"Die deutsche Mentalität wirkt auf mich streng" – Thomas Petritsch von Granada im Interview

Bernhard Amelung

Sprachen haben Thomas Petritsch schon immer interessiert. Am Freitag tritt er mit seiner Band Granada beim Ahoii Festival im Jazzhaus auf. Ein Interview über Dialektwörter, deutsch-österreichische Mentalitätsunterschiede und Pina Colada.

Welche drei Wörter muss ich kennen, um in Graz als Einheimischer durchzugehen?

Petritsch: Gspritzter oder Mischung, das bedeutet Weißweinschorle. Dann brauchst du noch passt, das Pendant zu eh okay, und vielleicht auch noch lässig.

Warum hast du dich für diese Wörter entschieden?

Petritsch: Ich habe nicht viel nachgedacht. Ich habe spontan umgangssprachliche Wörter gewählt, die man in der Region Graz öfters verwendet. Sicher habe ich welche vergessen, die noch besser wären. Aber wenn man nach Graz ziehen möchte, kommt man mit diesen drei Wörtern schon ganz schön weit.

Gspritzter, lässig und passt klingen sehr entspannt. Wie locker ist die Stadt Graz?

Petritsch: Graz ist die zweitsüdlichste Landeshauptstadt in Österreich. Wir haben viele Sonnentage im Jahr. Das alleine macht ganz viel aus. Zudem sind Slowenien und Ungarn nicht weit weg. Da vermischen sich Kulturen und Mentalitäten, was zum Flair von Graz ganz viel beiträgt.



Jetzt darfst du die Bedeutung alemannischer Wörter erraten. Was heißt wunderfitzig?

Petritsch: Ich kenne nur Wunderwitz, aber das meinst du bestimmt nicht. Wundersam ist es sicher auch nicht. Wunderbar vielleicht?

Es bedeutet neugierig. Jetzt übersetze mir schibutzig.

Petritsch: Schibutz, schibutzi, schibutzig. Dieses Wort hat für mich einen jiddischen Beiklang. Stimmt das? Was es heißt, weiß ich allerdings nicht.

Schibutzig heißt im Alemannischen so viel wie schüchtern. Was heißt anehure?

Petritsch: Oh weh! Heißt das vielleicht anhören, reinhören?

Anehure ist Alemannisch für hinknien. Die Songs auf eurem Debütalbum sind auch in Mundart verfasst. Woher kommt die Begeisterung für Dialekt?

Petritsch: Sprachen haben mich schon immer fasziniert, auch Dialekte. Ich habe mich schon immer für andere Sprachen interessiert. Als Kind war es für mich immer spannend, im deutschsprachigen Raum auf Reisen zu sein und festzustellen, dass Menschen in anderen Regionen zwar Deutsch oder Österreichisch sprechen, aber es ist eine andere Sprache als meine Sprache. Sprache hat etwas Verbindendes und gleichermaßen Trennendes.

Und jetzt konkret für dich als Musiker und Sänger?

Petritsch: Lange Zeit hat in der deutschen Popmusik, also vor allem im Format Radio-Musik, dieses Deutsch-Deutsche dominiert, also diese vom Norddeutschen ausgehende Schriftsprache. An dieser Nachrichtensprecher-Sprache hat man sich einfach satt gehört. Ich bin aufmerksam geworden auf die Diversität und die Möglichkeiten, die einem die Sprache gibt. Wer in seiner Mundart singt, hört sich ganz eigen an, aber man versteht ihn trotzdem noch.

Davor hast du für deine Band Effi englischsprachige Songs geschrieben. Wie bist du jetzt ans Songwriting heran gegangen?

Petritsch: Am Anfang war das gar nicht so einfach. Da ich englische Texte geschrieben und gesungen habe, habe ich zunächst auch bei Granada in englischer Sprache gedacht. Ich tat mir schwer, die eigene Sprache in die Songs zu bringen. Ich habe mich deshalb beobachtet, welche Sprache ich eigentlich im Alltag spreche. Darauf aufbauend habe ich meine Sprache für die Songs entwickelt.

Aber ich habe mir nicht allzu viele Gedanken gemacht, wie ich die Wörter auszusprechen habe. Meine Songs kommen ja von innen heraus. Man macht sich am Stammtisch oder wenn man mit Freunden unterwegs ist auch keine Gedanken. Man spricht, wie man fühlt. Deshalb ist die Sprache bei Granada auch so, wie ich sie im Alltag benutze. Eine urbane Sprache, die Elemente der Grazer und Wiener Mundart enthält.

Meine Songs kommen von innen heraus. Thomas Petritsch

Wie sind die Songs entstanden, auch aus einem Gefühl heraus?

Petritsch: Die Songs sind eigentlich alle mit Gitarre entstanden. Man sitzt da, spielt ein paar Akkorde, hat eine gute Textpassage im Kopf oder Wörter, die gut klingen und die einem gefallen. Am Anfang ist ein Song eh ein Kauderwelsch. Die Geschichten ergeben sich dann schon aus dem Inneren heraus, die erst im Laufe der Produktion fertig werden. Es gibt aber immer einen Kern, der von einem Gefühl ausgelöst wird.

Was für ein Gefühl hattest du, als du "Palmen am Balkon" geschrieben hast?

Petritsch: Ich habe für diesen Song gar nicht so lange gebraucht. Ich habe angefangen, zu singen, und das Gesungene niedergeschrieben. Das war dann für mich stimmig. Ich hatte die Grundidee, das Bild vom Urlaub und Zuhausebleiben, dazu noch das Spiel mit dem Spruch "I bin eh am Sand". Das heißt so viel wie "in miserabler Verfassung sein". Diese Gegenüberstellungen haben mich sehr amüsiert.



Trotzdem wirkt das Lied, als ob der Sänger zufrieden ist.

Petritsch: Das geht schon von einem Gefühl der Zufriedenheit und Gelassenheit aus.

So, wie es auch der Satz "das geht sich schon aus" ausdrückt?

Petritsch: So kann man das sehen. Ich denke, das ist einfach eine österreichische Mentalitätsgeschichte. Man macht etwas und selbst wenn es prekär wird, denkt man, es wird schon irgendwie gut gehen. Man hat trotz allem immer noch einen positiven Bezug zum Ganzen.

Die deutsche Mentalität wirkt für mich im Vergleich dazu viel strenger. Man ist aufs Analysieren, auf den Punkt bringen und Optimieren aus. In Österreich steht der Laissez-faire-Gedanke schon auch mal im Mittelpunkt.

Was kann jemanden, der so tiefenentspannt wirkt, in Rage bringen?

Petritsch: Der Straßenverkehr und rücksichtsloses Verhalten im Allgemeinen. Das macht mich wahnsinnig.

Wie kommst du dann runter?

Petritsch: In Alltagssituationen legt sich das schnell. Ich merke schnell, wenn es sich nicht lohnt, sich über etwas aufzuregen.

Und dann trinkst du eine Pina Colada wie im gleichnamigen Song?

Petritsch: [lacht]



Um bei diesem Song zu bleiben. Textlich hat er durchaus das Potenzial zum Schlager. Wieviel Schlager darf denn Popmusik enthalten?

Petritsch: Schlager ist eigentlich ein Wort, das negativ konnotiert ist. Aber in den Fünfziger- und Sechzigerjahren gab es großartige Songs, die heute unter dem Genre Schlager laufen, die textlich sehr vielfältig sind. Die ein Thema in zweieinhalb Minuten auf den Punkt bringen und nicht von Pathos und Kitsch durchzogen sind. Deshalb finde ich auch, dass Schlagertexte durchaus super sind. Aber irgendwann ist einfach auch zu viel Pathos.
Termine und Tickets des Ahoii Festivals im Überblick

Was: Ahoii Festival w Dear Reader
Wann: Donnerstag, 19. Oktober 2017, 20 Uhr
Wo: The Great Räng Teng Teng, Grünwälderstr. 6,79098 Freiburg
Vorverkauf: 16,30 Euro, Tickets online kaufen

Was: Ahoii Festival w/ Granada, Animal House
Wann: Freitag, 20. Oktober 2017, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus, Schnewlinstr. 1, 79098 Freiburg
Vorverkauf: 19,70 Euro, Tickets online kaufen

Was: Ahoii Festival w/ Claire, Woman
Wann: Samstag, 21. Oktober 2017, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus, Schnewlinstr. 1, 79098 Freiburg
Vorverkauf: 23,10 Euro, Tickets online kaufen

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