Die Erfolgsgeschichte eines Kriegsflüchtlings, der Zweitliga-Volleyballtrainer in Freiburg wurde

Matthias Kaufhold

In Adnan Mehmedovics Heimatstadt Brcko verdichtete sich der Bosnienkrieg wie in einem Brennglas. Er floh, über Tschechien kam er nach Bayern, von dort nach Freiburg. Heute ist er Volleyballtrainer der 1844 Freiburg, seine Mannschaft spielt zweite Liga. Eine Erfolgsgeschichte.



Stinknormal. Es soll Menschen geben, die fassen diese Lebensweise als Beleidigung auf. Wo leben wir eigentlich? In einem Land, das Krieg seit zwei Generationen nur vom Hörensagen kennt. Stinknormal. Nichts ersehnte sich Adnan H. Mehmedovic mehr, als er Ende Mai 1993 in einem klapprigen Bus über die deutsch-tschechische Grenze in den Bayerischen Wald rumpelte. In ein Land, dessen Sprache ihm fremd war. Und das er bis dahin nur vom Hörensagen kannte.


Alles hatte der damals 26-jährige Bosnier zu diesem Zeitpunkt hinter sich gelassen: seine Eltern, seinen Bruder, seine Heimatstadt Brcko, seinen Beruf als Veterinärtechniker (Assistent für Tierärzte), sein Dasein als Volleyballer. Und den Krieg. Nur aus diesem Grund hatte Mehmedovic die Taue zu seinem bisherigen Leben gekappt. Und dass er heute in Freiburg fest verankert ist, als Deutscher mit seiner Frau Angelika und den Söhnen Adrian und Fabian, als Altenpfleger im Hauptberuf und ehrenamtlicher Assistenztrainer aus Leidenschaft beim Zweitligisten 1844 Freiburg, das hat er wohl tatsächlich jener integrativen Kraft des Sports zu verdanken, die Brücken baut, wo bislang keine waren.

In Brcko verdichtete sich der Krieg wie in einem Brennglas

"Der Sport war mein Kapital", sagt Mehmedovic heute. Das galt schon für den ersten Schritt hinaus aus dem vom Krieg erschütterten Brcko, damals, im Frühjahr 1992, als im Zuge des Zerfalls von Jugoslawien die Kämpfe zwischen den bewaffneten Volksgruppen der (muslimischen) Bosnier, (orthodoxen) Serben und (katholischen) Kroaten eskalierten. "Früher wusste keiner, wer wer ist", sagt Mehmedovic, "dann riss es die Gesellschaft auseinander". In Brcko, der Stadt an der Save im Dreiländereck von Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina, verdichtete sich der Bosnienkrieg wie in einem Brennglas. In der topographisch und strategisch bedeutsamen Region waren alle drei Ethnien vertreten, hier wütete im April und Mai 1992 der Kriegsverbrecher Goran Jelisic. Der selbsternannte "serbische Adolf" vertrieb große Teile der mehrheitlich bosniakischen und kroatischen Bevölkerung aus der Stadt.

"Das war nicht mein Krieg. Ich habe mich zu keiner Seite zugehörig gefühlt", sagt Mehmedovic. Seine bosniakische Familie lebte in ständiger Angst. Und Adnan, den alle, die ihn kennen, bis heute nur "Dile" (frei übersetzt: Omas Liebling) nennen, entschied sich, seine Volleyballkontakte zu nutzen, um dem Grauen zu entfliehen. Als Zuspieler der Volleyballer von Brcko, die zwischen der ersten und zweiten jugoslawischen Liga pendelten, hatte er mit dem gleichaltrigen Nationalspieler Ljubisa Ristic, der später den VfB Friedrichshafen zu Meisterschaft und Pokalsieg schmettern sollte, Eindruck hinterlassen. Deshalb durfte er im Juli 1992 nach Serbien ausreisen, um beim Erstligisten Novi Sad die Bälle zu verteilen.

Er blieb eine Saison, ehe sich Bekannte meldeten, die nach Deutschland geflüchtet waren. Seine Freunde kratzten 1000 D-Mark zusammen und ermöglichten ihm damit eine verschlungene Busfahrt durch den Balkan über Österreich ins tschechische Grenzgebiet nahe Pilsen. Es war die Zeit, als im wiedervereinigten Deutschland die erste große Flüchtlingswelle einsetzte. Die Bundesrepublik nahm in den 90er Jahren etwa eine halbe Million Bürgerkriegsflüchtlinge vom Balkan auf, darunter etwa 350 000 Bosnier.

Für Deutschland hatte Mehmedovic kein Visum. Doch er hatte Glück: Die deutschen Grenzbeamten kamen bei der Zuordnung der Einreisepapiere durcheinander. Und so tuckerten neun Personen mit acht Visa in das Land, das eine sichere Zuflucht versprach. Weil Bayern damals Ex-Jugoslawen keine Bleibe mehr erlaubte, kaufte sich der Bosnier ein paar Tage später in München ein Zugticket und fuhr zu Freunden nach Freiburg.

"Im Krieg wusstest du nie, wer da an deine Tür klopft."

Fortan lebte er hier als Geduldeter, dessen Status bis zu seiner Heirat 1996 alle sechs Monate verlängert werden musste. Einen Asylantrag stellte Mehmedovic nicht. "Wer hier eine negative Antwort bekam, musste gleich raus", begründet er dies. Doch er atmete auf. Die Angst war weg, die Angst um sein Leben. "Im Krieg wusstest du nie, wer da an deine Tür klopft und dich rausholen will." Nun freute er sich, "einfach normal zu leben".

Und dabei half ihm der Sport. Sein bosnischer Landsmann Mustafa Travljanin, der damals für 1844 Freiburg in der Regionalliga zuspielte, vermittelte ihn zum Ligakonkurrenten TB Bad Krozingen, später wechselte er zum USC Freiburg, dann zu 1844. Vielleicht hätte der Karriereweg Mehmedovic noch in die Bundesliga geführt, wäre er durch einen Achillessehnenriss beim Freiburger Weihnachtsturnier 1993 nicht für ein halbes Jahr auf Eis gelegt worden. Auch hier half die Volleyball-Community: Seine spätere Frau Angelika Schmähling, die für den USC ans Netz ging, sorgte für einen längeren Reha-Aufenthalt bei ihren Eltern in Sonthofen.

Volleyball verhinderte für den Zugezogenen in fremder Umgebung den totalen Identitätsverlust. "Volleyball war die einzige Sprache, in der ich mich wiederfand", sagt Mehmedovic rückblickend. Und wie gut er sich in dieser Sprache ausdrücken konnte, zeigten die folgenden Jahre: Bis zu seinem Rücktritt als Aktiver 2008 mit 41 Jahren gehörte Mehmedovic mehr als ein Jahrzehnt entweder fest zum Kader der ersten Mannschaft von 1844, oder er leitete als Spielertrainer der zweiten Mannschaft Nachwuchskräfte an. Kein Freiburger Volleyballtalent, das nicht durch seine Hände ging, ehe er sich 2008 auf die Rolle des Assistenten von Spielertrainer Wolfgang Beck beschränkte. "Dile war ein unglaublich guter Spieler", sagt Beck über seinen Kompagnon, "er besitzt unglaublich viel Sachverstand und hat das Spiel verstanden".

Raus aus Bosnien, rein in deutsche Pflegeberufe

Brcko war anfangs ganz weit weg. Erst 1996 gab es ein Wiedersehen mit seiner Familie, die den Krieg lebend überstand. "Viele Freunde und Bekannte hatten nicht so viel Glück", räumt Mehmedovic ein. Einmal pro Jahr besucht er noch seine Mutter in der alten Heimat. Der Bruder hat sich eine Existenz in den USA aufgebaut, auch wegen der fehlenden Perspektive in einem Land, das einfach nicht auf die Beine kommen will. "In Bosnien ist es eigentlich wie im Krieg", sagt Mehmedovic, "nur dass nicht gekämpft wird".

Und so treibt es sie raus aus diesem Land, rein in medizinische und pflegerische Berufe, weil diese in der immer älter werdenden Wohlstandsgesellschaft Mitteleuropas zunehmend gesucht werden. Anders ist der Sprung nach Deutschland praktisch aussichtslos, seit die Westbalkanstaaten durch die Asylgesetzgebung als sicherere Herkunftsländer gelten.

Mehmedovic will aus Deutschland nie mehr weg – im Gegensatz zu den meisten der damaligen Balkanflüchtlinge, die nach Kriegsende wieder in ihre alte Heimat zurückkehrten. Er hat in Südbaden Wurzeln geschlagen, in einer Region, in der er niemals wegen seiner Herkunft angegiftet wurde. Was vielleicht auch an ihm selbst lag: "Ich habe mir immer selbst den Druck gemacht, dass ich nicht angreifbar bin", sagt er. "Ich habe mir alles erarbeitet, nichts geschenkt bekommen." Es gibt eine griffige Formel für diese Haltung: typisch Deutsch.

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