Die Euro-Feinde: Interview mit den Gründern der AfD-Hochschulgruppe Freiburg

Claus-Georg Nolte

Auf Bundesebene wirbelt die neugegründete Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) vor allem im konservativen Lager mächtig Staub auf. Zwar reichen ihre Umfragewerte aktuell nicht an die 5-Prozent-Hürde heran, trotzdem wird die Partei um den Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke als Gefahr für eine Schwarz-Gelbe-Mehrheit gehandelt. Die erste Hochschulgruppe der Partei wurde vor einigen Wochen in Freiburg gegründet - unter anderem von Friedrich Lucke (18), dem Sohn des Parteichefs, und Elias Mößner (29), dem ehemaligen Vorsitzenden des RCDS Freiburg. Das fudder-Interview:



Warum habt ihr eine AfD Hochschulgruppe gegründet? Gab es keine andere Möglichkeit mehr bei den Wirtschaftsprofessoren zu schleimen?

[Beide lachen.]

Lucke: Ich habe so viele Möglichkeiten, bei den VWL-Profs zu schleimen, das habe ich gar nicht nötig. Zudem weiß ich, dass die meisten VWL-Profs nicht auf der Seite der AfD stehen.

Mößner: Es ging in erster Linie darum, präsent zu sein. Wir haben wirklich viele interessante ökonomische Theorien, die sollten Studenten auch hören.

Gab es bereits Reaktionen von Dozenten und Kommilitonen?


Lucke:
Dort, wo wir geworben haben, haben unsere Kommilitonen es eigentlich positiv aufgenommen. Zudem bekomme ich auch Emails, gerade wegen meines Nachnamens, oder Leute schreiben mich auf Facebook an: 'Hey, ich habe von der Hochschulgruppe gehört und möchte da gern mitmachen', oder 'Ich möchte in meiner Stadt auch gerne so was aufbauen'.

Mößner: Ich hab eine Warnung bekommen, dass sich der U-Asta fürchterlich aufregen würde. Das haben wir allerdings noch gar nicht mitbekommen, und da mache ich mir auch gar keine Sorgen drüber. Im Straßenwahlkampf hat kürzlich jemand Fotos von uns gemacht und behauptete auf Nachfrage, er sei von der Presse, wollte aber weder Presse- noch Personalausweis vorzeigen. Als ich ankündigte, die Polizei zu rufen, lief er davon. Somit war klar, dass er sich nicht outen wollte und damit hatten wir dann unseren ersten Angriff der AntiFa. Andererseits hatte ich auch mit einem anderen AntiFa-Typ tolle Gespräche, wo wir viele Gemeinsamkeiten entdecken konnten. Ich glaube, dass die AntiFa die CDU mehr hassen wird als uns.

In der Öffentlichkeit wird die AfD oft spöttisch als Partei wütender, alter Männer dargestellt. Was ist der Reiz für Menschen unter 30, sich bei der AfD zu engagieren?

Mößner: Es stimmt, beim letzten Landesparteitag waren viele alte Herren da. Mich hat der gesunde Menschenverstand, mit dem ich viele politische Entscheidungen ideologiefrei hinterfrage, zur AfD geführt. Diesen gesunden Menschenverstand kann man natürlich auch als junger Mensch haben.

Lucke: Mir ist egal, wer in der Partei ist, solange die politischen Ziele mit meinen mehr oder weniger übereinstimmen. Nicht zuletzt geht es ja viel mehr um unsere Zukunft, als um die Zukunft der Leute, die bereits kurz vor dem Ruhestand sind.

Teil des Programms der AfD ist es ja, dass Deutschland sich vom Euro trennen soll. Generell sollen in Europa die Nationalstaaten wieder mehr zu sagen haben. Wäre das kein Rückschritt?

Mößner: Es wäre ein Schritt nach vorne. Gerade auch im Sinne: Wir sind das Volk. Wir wollen als Volk mitreden, was in der EU passiert. Und das sollen bitte nicht irgendwelche Funktionäre und Profi-Politiker machen. Die europäischen Völker sind klug genug, selber zu entscheiden. Auch vom Subsidiaritätsprinzip ist die EU noch ausbaufähig. Wir wollen, dass die EU transparenter und demokratischer wird, damit auch ein Mensch, der nicht Jura studiert hat, kapiert, wer in der EU das Sagen hat.

Ich spitze das ein bisschen humorvoll zu: Ich bin in der AfD, weil ich nicht will, dass meine Kinder im Bürgerkrieg aufwachsen, wenn irgendwann mal das Geld nichts mehr wert ist. Das will ich verhindern, das ist mein Zukunftsziel.



Elias, Du bist vom RCDS beziehungsweise der Union zur AfD gewechselt. Stehst Du stellvertretend dafür, dass die AfD bei der Bundestagswahl eine Rolle spielen und für die Union gefährlich sein könnte?

Mößner: Definitiv. Wenn man das Wahlprogramm der AfD anschaut, dann ist es genau das, was die CDU vor 20 Jahren vertreten hat - abgesehen vom Euro. Ich denke, dass wir der CDU gefährlich werden, gerade auch bei Bereichen wie Steuer- und Familienpolitik. Das sind alles typische Unionsthemen, die sie aufgegeben haben.

Weshalb hast Du den RCDS verlassen?


Mößner:
Weil die AfD mir einfach inhaltlich mittlerweile näher steht als der RCDS. Dabei will ich den RCDS nicht schlecht machen, er war immer ein bisschen freidenkerisch und Hochschulgruppen sind ja auch parteiunabhängig. In der Hochschulpolitik stehen Sachfragen im Vordergrund, und da entscheidet der RCDS auch vernünftig. Mein Hauptgrund war eher das, was die Bundes-CDU macht. Das ist für mich nicht mehr tragbar gewesen.

Friedrich, hatte dein Vater Einfluss auf die Gründung der AfD Hochschulgruppe hier in Freiburg?

Lucke: Ja! Mein Vater hat durchaus angeregt, dass ich mich in der AfD engagiere, da ich mich für die Partei interessiert habe und ihre politischen Ziele zu großen Teilen teile. Als dann auch Frau Fein als Landesbeauftragte sagte, sie würde es begrüßen, wenn sich eine Hochschulgruppe gründet, dachte ich: ‘Das kann ich machen!’.

Hat auch Professor Ronald Asch, an der Uni Freiburg Professor für Neuere Geschichte und AfD-Mitbegründer bei der Gründung, eine Rolle gespielt?

Lucke: Ich hab ihn einmal kennen gelernt, aber ich habe sonst keinen Kontakt zu ihm.

Mößner: Nein, bisher haben wir die Hochschulgruppe ohne Mithilfe von Professoren organisiert.

Hat die AfD überhaupt die Hochschulpolitik im Programm? Was wollt ihr als Hochschulgruppe bewegen?

Mößner: Uns gibt es erst seit ein paar Wochen. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass die Hochschulgruppen politisch ziemlich eingeengt sind. Der Kompetenzbereich betrifft nur die Hochschulpolitik. Jetzt ist gerade aktuell, wie die Verfasste Studentenschaft ihre politische Teilhabe organisiert.

Wie steht ihr zur Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft?

Mößner: Wir wollen auf jeden Fall, dass die Studenten in ihrer Vertretung sich zu allem äußern, positionieren und Forderungen erheben können, was sie auch betrifft. Das heißt auch, wie die Uni organisiert ist und wo es Mitspracherechte für Studenten in der Uni-Verwaltung gibt. Dazu gehört auch - und da hatte ich ein großes Problem mit der CDU - auch so Umkreis-Themen, wie die Wohnungsknappheit in Freiburg und das Studentenleben.

Als Zwangsvereinigung hat die Verfasste Studierendenschaft aber auch immer - wie die Industrie- und Handelskammer auch - das Problem, dass es eine Zwangsvereinigung ist und man Beiträge abdrücken muss, obwohl man das nicht will. Ein normaler Student geht eben nur deshalb mit 13 Prozent zur Wahl, weil er das aktuelle Modell ebenfalls nicht durchschaut, genauso wie schon das U-AStA-Modell. Daher bin ich für eine Vereinfachung der studentischen Mitbestimmung, mit wirklich allen Kompetenzen, die sie brauchen und betreffen.

Ich habe schon immer ein normales Studenten-Parlament begrüßt, das eben auch ein hochschulpolitisches Mandat für Land und Region hat, und einfach gewählt wird, ohne dass man es Verfasste Studierendenschaft nennen muss. Daher hätte ich es bevorzugt, wenn wir ganz pragmatisch ohne die alten Schlagworte arbeiten: Studenten werden gewählt und dürfen sich äußern. Das ist das, was jeder Mensch versteht. Das ist unsere Grundposition, und der kommt das Mischmodell am nächsten.

Würdet ihr euch als Hochschulgruppe bei der nächsten Wahl zur Wahl stellen?

Lucke: Aber natürlich!

Und wenn sich bei einer solchen Wahl eine absolute Mehrheit ergeben würde, was würdet ihr als AfD Hochschulgruppe sofort ändern?

Mößner: [lacht] Wir würden den Veggie-Day abschaffen!

Lucke: Wir haben noch gar kein Programm aufgestellt. Erstmal warten wir ab und dann entscheiden wir. Die Hochschulgruppe existiert erst seit wenigen Wochen und es macht noch keinen Sinn, mit den wenigen Mitgliedern ein Programm zu machen.

Was habt Ihr denn auf absehbare Zeit als AfD Hochschulgruppe in Planung?

Lucke: Wir möchten Professor Lucke für einen Gastvortrag einladen. Allerdings ist noch kein konkretes Datum angesetzt, da der Professor sehr beschäftigt ist. Er hat uns jedoch zugesagt zu kommen.

Im Kern dreht sich bei der AfD vieles um die Europa-Politik. Hochschulpolitisch fallen auf europäischer Ebene oft zwei Begriffe: Bologna und Erasmus. Wie steht ihr dazu?

Lucke: Bologna ist fürchterlich kompliziert und hat nichts verbessert. Ich persönlich habe sehr schlechte Erfahrungen damit gemacht. Letztes Jahr habe ich in den USA gewohnt und an der Fern-Uni Hagen studiert. Dann bin ich zum Wintersemester 2012 nach Freiburg gewechselt und die angebliche Vergleichbarkeit vom Bachelor-Master-System und den ECTS-Punkten hat mir überhaupt nicht geholfen. Aus den zwei Semestern an der Fern-Uni Hagen hatte ich 50 Punkte und am Ende wurden mir in Freiburg 20 davon anerkannt. Man konnte sich bei keinem Punkt, den man an der anderen Uni gemacht hat, sicher sein, dass man den hier angerechnet bekommt.

Erasmus jedoch finde ich als Austauschprogramm super, weil es den Menschen die Möglichkeit gibt, andere Kulturen kennen zu lernen.

Mößner: Das Erasmusprogramm an sich ist eine gute Sache, den Grundgedanken eines Austauschprogramm finde ich sehr wertvoll. Allerdings lässt es sich noch überarbeiten und viel effektiver und besser organisieren als über diesen EU-Bürokratie-Rahmen. Erasmus würde auch zustande kommen ohne die EU und könnte privat über eine gemeinnützige Organisation besser organisiert werden - ohne die Sachbearbeiter in Brüssel.

Lucke: Wenn man es privat organisieren könnte, würde Bologna auch viel besser funktionieren.

Wie steht ihr persönlich und wie steht die AfD-Hochschulgruppe zu Studiengebühren?

Mößner: Ich möchte Studiengebühren nicht kategorisch ausschließen, aber sie dürfen niemandem vom Studium abhalten. Als es die Studiengebühren noch gab, mussten arme Studenten einen Studienkredit aufnehmen, um die Gebühren zu zahlen. Damit zahlten sie mehr als ihre wohlhabenden Kommilitonen: Die Studiengebühr plus die Zinsen für den Kredit!

Auf der anderen Seite bekommt ein Akademiker seine Ausbildung vom Staat finanziert, und hat somit eine solidarische Verpflichtung. Wenn wir wieder Studiengebühren einführen, dann müssten sie den Menschen nach seinem Studium belasten, wenn er Geld verdient. Grundsätzlich bin ich aber mittlerweile der Meinung, dass Studiengebühren so viel Bürokratie verursachen, dass ich es lieber lassen würde, die Umsetzung ist eigentlich fast unmöglich.

Lucke: Die Studiengebühren, so wie wir sie in Baden-Württemberg hatten, waren einfach falsch. Meines Erachtens gibt es einen Unterschied zwischen Gebühren und Beiträgen. Das eine ist aufgabengebunden, und konnte nicht für die richtigen Sachen eingesetzt werden. Daher lehne ich das Modell das wir hier hatten ab.

Mößner: Wir sind uns eigentlich einig: Wir lassen lieber die Finger davon. Nur wenn jemand ein überzeugendes Modell liefert, können wir nochmal drüber reden.

Werdet ihr als AfD Hochschulgruppe auch im Bundestagswahlkampf aktiv sein?

Lucke: Wir haben bis jetzt einfach noch nicht genügend Leute, als das es Sinn machen würde, die Hochschulgruppe von der allgemeinen Gruppe in Freiburg zu trennen. Deswegen werden wir, wenn es um Wahlkampfaktionen geht, mit denen zusammenarbeiten.

Wie viele Aktive seid ihr in der Hochschulgruppe und wie ist die Geschlechterverteilung?

Lucke: Im Moment sind wir nur männlich besetzt, 6 Aktive und noch einige weitere Unterstützer.

Mößner: Ich weiß nicht, wie es in der Partei aussieht. Der Vorstand besteht allerdings aus 50 Prozent Frauen, die freiwillig reingewählt wurden, ohne irgendwelche Quoten.

Der AfD Partei-Schnitt liegt bei rund 80 Prozent Männeranteil.

Mößner: Das mag so sein, aber das ist kein spezifisches AfD-Problem, das ist eine Krankheit, die alle haben. Selbst die Grünen haben mehr Männer als die Frauen.



Wo wir von den Grünen reden: Welche Chancen malt ihr euch denn im Grün-dominierten Freiburg zur Bundestagswahl aus?

Mößner: Freiburg ist nicht nur eine Hochburg der Grünen, sondern war auch die Hochburg der ÖDP. Mittlerweile sind einige Leute von der ÖDP schon bei uns, um ihre umweltpolitischen Ideen umzusetzen. Ich kann exemplarisch Volker und Martina Kempf anführen. Letztere ist auch auf unsrer Landesliste der AfD. Zudem gehört zum Bundestagswahlkreis Freiburg auch der Kaiserstuhl und der Hochschwarzwald. Dort wohnen die frustrierten CDU-Wähler. Das im Kombination mit unseren Experten in Freiburg könnte unser Potenzial erhöhen.

Lucke:
Dazu spielt uns in die Karten, dass es südlich von Freiburg den Vorfall mit der Eisenbahntrasse gab, und die Bürger so gemerkt haben, wie wichtig direkte Dekokratie ist. Zudem wohnen in Freiburg viele Familien mit Kindern und wir können uns familienpolitisch sehen lassen: Prof. Bernd Lucke hat fünf, Frau Petri vier Kinder, und daher auch ein bisschen Erfahrung. Deswegen sehe ich durchaus großes Potenzial in Freiburg, eher über als unter dem Bundesdurchschnitt.

Zum Abschluss noch eine Frage zu Europa: Wie steht ihr zum Schengen-Abkommen?

Lucke: Schengen ist wertvoll. Um das klar zu stellen: Die AfD hat nie dafür plädiert Europa zu spalten, ganz im Gegenteil: Wir sind besorgt um den Binnenmarkt und das Schengen-Abkommen, wenn sich die Eurokrise so weiter entwickelt wie sie das gerade tut. Die logische Konsequenz wäre, wenn andere Länder nicht mehr konkurrenzfähig sind, erheben sie Zölle, dann wäre der Binnenmarkt verloren und dieser Verlust wäre viel gravierender als der Ausstieg aus dem Euro. Genau das ist die Gefahr, die wir im Moment in der Euro-Politik sehen, wenn die Länder nicht die Möglichkeit bekommen, aus der Währungsunion auszusteigen.

Mößner: Da sind wir wieder beim gesunden Menschenverstand und dem Subsidiaritätsprinzip als Grundgedanken. Der Staat muss nicht regeln, was in Freiburg im Seepark gemacht wird. Aber bei einem so großen Wirtschaftsraum wie dem Schengen-Raum, zusammen mit der Personenfreizügigkeit, ist der Nutzen groß, wenn man diese Kompetenz über den einzelnen Nationalstaat hinaus auf EU-Ebene abgibt. In diesem Fall befürworten wir das auch. Wir sind grundsätzlich dafür, alle Kompetenzen an die EU abzugeben, wenn die europäischen Länder davon profitieren. Vom Währungsraum profitieren allerdings nur wenige Länder und einige leiden auch darunter. Deswegen sollte da eine Zwischenebene gefunden werden.

Als Hauptkritikpunkt an der EU bleibt für euch also nur die Währungsunion?

Mößner: Ja, und natürlich der Bruch des Subsidiaritätsprinzips.

Lucke: Und der Bruch der Verträge!

Zur Person

Friedrich Lucke (18), studiert VWL an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Elias Mößner
(29), ist Absolvent der rechtswissenschaftliches Fakultät der Uni Freiburg und ist andeskoordinator der AfD Hochschulgruppen

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[Fotos: Benedikt Nabben]