Die Festivalbesucher-Typologie

Marius Notter & Carolin Buchheim

Southside, Eurockéennes, Frauenfeld-Openair: Es ist Festivalsaison, und jedes Wochenende können Musikfans auf einem anderen Festival feiern gehen. Doch wer sind eigentlich die Tausenden Menschen, die ihre Sommerwochenenden im Gedrängel vor Konzertbühnen und auf verschlammten Zeltplätzen verbringen? Wir haben die wichtigsten Festivalbesucher-Typen sorgfältig analysiert:



Der Festivalneuling, männlich

Dieser Festival-Erstbesucher ist deutlich unter 20, und reist nur mit einem Zelt und einer Palette Bier an; beides hat er für wenig Geld beim letzten Discounter vor dem Festivalgelände gekauft. Sonst hat er nichts mitgebracht, denn für die Urlaubsplanung war bisher immer Mama zuständig. Gezeltet hat er noch nie, und so baut er sein Zelt direkt hinter dem Dixieklo-Dorf auf und wundert sich über den Gestank.

Er verläuft sich jede Nacht auf dem Heimweg, denn ohne Taschenlampe und Geländeplan ist die Orientierung schwer. Ab dem zweiten Tag herrscht beim Festival-Neuling allgemeiner Notstand: Er hat kein Geld mehr, sein Portemonnaie verloren (oder hat er es sich klauen lassen?), keine trockenen, geschweige denn frischen Klamotten - und auch das Bier ist alle.

Der Festivalneuling, weiblich

Was der männliche Festivalneuling zu wenig aufs Festival mitbringt, bringt der weibliche Festivalneuling zu viel mit. Diese Festivalbesucherin ist für alle Eventualitäten gerüstet: Sie hat nicht nur Shampoo im Gepäck, sondern auch Spülung, Haarkur, Styling-Gel und Föhn, Sonnencreme unterschiedlicher Stärketypen, geschnittes Obst und Gemüse-Sticks, Sekt in Dosen, drei Paar Schuhe, fünf Garnituren Klamotten für Regen und fünf für Sonne.

Schade nur, dass sie keine Klappkarre für ihr vieles Gepäck dabei hat.



Der Festivalprofi

Der Festivalprofi belächelt die Festivalneulinge mit wissenden Blick - und ohne jedes Mitleid. Vorbereitung ist für ihn Teil des Festival-Spaß. Seine Ausrüstung wird jedes Jahr ausgefeilter: Er hat ein Wurfzelt, Butan-Gaskochplatten, ordentliche Gummistiefel aus dem Landhandel, einen ausgearbeiteten Essensplan und reichlich Vorräte dabei.

Er tritt ausschließlich in Rudeln auf. Festival-Profi-Rudel reisen bereits am Festivalvorabend an, um sich den besten Platz auf dem Gelände zu sichern. Sie stellen ihre Zelte gerne im Kreis um ein Gemeinschafts-Pavillon auf. Ist das Lager fertig aufgebaut, wird die vor Jahren gefundene und seitdem wie eine Relique verehrte Camp-Fahne an einer fünf Meter langen Angelrute gehisst; so ist das Camp schon von Weitem leicht zu finden. Um der ganzen Welt zu zeigen, wie erfahren sie sind, lassen sie ihre Festival-Armbändchen an ihren Handgelenken stinken, bis sie abfallen - oder ein Bewerbungsgespräch ansteht.

Der Aufreißer

Der Aufreißer reist mit leichtem Gepäck an: Er hat eine Großpackung Kondome und einen kleinen Rucksack dabei, sonst nichts. Sein Ziel: Jede Nacht eine andere Luftmatratze. Seine Zeit beginnt gegen 1 Uhr im Partyzelt, wenn dort seine liebste Festival-Aktivität beginnt: das allabendlich stattfindende Spielchen "Finden und gefunden werden".



Das Pärchen

Aufreißen haben diese beiden nicht nötig: Sie sind gemeinsam zum Festival gekommen. Für einen richtigen Urlaub hat das Geld noch nicht gereicht - aber ein Kuschelwochende im Zwei-Mann-Zelt ist ja ohnehin kein so schlechter Einstand.

Sie machen nix ohne einander: Bei Bands wie Rammstein beschützt er sie vor Remplern, sie erweitert seinen musikalischen Horizont, indem sie ihn zu Mumford & Sons in die erste Reihe schleppt und dort leidenschaftlich mit ihm rumfummelt. Wenn nach dem Gig die Sonne untergeht, geht’s zur geteilten Dose Ravioli ans Lagerfeuer - statt Nachtisch gibt’s glückliches Seufzen aus dem Zelt. So romantisch kann Festival sein!

Der Helga-Schreier

"HEEEEEEEEEEEEEEELLLGAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!" Breitbeinig und leichtbekleidet steht der Helga-Scheier zu jeder Tages- und Nachtzeit irgendwo auf dem Festivalgelände und gröhlt mit Bier geölter Stimme den Festival-Brunftschrei. "HEEEEEEEEEEEEEEELLLGAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!"

Dabei weiß niemand, wer diese mysteriöse "Helga" überhaupt ist, die sich auf so ziemlich jedem Festival herumtreibt. Alle suchen Helga - keiner findet sie. "HEEEEEEEEEEEEEEELLLGAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!"



Der Partymacher

Das Line-up ist diesem Festivalbesucher egal. Der Partymacher ist nicht wegen der Musik hier: Das Festival ist sein Ballermann! Zusammen mit den Kumpels aus dem Volleyballverein und Unmengen pfandfreien Dosenbiers aus Frankreich ist er aufs Festival gekommen. Und wo er auch hingeht - er hinterlässt eine breite Schneise der Verwüstung. Leere Bierdosen, kaputte Stühle, zerrissene Pavillons, dreckige Klamotten und Essensreste - er lässt einfach alles liegen. Mit extrem lauten Boxen, nächtlichen Grillpartys und Ans-Zelt-Piss-Attacken bringt er die Nachbarn auf dem Zeltplatz an den Rand der Verzweiflung.

Wie sehr er und seine Rotte gehasst werden, kriegt er nicht mal mit. Er ist zu beschäftigt mit seinen Aufblastieren, dem Schlauchboot, der Pflege seiner frischen Sprüh-Tattoos und seiner Königsdisziplin, dem Trichtersaufen. Den heftigen Sonnenbrand auf seinem Rücken hat sich der Partymacher übrigens im T-Shirt-losen, komatösen Tiefschlaf nach einem Trichter-Trink-Wettkampf gegen eine andere Rotte zugezogen.

Der Festival-Spießer

Dieser Festivalbesucher ist der natürliche Feind des Partymachers, denn er nimmt es mit dem Festival ganz genau: Er räumt sein Zelt täglich auf, putzt abends die Gummistiefel und regt sich über den Müll der anderen auf. Allnächtlich macht er die Nachbarn darauf aufmerksam, dass manche Menschen gerne schlafen würden - schließlich hat er einen voll durchgeplanten Tag vor sich. Wäsche waschen, Wäsche aufhängen, Wäsche abhängen, Kochen, Spülen, Küchenutensilien polieren, Vorgartenpflege: Auf so einem Festival hat er viel zu tun!

Der Festival-Spießer sieht Konzerte nur so lange, bis sein Wecker ihn auf das vorher herausgesuchte nächste Konzert schickt. Nachts um 1 Uhr schaltet der Spießer seine Solar-betriebene Zeltlampe aus und legt sich schlafen - schließlich wartet ein weiterer anstrengender Tag auf ihn!



Der Druffi

Keine Ahnung, warum er überhaupt ein Zelt mitbringt: Der Druffi kommt Freitagmittag an, baut sein Zelt auf, legt seinen kleinen Rucksack rein und geht aufs Festivalgelände. Montagmorgen kehrt er auf den Zeltplatz zurück, sucht ungefähr zwei Stunden lang hochmotiviert sein Zelt, findet es, nimmt seinen Rucksack wieder auf den Rücken und fährt mit dem nächsten Zug Richtung Heimat.

Das Fangirl

Ihr Style ist frisch aus den besten Modeblogs der Republik, und ihr Ziel ist klar: Backstage! Mit immer frischen, knallroten Lippenstift, kunstvoller Frisurenkombi aus Dutt und Lederband und in knappen Shorts und schwedischen Plateau-Sandalen steht sie in der ersten Reihe und versucht, dem Sänger von Get Well Soon aufzufallen. Dort ist sie auch ein beliebtes Motiv für Festivalfotografen und -kameramänner.

Fragt man sie, warum sie hier ist, kann sie überraschend viele Bands aufzählen. Kein Zweifel: Das Fangirl hat sich vorbereitet, denn Stars stehen ja schließlich nicht auf Groupies!



Der Improvisateur

Was dem Origamimeister das Papier ist dem Improvisateur das Gaffa-Tape. Irgendwas vergessen? Kein Problem! Aus Gaffa-Tape und Plastiktüten baut er Gummistiefel, Regenhosen oder Sonnensegel. Aus den Überresten eines vom Wind zerstörten Pavillions wird in seinen flinken Händen mal schnell einen Lenkdrachen.

Manchmal geht der Improvisateur zwischen der Arbeit auch mal auf ein Konzert. Fängt es dann jedoch an zu regnen, muss er schleunigst zurück zu seinem Zelt. Irgendwer muss ja die Regenrinnen aus Bierdosen bauen!

Der Beim-ersten-Regentropfen-Heimfahrer

Ein schöner Regen verbessert eigentlich jedes Festival - denn erst Regen kreiert das perfekte Festivalgemeinschaftsgefühl. Der Beim-ersten-Regentropfen-Heimfahrer jedoch hasst Regen, hasst Gemeinschaft, und besitzt keine Gummistiefel.

Er beobachtet die Wettervorhersage aufmerksam in der Wetter-App seines Smartphones, schaut grimmig die Wolken an - und fährt heim, sobald der erste Regentropfen fällt. Nach dem Festival erzählt er allerdings wilde Geschichten über das Wetter.



Der Im-Schlamm-Roller

Wenn der Beim-ersten-Regentropfen-Heimfahrer schon im Auto sitzt, geht das Festival für den Im-Schlamm-Roller erst richtig los. Im Angesicht der ersten Schlammpfütze zieht er sich enthusiastisch und blitzschnell bis auf die Unterhose aus, und springt bäuchlings in den Matsch. Nach nicht mal zwei Minuten ist er so vollständig mit einer Schlammschicht bedeckt, dass man zwischen Boxershort und nackter Haut nicht mehr unterscheiden kann. Das war sein Ziel, jetzt kann er wildfremde Passanten umarmen!

Gibt es mal kein Regenwetter, ist sich der Im-Schlamm-Roller auch nicht dafür zu schade, sich in den Schlammpfützen vor den Wasserstellen oder den Dixieklos zu suhlen. Wenigstens kann man ihn auf den vielen Fotos und Videos nicht erkennen!

Die Musik-Spezialistin

Sie weißt immer, wo es lang geht. Schon lange vor dem Festival hat sie einen Plan ausgearbeitet, wann sie wo welche Band sehen will, und wie viel Zeit sie einplanen muss, um an den perfekten Platz zu kommen. Denn der ist mitten vor dem Mischpult, wo sie mit ihrem Hörschutz vom Hörgeräteakustiker steht und sich über die Konzerte ihrer Lieblingsbands freut.

Der Ärzte-Fan

Auch dieser Festivalbesucher kommt wegen der Musik aufs Festival, allerdings nur wegen der Musik einer Band: die Ärzte. Im historischen T-Shirt der ersten Reunion-Tour der "besten Band der Welt" sitzt er zusammen mit anderen Ärzte-Fans am Tag des Ärzte-Auftritts schon ab dem Morgen vor der Festivalbühne, auf der Bela, Farin und Rodrigo am späten Abend als Headliner auftreten werden und ignoriert standhaft alle Bands, die den Tag über spielen.

Der früh Gealterterte

Dieser Endzwanziger bis Mittdreißiger liebt Festivals und ist seit Jahren Stammgast auf seinem Lieblingsfestival. Doch irgendwas hat sich mit den Jahren verändert: Er fühlt sich langsam irgendwie zu alt für das ganze Bohei, für die schmutzigen Klamotten, den Schlamm, das Kochen auf dem Gaskocher und das Aufwachen mit Kopfschmerzen im Zelt.

Er kennt die günstigste Pension in Festivalnähe und bucht sein Zimmer schon ein Jahr im Voraus. So kommt er mittags gut ausgeruht, frisch gewaschen und in sauberen Klamotten aufs Gelände. Mit dem Satz "Willst du nicht mal wieder warm duschen?" versucht er, Fangirls (siehe oben) aufzureißen - und hat immer mal wieder Erfolg.



Die junge Familie

Diese jungen Eltern passen ihren Festivalbesuch an die veränderte Familiensituation an, ohne den Spaß dabei zu vergessen. Die Familie campt im geerbten VW-Bus auf dem Wohnwagenplatz und geht nach dem Mittagsschlaf gemeinsam zum Jamiroquai-Gig. Das Baby im schicken AC/DC-Shirt trägt natürlich einen schalldichten Gehörschutz und sitzt im Tragegestell auf Papas Rücken. Glücklich grinsend tanzen sie so zu dritt am Rand der Menge - und die weibliche Hälfte des Pärchens (siehe oben) schaut ganz sehnsüchtig zu.

Die Festival-Abfeiererin

Was zu einem richtige Festival gehört, hat die Abfeiererin auf Tumblr, YouTube und Instagram gelernt: Flechtfrisuren, Neonfarbe im Gesicht, Hennatattoos, weite Tanktops und die unschlagbare Gummistiefel-und-Shorts-Combo. Ihre wichtigsten Accessoires sind gefälschte Ray-Ban-Sonnenbrillen, Pustefix und eine selbst gebaute Tetrapak-Tasche für den Vodka-Cranberry-Mix.

Die mediale Dokumentation der erfolgreichen Umsetzung des Festival-Styles ist ihr sehr wichtig: Sie macht Hunderte von Fotos und verbringt die Zeit zwischen den Konzerten mit dem Upload der schönsten - ein Hoch auf das Festival-WLAN! 

Der Thrillseeker

Im Alltag macht er eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten, doch auf dem jährlichen Festivalbesuch lässt er es krachen. Er geht Bungeespringen, lässt sich ein Tattoo stechen, kauft sich T-Shirts von Metalbands und knutscht direkt vor der Bühne mit einem Mädel, das nicht seine Freundin ist. Sein Motto: "Was auf dem Festival passiert, bleibt auf dem Festival."




 

fudders Festival-Empfehlungen

 
  • Southside, 21. bis 23. Juni 2013 in Neuhausen ob Eck, unter anderem mit Rammstein, Queens of The Stone Age, Arctic Monkeys, Deichkind und  Billy Talent.

  • Open Air St. Gallen, 27. bis 30. Juni in St. Gallen (CH), unter anderem mit Kings of Leon, Die Ärzte, Sigur Ros und Biffy Clyro.

  • Eurockéennes, 4. bis 7. Juli in  Belfort (F), unter anderem  mit Blur, Jamiroquai, The Smashing Pumpkins, Skunk Anansie und Phoenix.

  • Open Air Frauenfeld, 12. bis 14. Juli, Frauenfeld (CH), unter anderem mit Seeed, Run DMC, Snoop Lion, A Tribe Called Quest und Wu-Tang Clan.

  • Zürich Open Air, 29. August bis 1. September in Zürich (CH), unter anderem mit Nine Inch Nails, Arctic Monkeys, The XX, Paul Kalkbrenner und Ellie Goulding.
 

fudder-Debatte

Und? Welcher Festival-Typ bist Du? Oder haben wir noch irgendwen vergessen?

Du bist gefragt!


Mehr dazu:

    [Fotos: 2, 3, 5, 7 - Vinzent Hort, Sea of Love 2012; 1, 6, 9 - Paul Gengenbach, Southside 2012; 4, 8  - Jan Lienemann, Sea of Love 2012]