Die Eschholzstraße: Freiburgs spannendste Szenemeile

Manuel Lorenz & Florian Forsbach

Die Eschholzstraße im Stadtteil Stühlinger zieht immer mehr junge Menschen an: Studenten, Kreative, Lebenskünstler, Nachtschwärmer. fudder-Redakteur Manuel hat einen Rundgang gemacht. [Mit Fotogalerie!]



Es riecht nach Abenteuer an der Eschholzstraße, und die Quelle des Geruchs ist schnell ausgemacht: Zwei Lagerfeuer, um die herum junge Erwachsene sitzen, auf ausgedienten Sesseln und Sofas, auf einer Hollywoodschaukel, in einem Strandkorb. Andere haben es sich in einem Pagodenzelt gemütlich gemacht, wieder andere in einem restaurierten Bauwagen. Bunte Lichterketten hängen in der Nacht. Aus dem Gebäude, das den Hof flankiert, kommen harte Elektro-Sounds und schnelle Lichtreflexe. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Unfall zwischen Pfadfinderlager, Biergarten und Wagenburg, ist in Wirklichkeit eine Bar. In Freiburg zurzeit sogar die Bar. Ihr Name: Schmitz Katze. Und mittendrin: ihr Mitbetreiber Jan Ehret.

Es entsteht etwas Neues – hier und in den vielen Arterien, die links und rechts von jener Hauptschlagader des Stühlingers abgehen. Natürlich reihen sich die Cafés, Bars, Clubs und Boutiquen in der Eschholzstraße und ihrer Umgebung noch nicht so nahtlos aneinander wie in der Berliner Kastanienallee oder am Hamburger Schulterblatt. 

Aber allein schon wenn man die Dreisam überquert, Haslach begrüßt, nach links abbiegt und nur wenige Meter läuft – ein spannender Ort nach dem anderen! Zuerst der Kulturpark, auf dessen Gelände Schmitz Katze liegt und der außer ihr noch die Jazz- und Rockschulen, die Gitarrenwerkstatt, den Kubus3 sowie andere Kultureinrichtungen und freiberufliche Kreative beheimatet. Dann die Latin Dance Academy Aya, der Slow Club, die Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik sowie das Galli Theater.



Jan Ehret kennt sich aus in der Szene, seit einem Vierteljahr heißt sein Zweitwohnsitz Berlin. Vor fünf Jahren hatten er und sein Kompagnon Markus Gut noch auf die Freiburger Innenstadt gesetzt und in einem Gewölbekeller an Oberlinden den Klub Kamikaze eröffnet. Jetzt schwören die beiden mit Schmitz Katze auf eine vermeintliche Off-Location. „Am Anfang hatten wir Angst, dass der Laden zu weit außerhalb liegt“, sagt Ehret. Aber die ersten Monate hätten gezeigt, dass sie näher an ihr Zielpublikum herangerückt seien: Leute, die mittlerweile zu alt fürs Kamikaze sind, vielleicht sogar schon Familie haben, im Stühlinger oder in Haslach leben, Leute wie Ehret und Gut selbst. Ein weiterer Vorteil jener Lage: Es fände kaum Laufpublikum in die Bar, so bleibe sie länger ein Geheimtipp.

Am anderen Ende der Eschholzstraße, Höhe Egonstraße, liegen vier sehr unterschiedliche Läden nebeneinander. Zuerst die „Beat Bar Butzemann“, die vor knapp sieben Jahre eröffnet hat. Charmant heruntergerockt, das Interieur auf Flohmärkten zusammengekauft, die Wände tapeziert mit Comics, Filmplakaten, Magazinseiten und Street Art. Am Samstagabend ist der Laden rappelvoll. Studenten, Lebenskünstler, Normalos. Im Hintergrund läuft Rockiges, man trinkt Bier, dreht  Zigaretten, lacht. Hinten spielen drei Typen Tischfußball.

Vor der benachbarten Shisha-Bar „1001 Nacht“ ein paar Meter weiter stehen fünf Halbstarke und lassen eine Selbstgedrehte  kreisen. Einer nach dem anderen spuckt auf den Boden. Drinnen sitzen junge Menschen, trinken Cocktails, rauchen Wasserpfeifen. Lange beherbergten die Räumlichkeiten die Mon Petit Bar, jenes aus der Zeit gefallene Animierlokal, das zuletzt noch mit dem Slogan „Genießer kennen uns“ für sich warb. Daneben ein Dönerladen, dann der Concept Store „Take Care“. Durch das große Schaufenster sieht man Kleidung an Stangen hängen, auf einem Tisch steht eine Kiste mit Schallplatten. Viel Raum, viel Weiß, viel Liebe zum Detail. „Der Stühlinger ist gerade das spannendste Viertel“, sagt Nicole Hermann, 32, die den Laden  mit einer Freundin Anfang September eröffnet hat.  Die beiden sind gelernte Grafikerinnen und gebrauchen die Multiboutique gleichzeitig als Designbüro. Nebenan stehen auf einem Tisch zwei iMacs.



Die Eschholzstraße erfüllt viele Voraussetzungen einer Szenemeile. Nirgends in Freiburg wohnen so viele 20- bis 35-Jährige wie in den beiden Bezirken ober- und unterhalb der Straße, Alt-Stühlinger und Stühlinger-Eschholz (42 Prozent). 63 Prozent wohnen hier alleine, 65 Prozent sind ledig, nur neun Prozent haben Kinder. Die beiden Bezirke sind überdurchschnittlich stark besiedelt und verfügen über so gut wie keine Hochhäuser. Ein Drittel der Einwohner haben einen Migrationshintergrund. „Hier lebt der Student neben dem Arbeiter, der Professor neben dem Ausländer“, sagt Reiner Probst, Vorstandsmitglied des Bürgervereins Stühlinger. Der 64-jährige Architekt wohnt seit zwölf Jahren hier, er macht vier Faktoren dafür verantwortlich, dass der Bezirk immer mehr Studenten, Kreative und Bohemiens anzieht: Zentrumsnähe, Ursprünglichkeit, autarke Infrastruktur und interessante Architektur.

Im Josefstüble schräg gegenüber sieht die Eschholzstraße anders aus. Butzenscheiben, Häkelgardinen, dunkles Holz. Zwei Männer füttern Spielautomaten mit Geld, drei Frauen sitzen am Tresen, trinken Bier und rauchen Marlboros. Die Gespräche kreisen ums Wetter, die neue Bettwäsche vom XXXL-Möbelhaus und den geplanten Urlaub auf Mallorca. Früher seien hier noch viele Senioren hingekommen, sagt die Wirtin. Aber seitdem das „Stüble“ eine Raucherkneipe ist und kein Essen mehr serviert, bleiben sie aus.

Auf dem Weg zurück zu Schmitz Katze liegen viele aufregende Orte. Das Brasil ist der unspektakulärste von ihnen, aber immerhin bekommt man hier gutes Essen und gute Cocktails. Vorbei an der Hansjakob Realschule, der Hebelschule und der Freien Tankstelle gelangt man zum  Gewerbehof. Ein kunstvoll geschmiedetes Tor führt auf ein weitläufiges  Areal. In den vergangenen Jahren haben sich hier Kleinbetriebe und (Kunst-)Handwerker niedergelassen.

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Das Theater der Immoralisten ist hier zuhause, den Sommer über prägte sein kleines Riesenrad den Hof. Hinten hat im Juni das Café Corosol eröffnet, tagsüber essen hier die Kreativen aus dem Kulturpark zu Mittag, abends besteigen Singer-Songwriter und Blues-Musiker die Bühne. Wieder auf der Eschholzstraße, passiert man das Jugendzentrum LetzFetz, dann das Kulturzentrum E-Werk. Dieses wirkt seit seiner Sanierung zwar ein wenig elitär, und das neue, ihm eingegliederte Restaurant La Centrale wartet mit entsprechend hohen Preisen auf. Der Vielfalt jener Meile tut dies aber keinen Abbruch, und das Furioso gegenüber gleicht derartige Allüren spielend aus: Pasta zu Kampfpreisen, Live-Musik zwischen Jazz und Punk, Fußballspiele auf einer Großleinwand, ein Kicker und eine Dartscheibe.

In einem Kabuff gegenüber von Schmitz Katze sitzt Claus Müller. Nacht für Nacht bewacht der 43-Jährige von dort aus das Gelände der Schwarzwald-Milch –  und beobachtet das Treiben auf der anderen Straßenseite. „Die sind friedlicher als im Bermuda-Dreieck“, sagt Müller. „Und älter.“ Um Mitternacht ist die Schlange vor Schmitz Katze 50 Meter lang,  Verhältnisse wie vorm heimlichen Vorbild der „Katze“, dem Berliner Kult-Club Kater Holzig. Bald soll es hier auch tagsüber rappeln. Am Montag haben Ehret und Gut hier ein Burger-Restaurant eröffnet, im Winter wollen sie einen alternativen Weihnachtsmarkt aufbauen. „Die Eschholzstraße und ihre Verlängerung durch die obere Haslacherstraße entwickelt sich gerade zum ersten Freiburger Kiez“, sagt Ehret. Und weiß, dass er und Gut daran nicht ganz unbeteiligt sind.

Der Freiburger Stühlinger

"Hinter dem Bahnhof" nannten die Freiburger jene Gegend zuerst, welche die Stadt ab 1860 anfing zu bebauen. Große Firmen ließen sich hier nieder, und mit ihnen ihre Arbeiter. Um 1900 entstand die Eschholzstraße, immer mehr Studenten, Künstler und Kunsthandwerker zogen hinzu. Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile des Stühlingers zerstört; in der Eschholzstraße reihte sich ursprünglich eine Jugendstilfassade an die andere.

Heute zieht der Stadtteil vor allem junge und junggebliebene Erwachsene an. Sie finden hier alles, was sie zum Leben brauchen: Arztpraxen, (internationale) Supermärkte, Dönerbuden, Cafés, Bars und Kneipen, Secondhandshops, Fahrradläden, Tattoostudios, Frisöre, Parks, Kirchen, eine Moschee und eine Sparkasse. Kinder gibt es hier nur wenige. 

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Mehr dazu:

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  • http://fudder.de titel=""> fudder: http://fudder.de titel=""> Neueröffnung: Schmitz Katze (Fotogalerie)
  • fudder: http://fudder.de titel="">Neueröffnung: Take Care
  • fudder: http://fudder.de titel="">Neueröffnung: 1001 Nacht
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  • fudder: http://fudder.de titel="">Neueröffnung: Der Slow Club
[Illustration: Karo Schrey]  

Fotogalerie: Florian Forsbach

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