Die Freiburger Puppenbühne: Mit der Pritsche gegen die bösen Mächte

Rebekka Sommer

Fünfmal im Monat ist Kasperzeit in Freiburg. Oma mit ihrer Moral, der naive Seppel, die Arglist des Zauberers – die Kinder im Publikum orientieren sich an den althergebrachten Stereotypen. Doch wer steckt hinter den Kulissen der Freiburger Puppenbühne? Rebekka sprach mit Johannes Minuth - der übrigens seine Doktorarbeit über die "Entwicklungsgeschichte des Kaspertheaters" geschrieben hat.



Mit einer kleinen Albernheit hat alles angefangen. Karin, gutgelaunt am Frühstückstisch, wirft ihre blonde Mähne zurück, streckt die Nase in die Luft und improvisiert den Kasper ihrer Kindheit. „Ja Kinder, sagt: Wer hat die Marmelade gestohlen? Der Räuber - wo ist er hin? Den soll doch gleich …“ Die Kinder steigen sofort darauf ein, und auch ihren Mann Johannes steckt die junge Mutter mit ihrer Lebensfreude an. Diesem Kasper kann sich keiner verwehren.


Karin und Johannes Minuth sind beide Ende 20, als sie die Freiburger Puppenbühne ins Leben rufen. Neben den vier Kindern zu Hause arbeitet sie mal hier, mal da, in einem Architekturbüro und im medizinischen Bereich. Er studiert Germanistik und Geografie und plant fest, Gymnasiallehrer zu werden. Doch die restriktive Einstellungspraxis des Landes macht den Minuths einen Strich durch die Rechnung: Ende der 70er Jahre herrscht in Baden-Württemberg Einstellungsstopp für Lehrer. Teils aus Leidenschaft, teils um nicht arbeitslos zu sein, gründet das Ehepaar die „Freiburger Puppenbühne“.

„Eigentlich haben wir nur aus der Not eine Tugend gemacht“, sagt Johannes Minuth heute. Der 56-jährige Puppenspieler ist gerade aus Radebeul zurückgekehrt, wo er bei einem Festival spielte. Rund 200 mal pro Jahr tritt die Freiburger Puppenbühne auf, und das nicht nur vor minderjährigem Publikum: Alle paar Wochen bringt Johannes Minuth auch „Goethes Faust“ als Puppenshow für Erwachsene auf die Bühne. Und selbst darin taucht der Kasper auf, der ist nicht wegzudenken.

„Es gibt nur ein Stück der Freiburger Puppenbühne - den Pinocchio -, in dem kein Kasper vorkommt“, sagt Minuth, während er in der Garage mit großen Alukoffern hantiert, die Kulissen, Technik und die selbst gefertigten Puppen enthalten, für jedes Stück in eigener Besetzung. „Der Kasper ist mir sehr nah.“ In Goethes Faust-Version ist es die „lustige Person“, die im Vorspann zwischen dem Theaterdirektor und dem Dichter steht. Bei Minuth vermittelt dagegen der Kasper zwischen dem Anspruch künstlerischer Ideale und der Verlockung, publikumsheischende Showeffekte einzusetzen. Auch den Part der „Stimme von oben“, die Gretchens Erlösung aus dem Kerker verkündet, darf der Zipfelmützige übernehmen. Er ruft aus: „Sie ist gerettet!“

„Ich will jetzt nicht sagen, Kasper sei gottgleich“, erklärt Minuth. „Aber er ist die positive, sinngebende Triebfeder in unseren Stücken. Das Puppentheater ist eine moralische Anstalt im höheren Sinne, und der Kasper mit seiner Rätsche gibt ein Stoppzeichen gegen die bösen Mächte.“

Klingt etwas antiquiert, könnte man meinen. Doch seit sich die Minuths vor fast 25 Jahren das erste Mal vor eine Schar Kindergartenkinder wagten, hat sich ihr Spiel verändert. „Früher standen wir einfach hinter der Bühne und  haben gesprochen – heute gibt es auf der Bühne so wilde Verfolgungsjagden, so dass die Zuschauer nicht glauben können, dass hinter der Kulisse nur eine Person steht“, sagt Minuth.

Mit bis zu drei Puppen jonglieren die Spieler bei Szenenübergängen. Ihre Szenen haben sich den schnellen Schnitten angepasst, die die Zuschauer heute vom Fernsehen gewohnt sind. Um eine konzentrierte Stimmung zu erzeugen, müssen Ton- und Lichttechnik perfekt sein, und für ihre Figuren legen die Minuths richtige Soziogramme an: „Wenn der Räuber einfach nur laut ist, denken die Kinder: Das ist ja nur eine Puppe. „Er kann aber mit leiser Stimme genauso bedrohlich wirken“, sagt Minuth. Sein Räuber ist nicht nur böse, sondern auch gemütlich, er lässt sich selten aus der Ruhe bringen und will immer seine Leibspeise. Laut wird er nur, wenn er sich doch mal ärgert oder der Hexe imponieren will.



Minuth schließt die Garage ab und trägt zwei der großen Alukisten von der Garage ins Haus, wo sich in der hohen Schrankwand des Wohnzimmers eine Handpuppe an die nächste reiht. Im sonnendurchfluteten Garten des Wildtaler Einfamilienhauses bleibt er stehen, schäkert in der warmen Oktobersonne mit einem seiner vielen Kasperfreunde rechts und dem tollpatschigen Hund Bello auf der linken Hand. Fast zärtlich sieht das aus, der Spieler versinkt hinter seinen Puppen.

Gibt es denn auch eine Figur, die er nicht mag? Ja, mit dem schwarzen Diener aus „Prinz Aladins Reise“ hat Minuth heute Schwierigkeiten. Diese Figur entstand durch seinen Anspruch, historische Gegebenheiten korrekt wiederzuspiegeln, doch manche Zuschauer irritierte das. „Wenn der Diener auf der Bühne als Schwarzer dargestellt ist, löst das etwas in uns aus“, meint Minuth heute. „Diese Distinktion ist mir völlig fern. Das Puppentheater soll an Werte erinnern, und an das Menschliche in uns. Das möchte ich hochhalten.“

Freiburger Puppenbühne

Die Freiburger Puppenbühne ist jeden Mittwoch im Podium der Harmonie und jeden ersten Sonntag im Monat im Vorderhaus zu sehen. Sommerpause ist im Juli und August. Alle Stücke eignen sich für Kindergartenkinder ab 4 Jahren, als Einstieg für 3-Jährige empfiehlt sich die „Blumenprinzessin“ oder „Das verzauberte Häschen“. Zu den Oster- und Weihnachtsfeiertagen sind die Stücke oft ausgebucht, Reservierung unter 0761.52313, oder online Karten für die Puppenbühne reservieren.

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