Die Frauen von der Schießbude

Amelie Herberg

Ursula Künstle (60) arbeitet an einem ganz besonderen Ort. Ein Ort, an dem Kinderaugen strahlen, verliebte Jungs staunenden Freundinnen ihr Geschick beweisen wollen und Rentner ihren Ehrgeiz wiederentdecken: Gemeinsam mit ihrer Mutter betreibt sie die Schießbude 'Jägerhütte', derzeit machen sie Station auf der Freiburger Messe.



Ein kleiner Junge wirft sich trotzig vor seiner Mutter auf den Boden und fängt an zu weinen, als sie ihn vor dem Karussell wieder in den Kinderwagen setzen will. Gleichzeitig preist ein Losverkäufer lautstark seinen Hauptgewinn, einen "riiiiiiiesengroooooßen Teddybären" an, Leuchtreklame flackert im Hintergrund in Neon-Farben.


Ursula Künstle
steht in ihrem Schießbuden-Wagen, erhöht, einen knappen Meter über dem Boden, und lässt entspannt ihren Blick über das Treiben schweifen.  Ein zuckersüßer und zugleich herzhafter Geruch, eine Mischung aus Pizza, Knoblauch-Baguette, Nutella-Crepes, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte legt sich über die Messe. Den Duft der Kirmes hat Ursula Künstle bereits als kleines Mädchen geschnuppert - losgelassen hat er sie seitdem nicht mehr.



"Meine Mutter ist in einer Schausteller-Familie groß geworden, sie ist auf er Reise auf die Welt gekommen", erzählt sie. Und die Begeisterung für den Kirmestrubel hat die Mutter Theresia Schmitt  auf ihre Tochter Ursula übertragen. Etwas Anderes, als mit ihrer Jägerhütte von Kirmes zu Kirmes zu reisen, kann sich Ursula Künstle nicht so recht vorstellen: "Ich kenne es ja auch nicht anders." Mittlerweile ist sie selbst 60 und die Mutter, die immer noch das Kommando über die 'Jägerhütte' hat, 82 Jahre. "Von Rente will sie noch nichts wissen", erzählt die Junior- über die Senior-Chefin.

Mehr als ein halbes Jahrhundert stehen Mutter (Bild unten von der Frühjarhrs-Messe) und Tocher bereits gemeinsam zwischen bunten Plastik-Blumen, Plüschtieren und Zielscheiben gemeinsam auf der Kirmes, zu Beginn hatten sie einen Stand, seit 35 Jahren nun einen Wagen. Im Moment sei ihre Mutter zwar krank, ansonsten aber immer noch mit dabei. Doch auch wenn eine der beiden kurzfristig ausfällt, bleibt der Familienbetrieb 'Jägerhütte' am laufen.



Dann hilft eben eine Verwandte im Stand aus. Wenn die beiden Kirmes-Expertinnen von Ort zu Ort reisen, fährt Ursulas Künstles Sohn den Wagen, den Rest erledigen die beiden älteren Damen allein. Ihr Gebiet reicht von ihrer Heimat Lörrach über Waldshut bis nach Freiburg. Überall, wo eine Kirmes ist, sind auch die beiden zur Stelle.

Und ihre Tipps sind überal gefragt. "Wir helfen jedem, der zu uns an den Stand kommt, und besonders den Kindern. Auch wenn jemand gar nicht trifft, gibt es bei uns immer einen Trostpreis." Es komme vor allem darauf an, sich einmal kurz zu konzentrieren, auch wenn im Hintergrund Kinder weinen, Losverkäufer durch Lautsprecher rufen oder eine Achterbahnsirene ertönt.

Wer besonders viele Häschen oder Sterne auf den Drehscheiben abschießt, kann einiges abräumen. Besonders beliebt seien bei Jugendlichen kleine Plüschtiere als Gewinn, verliebte Jungs wollen vor allem die Bärchen mit "I love you" für ihre Freundinnen schießen. "Und in Freiburg wollen viele die kleinen Tigerle haben", erzählt Ursula Künstle.



Bei treuen Kunden, die seit Jahren immer wieder zur 'Jägerhütte' kommen, ist manchmal auch etwas mehr als ein kleiner schwarz-weißer Kuschel-Tiger gefragt. "Einige erzählen auch von privaten Problemen, wenn es Krach gibt mit der Ehefrau zum Beipiel. Schön ist es dann, wenn ich  einen Ratschlag gebe und fünf Tage später kommt derjenige wieder und erzählt, dass der Streit wieder beiseite gelegt ist."

Während in anderen Buden das Personal wechsele, sei es in der 'Jägerstube' eben immer dasselbe geblieben. Geht es nach Ursula Künstle soll sich das auch nicht so schnell ändern. "Meine Mutter plant auch bereits für die nächste Messe in Freiburg und für die neue Saison."

Dann werden sie mit ihrer 'Jägerhütte' wieder quer durch Südbaden reisen und jeder Menge Schlüsselanhänger, Plüschtiere und Plastikblumen für ihre Kunden im Gepäck haben.



Mehr dazu:

 
Was:
Freiburger Messe
Wann: noch bis Montag, 25. Oktober 2010; Abschlussfeuerwerk Montag um 22 Uhr
Wo: Freiburger Messe

[Fotos: Marc Röhlig; Foto 3: Caro]