Die Fußballspielerin, die keine WM gucken wollte

Till Neumann

Claudia Bucher (27) spielt seit Jahren Fußball auf hohem Niveau. Neben ihrem Job am Frankreich-Zentrum der Uni Freiburg, ist Kicken ihre Hauptbeschäftigung – und vor allem ihre Leidenschaft. Doch die Frauen-WM lässt sie kalt. Zumindest fast.

Claudia sprintet über den linken Flügel in die gegnerische Hälfte. Ihre braunen lockigen Haare hat sie zusammengebunden. Ein gelbes Hemdchen flattert um ihren Oberkörper. Den Ball treibt sie mit ihren schwarz-roten Kickschuhen vor sich her. Konzentration. Dynamik. Kurz vor der Grundlinie zieht sie in die Mitte und passt auf eine Mitspielerin. Die zieht ab, Tor!


Beim Training ihrer Mannschaft, dem FC Denzlingen, geht es heiter zu. Es wird gespielt, gelacht, gedribbelt. Sogar ein paar Jungs dürfen mitspielen. „Aber keine Tore schießen“, scherzt eine der Spielerinnen. Claudia, mit 27 Jahren die älteste Spielerin der Mannschaft, ist mit den Gedanken ganz auf dem Platz. Dass in wenigen Tagen in Deutschland die WM der Frauen angepfiffen wird, lässt sie kalt. „Frauenfußball ist weniger aggressiv, weniger emotional und vor allem viel langsamer als Männerfußball." Bevor ich mir das im Fernsehen anschaue, gehe ich lieber zu einem Verbands- oder Landesligaspiel der Männer.“ Zu einem Finalspiel könne sie sich überreden lassen. „Aber davor, never!“

Eine kuriose Ansage von Einer, die selbst kickt. Vor allem, wenn man weiß, dass Claudia schon seit Jahren leidenschaftlich das Runde ins Eckige befördert. Wie kann man den eigenen Sport langweilig finden? „Selbst spielen und Spiele anschauen ist nicht das Gleiche. Das Spiel ist meine große Leidenschaft. Mit das Wichtigste in meinem Leben“, erklärt Claudia.

Das WM-Desinteresse liegt womöglich daran, dass Claudia und ihre Kolleginnen anfingen zu spielen, als der Frauenfußball noch in der Wiege lag. „Ich spiele seit ich fünf bin. In einen Verein bin ich mit 15. Damals war Frauenfußball noch richtig unbekannt“, erinnert sich Claudia. Aufgewachsen ist sie mit Männerfußball. Als kleines Mädchen kickte sie auf dem Bolzplatz neben ihrem Elternhaus in Elztal (bei Waldkirch) jeden Tag mit den Jungs von nebenan. Seit jeher ist sie Fan der Männermannschaft des SC Freiburg. Ihr Vorbild ist Heiko Butscher.



Von der WM wusste sie wenige Tage vor Anpfiff weder wann sie genau losgeht, noch wer da alles mitspielt. Noch nie hat sie ein Frauen-Fußballspiel in voller Länge im Fernsehen gesehen. Im Stadion für ein Frauenspiel war sie ein einziges Mal. Welches Spiel es genau war, weiß sie nicht mehr. „Ich war mit Kolleginnen da. Wir haben so viel gequatscht. Vom Spiel habe ich nicht viel mitbekommen.“ In ihrem Freundeskreis sind viele Fußballerinnen. Einen echten Frauen-Fußball-Fan kennt Claudia nicht.

Ein weiterer Grund für Claudias Vorliebe zum Männernfußball ist der Sex-Appeal-Faktor. „Ich schaue einfach lieber Männern beim Sport zu als Frauen.“ Das würde auch erklären, warum sich in Deutschland laut einer Umfrage von Zeit Online mehr Männer auf die Frauen-WM freuen als Frauen. Dem anderen Geschlecht beim sich Verausgaben zuzuschauen, scheint sexy zu sein. Mit diesem Argument versucht Claudia auch männliche Zuschauer zu den Spielen ihrer Mannschaft zu locken. „Es lohnt sich zu kommen. Wir sehen gar nicht so schlecht aus." Dass die Unterschiede im Frauen- und Männerfußball gewaltig sind, hat Claudia schon am eigenen Leib erfahren. Bei Freundschaftsspielen gegen Männermannschaften setzte es deftige Niederlagen. Vor vier Jahren spielte sie mit ihrer Berzirksliga-A-Mannschaft gegen ein männliches B-Jugend-Team. „Wir haben 15:0 verloren. Die sind viel zu schnell. Keine Chance“, sagt Claudia. Doch in der Damenliga ist es ihre Mannschaft, die aufräumt. Zum zweiten Mal in Folge ist der FC Denzlingen Meister der Damen-Verbandsliga geworden. Nachdem im letzten Jahr der Aufstieg an zu wenig Geld und Spielermangel scheiterte, hat es dieses Jahr geklappt. Nächste Saison spielt Claudias Team in der Oberliga, der vierthöchsten Spielklasse Deutschlands. „Ein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Aber klar, wir haben Respekt vor der neuen Aufgabe“, sagt Claudia.

Für den Erfolg trainiert sie hart. Während der Vorbereitung drei bis vier Mal die Woche. Wenn Saison ist, zwei bis drei Mal, außerdem ist dann am Wochendende ein Spiel. „Es geht schon enorm viel Zeit drauf. Aber das ist ein Opfer, das ich gerne bringe. Es macht einfach unheimlich viel Spaß.“ Für den Erfolg die Hüllen fallen lassen, wie kürzlich Bundesliga-Spielerinnen im Playboy, würde Claudia nicht. „Wir wollen es schaffen, über den sportlichen Weg Erfolg zu haben. Dass die Mädels das machen ist traurig. Aber klar, das ist effektives Marketing.“

Die Nacktfotos waren bestimmt nicht der Hauptgrund für das ausverkaufte Olympiastadion beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Kanada am vergangenen Sonntag. Sicher ist jedoch, dass die Frauen-WM Fahrt aufnimmt. Bei der Übertragung des Eröffnungsspiels in der ARD saßen über 14 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern. Eine davon war Claudia Bucher. 20 Minuten des Spiels hat sie gesehen.

Der Plan, frühestens zum Finale einzuschalten, ist verworfen.



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