren. Ein haarsträubender Fall, der gestern im Amtsgericht verhandelt wurde.



Kosmetische Befangenheit

Nach dem um 9 Uhr die Verhandlung beginnt, wird sie auch schon bald wieder unterbrochen. Der Grund: die Schöffin war zur kosmetischen Behandlung bei der Angeklagten (um sich unter anderem die Wimpern färben zu lassen), weswegen die Verteidigung von Bärbel S. einen entsprechenden Antrag auf Befangenheit stellt, da während der kosmetischen Behandlung auch Persönliches besprochen wurde.

Mit der Begründung der Schöffin, es sei primär um kosmetische Themen gegangen und zudem sei sie mit der Behandlung zufrieden gewesen, wird der Antrag der Verteidigung abgelehnt und der Prozess nimmt seinen Lauf.

Mit leiser aber deutlicher Stimme gibt die Angeklagte zu, was man ihr vorwirft: Bärbel S. soll ihre Stellung als Buchhalterin einer Freiburger Bildungseinrichtung genutzt haben, um Gelder in Höhe von 600.000 Euro in den Jahren 2004-2006 zu unterschlagen und zur Finanzierung von Spielbankbesuchen zu nutzen.

Als der Vorsitzende die sichtbar niedergeschlagene Angeklagte nach den Motiven ihrer Tat befragt, spricht sie von einem "Teufelskreis": Der Beginn des Glücksspiels an Automaten; die entstehenden Kosten, die nach einiger Zeit nicht mal mehr ihr Kredit tilgen konnte.

In dieser Situation überweist sie online eine Summe von 4.000 € vom Firmenkonto auf ihr eigenes. Der Transfer bleibt unbemerkt. Vier Monate tätigt sie weitere Überweisungen, die Beträge werden immer höher, die Abstände kürzer.



Eine Liaison mit Folgen

Anfang 2004 lernt die Angeklagte Thorsten S. (32) kennen – in einer Spielbank. Thorsten S. arbeitet dort, sie verliebt sich in ihn. Da dieser jedoch in einer festen Partnerschaft lebt, bleibt die Beziehung geheim.

Bärbel S. ist durch ihre Position als Buchhalterin dazu befugt, Gehälter an Mitarbeiter der Freiburger Bildungseinrichtung zu überweisen. In Unverblümtheit kaum zu übertreffen: Thorsten S. bittet seine geheime Freundin in einem Telefonat darum, ihn auf die Gehaltsliste der Einrichtung zu stellen. Sie tut dies, bereitwillig. Sie bietet dem ehemaligen Vermögensberater Thorsten S. sogar noch Schutz, indem sie das Geld erst auf ihr Konto überweist, um es dann an ihren Freund weiterzuleiten. Nach und nach fließen 48 000 Euro veruntreutes Geld auf das Konto von Thorsten S. Dieser verwendet es zu privaten Zwecken. Das Geld fürs gemeinschaftliche Spielen kommt ebenso von Bärbel S.

Die Angeklagte, so das Gericht, habe sich aktiv der massiven Unterschlagung schuldig gemacht. Die Verteidigung von Thorsten S. beschreibt ihren Mandaten als denjenigen, der lediglich „auf ein galoppierendes Pferd aufspringen“ musste, auch wenn er dieses wohl in seine gewünschte Richtung treiben konnte.



Realitätsflucht

Aus dem anfänglich wöchentlichen Besuch im Casino von Baden-Baden wird bald ein fast tägliches Ritual. Das veruntreute Geld nimmt unüberschaubare Ausmaße an. Inzwischen hat Bärbel S. den Bezug zur Realität völlig verloren. Sie zieht sich zurück in die Traumwelt des Glücksspiels und weiß bald selber nicht mehr, wie viel Geld sie auf Firmenkosten verspielt hat.

Im „Hamsterrädchen“ gefangen, wie es ihre Verteidigung beschreibt, verspielt Bärbel S. satte 627.000 Euro. Beständiger Begleiter ist die Angst entdeckt zu werden. Damit rechnet die Angeklagte jederzeit. Immerhin: Besonders raffiniert musste die Bürokauffrau bei ihren kriminellen Transaktionen gar nicht vorgehen; sie musste lediglich ihr Konto in eine Sammelüberweisung einfügen und schon hatte sie weiteres Futter für die einarmigen Banditen. Als sie schließlich auffliegt, empfindet die Angeklagte dies als Erleichterung und gesteht sofort ihre Taten. Den Tag zuvor verbrachte sie noch in der Spielhalle.

 
Wie es überhaupt dazu kam, dass die Frau über zwei Jahre lang einen so großen Betrag unterschlagen konnte, bleibt fraglich. Die veruntreute Summe bildete immerhin 15 bis 20 Prozent vom gesamten Jahresumsatz der Einrichtung. Scheinbar hätte formal alles gepasst, so der Vorgesetzte der Angeklagten in seiner Zeugenaussage. Er arbeitete sogar im gleichen Büro mit der Frau.



Als schließlich der ehemals langjährige Lebensgefährte der Frau in den Zeugenstand tritt, beschreibt er mit der stets wiederkehrenden Einleitung: „Das war so…“ die stille Tragödie der Frau. Sie wollte Friseurin werden, das war ihr Traumberuf. Eine seltene Autoimmunerkrankung verhinderte dies. Sie brachte schwere körperliche Leiden mit sich, mehrere Operationen waren erforderlich. Cortison ist ihr ständiger Begleiter. Mit der Umschulung zur Bürokauffrau bekam sie eine Arbeitsstelle bei besagter Freiburger Einrichtung, in der sie dann straffällig wurde.

Als die Staatsanwältin die Anklageschrift verliest, kommt es zur Verwirrung über die genaue Anzahl der Straftaten. Nach einer kleinen Rechnerei, an der sich Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Richter beteiligen, einigt man sich auf 222 Fälle für Bärbel S. und 45 Fälle für Thorsten S. Jede Transaktion zählt als ein Fall.

Das Urteil

Sechseinhalb Stunden nach Eröffnung der Verhandlung und zwei Jahre nach der Aufdeckung ihrer Straftat betritt Bärbel S. sichtbar erleichtert den Saal zur Urteilsverkündung. Das Gesicht von Thorsten S. dagegen lässt keinerlei Gemütsbewegung erkennen, als das Schöffengericht sein Urteil bekannt gibt:

Bärbel S. bekommt wegen gewerbsmäßiger Untreue eine Freiheitsstrafe von 2 Jahren, mit einer Bewährungszeit von 2 Jahren und 6 Monaten. Zudem muss sie die angefangene Psychotherapie zu Ende führen. Von einer Geldstrafe wird abgesehen, da die Angeklagte aufgrund ihrer schweren Erkrankung gewerbsunfähig ist und somit Zeit ihres Lebens auf kleinste Verhältnisse beschränkt bleibt. Wie ihr Verteidiger behauptet, stehe sie schon so vor dem „Scherbenhaufen ihres Lebens“.

Thorsten S. wird zur gewerbsmäßigen Geldwäsche und in wenigen Fällen zur Anstiftung zur gewerbsmäßigen Untreue zu einer Freiheitsstrafe von 8 Monaten und 2 Wochen verurteilt, die ebenso zur Bewährung ausgesetzt wird. Zudem muss er eine Schadenswiedergutmachung von 25 monatlichen Raten zu je 200 Euro an den Beschädigten leisten.