Die fetten Monate sind vorbei

Philipp Aubreville

Zurück aus den Weihnachtsferien beginnt für fudder-Mitarbeiter und Erstsemester Philip der unschöne Teil des Studiums: Die Klausuren sind nicht mehr allzu fern, und mit dem neuen Jahr wird auch die Lernphase eingeläutet.



Ein Referat in Politikwissenschaften, ein Essay in Politikwissenschaften, ein Referat in Geschichte und außerdem vier Klausuren, zwei davon an einem Tag mit einer Verschnaufpause von ... fünfzehn Minuten. Und dann wäre da noch die Abgabe der Hausarbeit, zwei Wochen nach der letzten Klausur. Genüsslich klage ich einer alten Freundin mein Leid in Form meiner noch anstehenden Arbeitsleistungen. Sie studiert Zahnmedizin und hat vermutlich das doppelte Pensum zu erledigen - und zu erledigen gehabt in den letzten Semestern.


Damals war ich noch Zivildienstleistender, konnte mit dem Wort "Muße" auch praktisch etwas anfangen und schwankte immer zwischen selbstkasteiendem schlechten Gewissen und Mitleid, wenn ich meine studierenden Freiburger Freunde unmittelbar vor ihren Klausuren traf. Jetzt darf ich selbst nach Herzenslust mitwinseln und mich mit meinen Mitstudierenden im Panikmachen überbieten.

Unhinterfragte Gerüchte, nach einem allzu guten Vorjahresergebnis wollen die Profs in einer Klausur "sieben", werden genau so bereitwillig weitergetratscht wie inoffizielle Listen mit angeblich prüfungsrelevanter Literatur.

Und so bleibt bei aller Koketterie („Keine Zeit, ich muss lernen“) doch ein Gefühl zurück, das nichts mit Gwen Stefanies Bandzu tun hat. Plötzlich erscheint ein kürzlich noch unglaubliches Szenario realistisch: Eine Prüfung im einstigen Leib- und Magenfach nicht zu bestehen; keine 4,0 zu schaffen.

Das daraus resultierende Sicherheitsbedürfnis eines Wolfgang Schäuble lässt mich ebenso datensammelwütig werden wie ebendieser und so greife ich auf die Mechanismen der siebten Klasse zurück: Daten- und Faktenlernen mit Karteikarten.



Früher habe ich Menschen verachtet, die zwar keinerlei Geschichtsverständnis besaßen, einem dafür aber die genaue Anzahl der Einzelteile einer V2-Rakete nennen konnten. Doch nun weiß ich, was Prinz Porno meinte, als er rappte: „Ich reduzier mich auf das Minimum.“

Diskutieren, analysieren – für all das, was Geisteswissenschaften angeblich ausmachen, fehlt zur Zeit meist die Zeit.

Stattdessen picke ich sorgfältig Jahreszahlen wie 1061/62 (Bamberger Dienstrecht) oder Definitionen von Begriffen wie „Leibeigenschaft“ aus meinen vor Informationen triefenden Vorlesungs- und Seminarordnern; wird es einmal komplexer, zersäge ich in Leatherface-Manier meine Vorlesungsprotokolle auf Karteikartengröße und frage mich gleichzeitig, ob man mit solchen Vergleichen eigentlich Fortschritte in der Problemschüler-Didaktik erzielen könnte.

Apropos Vergleiche: Der Versuch, an alte Vorjahresklausuren zu kommen scheitert genauso kläglich, wie aus dem Erfahrungsschatz der Vorgängergeneration zu schöpfen. Denn neben dem Postulat, sich „keinen Stress“ zu machen, sickert immer wieder die ein oder andere professorale Detailverliebtheit durch: „Da kamen auch Fragen vor wie ‚Aus welchem Holz war die Santa Maria?’.“

Angewidert von derartig perversen Auswüchsen, beschließe ich mich schlafen zu legen. Vielleicht tauchen ja morgen neue, weniger beunruhigende Gerüchte auf...

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