Die fünf Rausch-Phasen eines Jazz-Trips mit Herbie Hancock

Bernhard Amelung

An die Grenzen des Jazz hat Herbie Hancock sein Publikum auf dem Zelt-Musik-Festival geführt. Welche Phasen unser Autor auf diesem Trip durchgemacht hat:

Die Vorbereitung

"Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich." Aldous Huxley beginnt seinen Drogen-Selbsterfahrungsbericht "Die Pforten der Wahrnehmung" mit einem Zitat des Philosophen und Poeten William Blake. Dazu begab sich der Engländer Huxley in die Hand des Psychiaters Humphry Osmond und konsumierte Meskalin, das aus dem Kugelkaktus Peyote gewonnen wird. Im Zirkuszelt heißt der Meister Herbie Hancock. Seine Pille heißt Jazz. Ich schlucke sie um 20 Uhr und schließe die Augen.




Hochkommen

Dunkle Synthesizer brodeln. Zwei, drei Töne erzeugen einen sphärischen Klang. Er schwillt wie eine Welle an, rollt an, bricht, wird leiser, fließt wieder zurück in den weiten Raum. Herbie Hancock sitzt an Synthesizer und Klavier. Mit seiner Spielweise zeichnet er das Heben und Senken von Wellen nach. Bassist James Genus, den Hancock "the genius" nennt, greift die Wellenbewegungen auf. Erst stottert der Bass ostinat, dann rollt und fließt er. Vinnie Colaiuta – spielte unter anderem mit Frank Zappa – erweitert das hypnotische Kreisen des Bass-Piano-Synthesizer-Systems um monotone, polyrhythmische Drumloops, an Becken und Toms herausgearbeitet. Lionel Loueke an der Gitarre und Terrace Martin an Keys und Saxofon setzen ein. Martin, unter anderem auch Produzent von Kendrick Lamar, haucht, summt, gurrt, kratzt die Töne. Sie wechseln in Mikrointervallen. Jazz trifft auf Rock und elektronische Musik. Hancock, in den Sechzigerjahren Mitglied des Miles Davis Quintetts, öffnet die Pforten zu seinem musikalischen Universum. Ich betrete es.

Höhepunkt

Wieviele verschiedene Klänge gibt es eigentlich? Wo liegen die Grenzen des Klangs? Jedenfalls nicht im Zirkuszelt. Hancock, der zwischen Klavier und Synthesizer wechselt, Colaiuta, Genus, Loueke und Martin, der mal Saxofon spielt, mal die Keys übernimmt, brechen Melodien auf. Zum Beispiel von "Actual Proof", 1974 auf Hancocks Jazz-Funk-Album "Thrust" erschienen. Die Melodien zerfallen in einzelnen Töne, die sich wiederum auf einzelne Stimmen, beziehungsweise Instrumente verteilen. Dann wieder knüpfen die Musiker tonale und rhythmische Beziehungen untereinander. Terrace am Saxofon tritt in einen Dialog mit Genus am Bass, Loueke gesellt sich mit perlenden Tonleitern und gezupften Akkorden dazu. Colaiuta treibt an, mit 16tel- und 32tel-Ketten. Schrill, dissonant, laut; dezent, konsonant, leise. Hancock und seine Bandmitglieder vereinen klangliche und rhythmische Gegensätze, lassen sie aber auch wieder auseinander streben. Chaos und Harmonie. Ich öffne die Augen – und kann Töne sehen.

Runterkommen

Der Rausch klingt ab. Die Sinne sind fast schon überreizt. Da tut "Cantaloupe Island", Hancocks Standard aus dem Jahr 1964, sehr gut. Das Thema des Stücks baut auf wenigen Akkorden auf – und ist einem Großteil des Publikums wahrscheinlich auch in der Version der britischen Band Us3 bekannt; einem durchaus ikonischen Werk des Acid Jazz.

Der Tag danach

Herbie Hancock hat mich auf einem psychedelischen Trip an die Grenzen des Jazz geführt. Danach kommt nur Stille.

Getting deeper with Herbie Hancock. #zmffreiburg

Ein Beitrag geteilt von Bernhard Amelung (@emotional_content) am 23. Jul 2017 um 14:12 Uhr



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