Die ehemaligen Schulkameraden - eine Typologie

Johanna Schoener

Wiedersehen macht Freude. Und je weiter das Abi in die Ferne rückt, umso spannender wird es, die Schulkameraden wieder zu treffen. Ist A verheiratet? B schon zum zweiten Mal schwanger? Hat C immer noch diese fiese Akne? Hat X sich endlich die Haare abgeschnitten und ist Y tatsächlich schon Betriebsratsvorsitzender? Hat sich überhaupt irgendwas verändert oder sind es nicht doch die selben Typen, die einem beim fünfjährigen Abi-Nachtreffen bierselig mit rotem Gesicht gegenüber sitzen? Ich war da und konnte mir eine Typologie nicht verkneifen.

Die Tratschtante

“Hey Süße, ich freu mich ja so dich wieder zu sehen!”, kreischt sie durch den halben Saal, während sie aufgeregt nach allen Seiten schielend auf mich zu stürzt. Bussi links, Bussi recht, Bussi auf den Mund . Das Begrüßungsritual aus der achten Klasse hatte ich ganz vergessen. Schon raunt sie mir zu. “Boah, hast du schon gesehen, wie fett die Tina geworden ist?" Ich verkneife mir eine Bemerkung über ihren verdächtig engen Minirock und kümmere mich darum, meine Tasche möglichst weit von dem Ort, den sie ansteuert, zu platzieren. Das geht ja gut los. Zum Glück kommt in dem Moment

Der Weltenbummler

und setzt sich neben mich. Erst hätte ich ihn kaum erkannt, denn von seinem Gesicht ist vor lauter Haaren wenig zu sehen. “Voll der Zufall, dass ich grad im Lande bin”, leitet er das Gespräch ein, “ich bin letzte Woche erst aus Südamerika zurückgekommen und davor war ich?”. Nach zwei Bieren beginne ich die Kontrolle über mein Kopfnicken und die erstaunten oh!- und ah!-Rufe zu verlieren und sehne mich nach der Tratschtante. Außerdem habe ich Hunger. Als der Traveller an dem Punkt ist, wo er mir erzählt, dass er sich in Deutschland eh nicht mehr zurechtfindet, hier einfach alles scheiße sei und er sich überlegt, einen Öko-Bauernhof in Brasilien aufzumachen, überlasse ich ihn seinem Schicksal und reihe mich in die Schlange am Büffet ein. Neben mir steht...

Die Karrieretussie

im schicken Blazer, aber ansonsten ganz lässig, schließlich hat man es nicht nötig, seinen Erfolg so rauszuhängen. Während sie angewidert die Tortellini aus der viel zu fettigen Käse-Schinken-Soße fischt, erzählt sie, dass sie seit einem halben Jahr russisch lernt. Und das in Kombination mit ihrem einjährigen China-Aufenthalt macht sie selbstredend unverzichtbar für die Unternehmensberatungsagentur, in die sie gerade einsteigt. Sie ist eigentlich nur gekommen, um sich und allen Anderen zu beweisen, dass sie es als Einzige wirklich drauf hat. Ich genehmige mir einen extra großen Schlag Sahnesoße und erinnere mich an den letzten Satz, der nach dem Abi von ihr zu vernehmen war: “Ich bin so froh, dass in meinem Studiengang nur Leute mit 1,0-Abi sein werden.” Schnell steuere ich den lautesten Tisch im Raum an, an dem sich die Clique versammelt hat, die die ganze Oberstufe saufender Weise miteinander verbracht hat.



Der Daheimgebliebene

sitzt mit roter Nase und roten Ohren im Kreis seiner Kumpanen und nach zehn Minuten fühle ich mich vollkommen zurückversetzt in die Zeit kurz vor dem Abitur. Er hat die selben Kumpels wie früher, geht jedes Wochenende in die selbe Kneipe, spielt im selben Fußballverein, wohnt im schlimmsten Fall noch bei seinen Eltern, studiert oder arbeitet auf jeden Fall irgendwo im Umkreis von 30 Kilometern und spricht ? wen wundert es ? über die selben Themen wie früher. Das ist herrlich und vermittelt Heimatgefühle. Wir verstehen uns, als hätten wir in den letzten Jahren jede Woche unser Feierabendbierchen zusammen gezischt, bis er mich fragt, wo es mich hin verschlagen hat. “Nach Baden-Württemberg, was willst du denn da?” Unverständnis auf beiden Seiten und danach zieht er es vor, mit den anderen Daheimgebliebenen über die weitere Wochenendplanung zu sprechen. Okay, es ist Zeit für

Die beste Schulfreundin

Ganz ehrlich, sie sieht super aus und nach zehn Minuten quatschen wir wie eh und je. Ich find sie einfach toll und sie mich und keiner ist sauer, dass man viel zu selten telefoniert. Ich bin so erleichtert, endlich mal keinen Small-Talk machen zu müssen und freue mich, dass es das wirklich gibt, dass man einen Menschen jahrelang nicht gesehen hat und sich allen Veränderungen zum Trotz noch auf der gleichen Wellenlänge befindet. Leider wird unser Gequassel unterbrochen.

Der Aufschneider

pflanzt sich in unsere ? wie er sagt ? “goldene” Mitte. In der Zeit, in der andere Leute allenfalls mit Ach und Krach ein Studium hinkriegen, hat er angeblich eine Banklehre gemacht, Jura studiert, ein Buch geschrieben, Haus und Hund gekauft und wochenends eine Diskothek geleitet. Wer’s glaubt, wird selig. Schon zu Schulzeiten war bekannt, dass 80 Prozent seiner Geschichten auf Wunschdenken beruhen. Und beim Überprüfungsgooglen am nächsten Tag landet man in besagtem Verlag, der sein Buch veröffentlicht hat, natürlich keinen Treffer. Tja, nicht jeder kann aus seiner Haut, aber es gibt Gegenbeispiele wie

Die frühere graue Maus.

Erst auf den zweiten Blick habe ich sie erkannt. Wo einst ihre überdimensionierte grün-blau gestreifte Brille ins Auge stach, überrascht jetzt ihr offener Blick. Sie geht so selbstverständlich auf die Leute zu, wie sie sich früher in der Pause auf die letzte Bank verzogen hat. “Ich glaub’, ich musste einfach aus diesem Kaff raus”, erzählt sie, die jetzt in einer Haus-WG in Berlin wohnt und freie Kunst studiert. Ich erinnere mich mit schlechtem Gewissen an die fiesen Zettelchen, die in Latein durch die Bänke gewandert sind und an ihre geduckte Haltung, wenn sie bei ihr in der ersten Reihe ankamen. Wie gut, dass die Schule einen nicht zwangsläufig für’s Leben prägt.

Der Verheiratete

Zu vorgerückter Stunde ? inzwischen haben wir für 800 Euro Freibier versoffen ? gibt es dann endlich noch eine kleine Sensation. Ausgerechnet der Typ, der zu Schulzeiten seinen Computer jeder Frau vorgezogen hätte, ist seit zwei Wochen unter der Haube. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Saal. Ob seine Alte schwanger ist, wird gemutmaßt. Er hält sich bedeckt und ist sichtlich genervt von dem Aufhebens um seine Person, er tut zumindest so. Ich hab’ den Verdacht, dass er die Aufmerksamkeit genießt, schließlich hätte ihm keiner zugetraut, dass er der Erste sein wird, der sich traut.

Ich hab an dem Abend noch viele Typen getroffen, zum Beispiel den Ex-Freund, der endlich wissen wollte, warum es damals gescheitert ist, den ehemaligen Klassenlehrer, der um zwei Uhr nachts endlich bereit wahr, die Wahrheit ? und nichts als die Wahrheit ? über das Lehrerkollegium auszuplaudern, die Streberin, die gerade ihr Jurastudium abgebrochen hat und nach drei Stunden auf Nimmerwiedersehen auf dem Klo verschwunden ist, den Matheleidensgenossen, der jetzt erfolgreich Physik studiert und so weiter. Nachdem wir uns dann beim Abi-Lied grölend in den Armen lagen ? “die Zeit mit euch war wunderschön” ? gab es zum Glück noch

Die Realistin.

Die war nämlich mit dem Auto da und hat mich nach Hause gefahren. Zum Abschied hat sie gesagt: “Bis zum nächsten Mal, ich wünsch dir schöne fünf Jahre”. Als eine der wenigen hat sie mir nicht gesagt, dass wir uns unbedingt mal treffen müssen, hat mir nicht ihre E-Mail-Adresse zugesteckt und nicht gesagt, dass sie sich melden wird ? deshalb Realistin. Und ganz ehrlich: Es ist völlig okay, die meisten von diesen Typen erst in fünf Jahren wieder zu sehen. Ich bin jetzt schon gespannt drauf.