Die Etikette zählt: Benimm-Seminar für Studierende

Sina Gesell

Bei einem "Benimm-Seminar" des Studentenwerks Freiburg bringt die Stilberaterin Sigrid Wörner Studentinnen Manieren bei .



Sorgfältig sortiert Sigrid Wörner das Besteck um den Teller: die Gabel links, das Fleischmesser rechts, etwas versetzt die Fischgabel mit unterschiedlichen Zinken, das stumpfe Fischmesser. Danach noch ein Besteckpaar, eine Kuchengabel, ein Löffelchen. Links platziert sie den kleinen Brotteller. Dann richtet sie das Rotwein-Glas am Fleischmesser aus, das Weißwein-Glas im 45-Grad-Winkel dahinter, daneben das Wasserglas.


Akribisch deckt Wörner den quadratischen Tisch, Gläser und Besteck glänzen. Doch die 49-Jährige steht nicht im Sterne-Restaurant, sondern im Bistro der Uni-Mensa. Hier bringt die Stilberaterin fünf Studentinnen bei, wie man sich in feiner Gesellschaft verhält. Die Etikette zählt.

Die Teilnehmerinnen des Seminars "Sicher auf glattem Parkett" erfahren viel an diesem Samstag. Zum Beispiel, dass man das Brot nicht wie ein Butterbrot beschmiert, sondern pro Bissen ein kleines Stück Butter auf das Brot streicht; oder dass man nur Wachteln mit den Fingern isst, außer es steht eine Fingerbowle mit lauwarmen Wasser und einer Zitrone bereit. Dann, so Wörner, könne man auch das Hähnchen als Fingerfood betrachten.

Aber Achtung: Die Serviette hat nach dem Essen nichts auf dem Teller verloren, sondern wird links davon abgelegt, und das Weinglas hält man nicht wie einen Cognac-Schwenker, sondern am Stiel. "Das sind Punkte, auf die die Leute gucken. Die Kinderstube muss stimmen", sagt Sigrid Wörner.

Darf man auch übers Wetter reden?

Oft würden Bewerber bei einem Assessment-Center zum Essen eingeladen, da sei es hilfreich zu wissen, wie man sich bei Tisch verhält. Ob man dazu wissen muss, in welchem Winkel das eine Weinglas zum anderen steht? Doch viele Tipps der Stilberaterin sind hilfreich – gerade für die Studentinnen, die sich auf das Berufsleben vorbereiten wollen.

Eine von ihnen ist Kira. Die 23-Jährige aus dem Kinzigtal studiert im siebten Semester Jura – im Moment noch an der Uni Freiburg. Doch bald wechselt sie nach Düsseldorf. Das war für sie auch der Grund, am Knigge-Seminar teilzunehmen. Vor ein paar Wochen war sie schon einmal in Düsseldorf, um sich die Uni anzuschauen. "Da habe ich gemerkt, dass meine Umgangsformen nicht reichen. Ich kam mir verloren vor und bin mit den Leuten nicht ins Gespräch gekommen", sagt Kira.

Vor allem für ihr späteres Berufsleben wolle sie lernen, wie Smalltalk funktioniert. Wörner gibt Tipps für Einstiegsthemen. Darf man auch übers Wetter reden? "Ja", sagt Wörner, "aber nur ein bis zwei Sätze, dann sollte man auf ein anderes Thema wie Hobbys oder die Anreise zu sprechen kommen." Ein Thema solle man wählen, zu dem jeder was zu sagen hat. "Blickkontakt herstellen und Interesse bekunden ist sehr wichtig", weiß Wörner.

Sigrid Wörner spricht Hochdeutsch, nur manchmal kommt ihr badischer Akzent durch – geboren und aufgewachsen ist sie in Offenburg. Die 49-Jährige trägt einen dunklen, lilafarbenen Blazer, dazu eine schwarze Stoffhose und fast kniehohe Stiefel. Nicht overdressed, eher schick und leger.

Eigentlich ist sie Hotelbetriebswirtin, nach einer Ausbildung zur Farb-, Stil- und Imageberaterin machte sie sich 2001 selbstständig. Damals wohnte sie in Freiburg, aber auch nach dem Umzug nach Karlsruhe berät sie Freiburger Kunden.

Training für den perfekten Händedruck

An der Uni soll im Sommer ein weiteres Seminar stattfinden, ein Termin steht aber noch nicht fest. "Ende der 90er habe ich selbst eine Farb- und Stilberatung in Anspruch genommen. Von da an war ich fasziniert", erzählt Wörner.

Heute ist sie es, die Tipps in Stilfragen gibt, von den Umgangsformen im Restaurant oder bei der Begrüßung bis hin zum richtigen Outfit. Auch die Studentinnen haben ein Bewerbungsoutfit mitgebracht. Damit Sigrid Wörner Maß nehmen kann, ziehen sie Jacke und Schuhe aus. Dann greift die zierliche Frau zu einer schweren Perlenkette, um die Körperform festzustellen.

Bei Kira erkennt die Stilberaterin eine Sanduhr-Form, das heißt, Schultern und Hüften sind in etwa gleich breit. Für das Oberteil – ein einfaches waldgrünes, eher weitgeschnittenes Longsleeve mit Rollkragen – gibt es Lob von Wörner: "Es passt absolut zu deiner Figur." Da Kiras Oberkörper länger ist, müsse sie ihre Beine optisch verlängern. "Auf keinen Fall Hüfthosen", rät Wörner.

Dann geht’s um den perfekten Händedruck. Hände werden geschüttelt, jede mit jeder, immer und immer wieder. "Woran merke ich, dass ich weder zu fest noch zu lasch drücke?", fragt eine Teilnehmerin. "Das spürt man", antwortet die Expertin. Eine weitere Runde werden Hände geschüttelt, nur um sicherzugehen. Der Nachmittag ist langwierig, Wörner projiziert Bilder von händeschüttelnden Geschäftsleuten an die Wand. Eine Studentin spielt an ihren Haaren herum, die andere zieht unterm Tisch ihre Schuhe aus. Was würde Knigge nur dazu sagen?

Wer oder was ist Knigge?

"Der große Knigge" ist ein bekannter Ratgeber mit modernen Benimmregeln für das Privat- und Berufsleben. Seit 2005 gibt es zudem den Deutschen Knigge-Rat. Die Bezeichnung "Knigge" wird heute irrtümlich verwendet.

Hinter Knigge steckt Adolph Freiherr Knigge, der Verfasser der Schrift "Über den Umgang mit Menschen". Doch in seinem Werk geht’s weniger um praktische Benimmregeln als um soziologische Betrachtungen, die damals über Taktgefühl und Höflichkeit aufklären sollten. Wie man beispielsweise Rot- zu Weißweingläsern gruppiert, erwähnt Knigge gar nicht.

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[Foto: Sina Gesell]