Die Briefkasten-Befüllungs-Maschine

Christian Deker

Mal ist es eine Mercedes C-Klasse, mal ein BMW oder auch ein VW New Beetle. Alle paar Wochen kann man im Untergeschoss des Hauptbahnhofs ein anderes Auto gewinnen. Zurzeit ist es ein schwarzer Mercedes SLK. Es geht ganz einfach: Ein kleines Kärtchen ausfüllen, zum halb geöffneten Fenster in das Auto werfen und vielleicht ist man schon bald stolzer Besitzer des Traumgefährts. Es gibt also Firmen, die verlosen Autos in dunklen Hauptbahnhöfen. Es gibt aber auch Firmen, die machen nichts anderes, als Adressdaten zu sammeln und diese an andere Unternehmen zu verkaufen. Nicht selten wird richtig viel Geld damit gemacht ? manchmal angeblich sogar mehrere Euro pro Adresse. Die Adresshändler lassen sich dafür entlohnen, dass sich hinter den Adressen reale Personen und nicht veraltete Einträge aus dem Telefonbuch verbergen. So kommt die Werbung der Unternehmen auf dem Postweg “sicher” beim Verbraucher an. Der Adressenhandel ist nach deutschem Recht grundsätzlich zulässig. Es gibt nur wenige Ausnahmen: Bei Werbeanrufen über das Telefon muss der Verbraucher zum Beispiel sein Einverständnis gegeben haben. Es könnte sein, dass die beiden Firmen, die Autos verlosen und Adressen sammeln, in Wirklichkeit nur eine Firma sind. Was einen nämlich stutzig macht: Welchen Nutzen hat ein Gewinnspielveranstalter, wenn er ein Auto im Freiburger Hauptbahnhof verlost? Werbung kann es jedenfalls nicht sein, denn rund um das Auto findet sich keine Werbung. Und Mercedes stellt bestimmt keine Luxuskarosse zu Werbezwecken in den dunklen Freiburger Bahnhof.

Es geht hier eindeutig nur ums Geldverdienen: Unter der Tarnung eines tollen Gewinnspiels wird der Verbraucher gelockt, seine Daten an werbetreibende Unternehmen zu “verschenken”. Als Gegenleistung hat er die sehr geringe Chance, ein Auto zu gewinnen. Jede Woche füllen hunderte von Freiburgern die Teilnahmekarten aus, jede Woche bestellen sie sich Werbung frei Haus. Interessant ist, dass auf der Karte neben Adresse und Telefonnummer das Geburtsdatum (als “Glücksnummer” getarnt) abgefragt wird. Warum muss der Gewinnspielveranstalter das Geburtsdatum wissen? Genauso interessant ist, dass man die Teilnahmekarte unterschreiben muss ? wozu braucht der Veranstalter eine Unterschrift? Der Hinweis über dem Unterschriftfeld erklärt es: “Ja, ich wünsche mir telefonisch oder schriftlich weitere Informationen rund um die Themen Lifestyle und Medien [...]. Dies bestätige ich mit meiner Unterschrift.” Sobald eine solche Erklärung unterschrieben ist, ist es auch fast schon zu spät. Denn ein Widerruf der Einverständniserklärung ist nahezu wirkungslos, wenn die Daten bereits an andere Firmen weiterverkauft wurden. Kurze Zeit später trudeln dann nämlich die ersten Werbebriefe im Briefkasten ein und lästige Damen und Herren am Telefon versuchen einem um 21 Uhr Zeitschriftenabonnements aufzuschwätzen. Und diese Firmen geben die Adressen an wieder andere Firmen weiter. Man hat kaum noch eine Chance, seine Adresse gegen Werbung sperren zu lassen. Ein teurer Preis für eine verschwindend geringe Chance auf den Traumgewinn! Die Verbraucherschutzzentrale Baden-Württemberg gibt auf ihren Internetseiten Hinweise, wie man sich vor unliebsamer Werbung schützen kann. Telefonwerbung ohne das Einverständnis des Angerufenen ist wettbewerbswidrig. Ebenso darf keine Werbung in den Briefkasten eingeworfen werden, wenn sich dort ein entsprechender Hinweis befindet. Dies gilt aber nicht für adressierte Briefe ? um deren Erhalt zu verhindern, kann man sich in die Robinsonliste des Deutschen Direktmarketing Verbands eintragen lassen.