"Die Freiburger & die Hamburger": Franz Handschuhs lokalsatirisches Märchen-Bilderbuch

Sara-Lena Möllenkamp

Eine kleine Geschichte für seine Tochter sollte es werden - entstanden ist ein lokalsatirisches Märchen-Bilderbuch. Der Autor und Zeichner Franz Handschuh über Freiburger Protestbewegungen, dem Alemannischen Komplex und Lokalpatriotismus.



Bereits Mitte der 80er Jahre sind die ersten Skizzen entstanden: Die vierjährige Tochter wollte von ihrem Papa Geschichten hören. Handschuh improvsiert, und als ihm einmal absolut nichts einfallen will, schaut er aus dem Fenster – und sieht den Schönberg.


„Der Berg dort heißt Schönberg“, beginnt er zu erklären. „Woanders gibt es keine so schönen Berge. Zum Beispiel in Hamburg.“ Das war die Grundidee, aus der sich die Geschichte entsponn, in der die Hamburger den Freiburgern den Schönberg klauen und die Freiburger ihn mutig aus dem kalten, rauhen Norden zurückerobern. Um seiner Tochter das Ganze besser erklären zu können, zeichnet er auf die Schnelle ein kleines Männchen mit Bollenhut und ein zweites mit einer spitzen Nase und einer Kaputzenmütze in ihr Oktavheft – ein Freiburger und ein Hamburger.

Sobald Handschuh die Geschichte aufzuschreiben – und zeichnen beginnt, wird aus der Kindergeschichte Satire: ein karikaturhafter Zeichenstil, treffsichere Details und immer wieder Wortspiele mit doppelten Wortsinnen. Dafür kopiert Handschuh die im Original ganz kleinen, mit Kuli oder Bleistift gezeichneten Figuren und Bilder, um sie dann auf dem Kopierer zu vergrößern. Im Collageverfahren wird dann alles zusammengeklebt, mit Buntstiften koloriert und zum Schluss mit Wachsstift der Text hinzugefügt.

Die Handschrift ist das Markenzeichen des 66-jährigen studierten Zeichners, sie taucht in vielen seiner Bücher auf. Ein Zeichen der Individualität trifft so auf dem Papier die karikierten Freiburger- und Hamburger-Typen.

Diese Urgeschichte wurde erst einmal in der Badischen Zeitung abgedruckt, bevor sie für viele Jahre in der Schublade verschwand: den Verlagen war das Risiko zu groß, mit der Bildergeschichte und ihrem teuren Farbdruck Verluste zu machen. Den Autor ließ seine Geschichte aber nicht los. 2012 bekam die Urfassung ein Update: reine Satire weit weg vom Kinderbuch. In der Freiburger „Wohlfühlbucht“ ist mehr oder weniger alles beim Alten: zwar tragen die Freiburgerinnen wieder BHs und der typische Elsässische Gugelhupf strahlt immer noch als Atomkraftwerk. Aber: die Hamburger nennen sich jetzt „Piraten“ und wollen den Schönberg über das Internet klauen. Doch wieso eigentlich ausgerechnet die Hamburger? Und was wollen die denn mit dem Schönberg?



Handschuh kam 1977 aus Mannheim nach Freiburg und landete mitten in den Protesten gegen die Kernkraftwerke Wyhl und Fessenheim, die ihn bis heute faszinieren: „Ich war überrascht, wie intensiv und stark die Bürgerinitiativen waren“, berichtet er. Dieser Widerstand hat aber nicht nur ein Atomkraftwerk verhindert, meint Handschuh, sondern vor allem auch ein neues regionales Bewusstsein geboren. Und: Mit dem Einsatz für die eigene Umwelt und somit die Region kehrte auch das Alemannische zurück, das sich in den Jahren davor stark auf dem Rückzug befunden hatte.

Alemannisch war damals nicht nur eine Verbindung zu den Protestlern im Elsass über die französische Grenze hinweg, sondern auch ein Symbol: Dialekt sprachen nicht die Oberen, gegen deren Pläne ja gekämpft wurde, sondern Dialekt sprachen „Die Unteren“, die für ihre Umwelt auf die Straße gingen: Liedermacher sangen wieder Mundart. „Mit der Wiederbelebung des Dialekts wurde versucht, das Bewusstsein einer Minderwertigkeit ins Gegenteil zu verkehren“, meint Handschuh.

Und genau hier findet sich nun auch der Kern der Satire: Im Buch verkörpern die Hamburger den „Hochsprachler“, den typischen Norddeutschen, von dem sich die Freiburger Mundartler nicht mehr länger alles gefallen lassen. „Mit den Hamburgern direkt hat das nichts zu tun, die haben das eigentlich nicht verdient“, kommentiert Handschuh lachend. Der „Alemannische Komplex“ gegenüber den Nordlichtern ist aber heute wie in den 80ern vorhanden, meint er. „Die sind flotter als wir – wir sind auch nicht blöd, aber die haben eben die richtige Sprache.“

Und wie sieht es mit dem Lokalpatriotismus heute aus? „Dadurch, dass alles globalisierter wird, bekommt das Gefühl 'Da komme ich her' wieder mehr Wert“, sagt Handschuh. Das sei aber nur seine Hypothese. Die Freiburger in seinem Buch lassen sich ihren Berg und ihren Stolz jedenfalls nicht so einfach klauen.