Die Breakdancer

Michael Gilg & Tamina Nitschman

Jogginghose, Basecap, Sneakers: Das ist der Dresscode der Freestyle-Tänzer und Breakdancer, die sich dienstags bis donnerstags im Haslacher Jugendzentrum an der Staudingerschule in Freiburg treffen. Bis zu 30 Tänzerinnen und Tänzer feilen dann bei Rap-Musik und speziell für sie produzierten Mixtapes an ihren Moves. Viele von ihnen sind Migranten und neben der Liebe zum Tanz teilen sie auch den tief in der HipHop-Kultur verankerten Wert des respektvollen Miteinanders. Wir stellen sechs von ihnen vor:



Philippe Wohlib aka „Der Philosoph“

Ein kleines schwarzes Büchlein. Das ist Philippes „Black Book“, in das er alles notiert, was ihn auf irgendeine Art inspiriert: Szenen aus Filmen, Passagen von Gedichten, Zitate von Philosophen. „Ein wahrer Meister bleibt immer ein Schüler.“ Das ist seine Grundeinstellung. Ausgelernt hat man nie – und lernen kann man von jedem, egal ob er seit 20 Jahren tanzt oder seit zwei Monaten.

Philippe gehört zu den „alten Häschen“ im Haslacher Jugendzentrum, vor sechs Jahren hat der 21-Jährige mit dem Tanzen angefangen. Hier mal einen Film gesehen, dort Tänzer in der Stadt beobachtet und plötzlich selbst mittendrin, so umreißt der Azubi zum Sport- und Fitnesskaufmann selbst seinen Werdegang als Freestyler.



„Zu viele Tänzer haben heute keine Ahnung mehr von den geschichtlichen Hintergründen der HipHop-Kultur“, findet Philippe, „sie können zwar krasse Moves, aber ihnen fehlt Knowledge“. Darum geht er in die Bibliothek, leiht sich Bücher aus, klickt Videos im Internet und hört genau auf die amerikanische Rap-Musik. „Wenn man die Texte versteht, dann merkt man, dass die Rapper gegen den ganzen Mist ankämpfen, den sie erlebt haben.“

Battles haben ihn schon nach Kroatien, Italien, Frankreich und in die Schweiz geführt. Am Anfang, erzählt Philippe, sei er vor solchen tänzerischen Zweikämpfen sehr nervös gewesen, habe sich tausend Gedanken gemacht. „Und genau das ist der Fehler. Man muss sich einfach auf den Moment einlassen und nicht groß darüber nachdenken.“ Ihn fasziniere, dass man durch Tanz seine Persönlichkeit ausdrücken könne, ganz ohne Worte. Sechs Tage die Woche trainiert er dafür. Auch beruflich könne er sich das gut vorstellen: Als Tanztrainer mit Jugendlichen zu arbeiten. Und eines ist ohnehin klar: „Einmal muss ich in die New Yorker Bronx. Dort liegen die Anfänge der HipHop-Kultur. Ein Besuch dort wäre bereichernd für mich.“



Tarek El-Khalil aka „Der Zögling“

Zuhören und lernen. Respekt zeigen. Ziele erreichen. Tarek, 15 Jahre alt, geht in die achte Klasse der Staudinger-Gesamtschule. Seine Zukunft, sagt er, liege schon klar vor ihm: Anstrengen für den Realschulabschluss, dann die Ausbildung zum Traumberuf Automobilkaufmann. Und natürlich weiter tanzen.

Seit einem guten Jahr ist Tarek als Tänzer aktiv, über einen Kumpel kam er ins Haslacher Jugendzentrum. Seine Eltern, die aus dem Libanon stammen, unterstützen ihn bei seinem Hobby, dem er meist direkt nach der Schule nachgeht. Eigentlich jeden Tag der Woche.

Zunächst hatte er Klischees von Standardtanz und reiner Frauensache im Kopf, sagt Tarek, aber da war er auch noch Fußballer. Bis ihm das ein bisschen zu langweilig wurde – und er Islam Seddiki kennenlernte. „Er ist mein Lehrer, aber auch mein Mentor. Er hat mir beigebracht, dass man aus ganz verschiedenen Motivationen heraus tanzen kann: Aus Spaß, aus Liebe zur Musik oder um Aggression zu kanalisieren.“

Es schwingt viel Respekt mit in seinen Erzählungen. Respekt für Islam Seddiki, „der auch zu den Eltern geht und mit ihnen spricht, falls sie Fragen haben oder etwas nicht erlauben wollen“. Respekt für all die anderen Tänzer und seine Spätz-Crew, „denn untereinander sind wir alle wie Brüder, ganz so, wie es die HipHop-Kultur vorsieht“.

Und diesen Respekt trage er auch aus dem Tanzraum hinaus ins echte Leben. „Auf der Nase lasse ich mir nicht herumtanzen. Aber ich bleibe normal und raste nicht aus.“



Veronica Maggiore aka „Die Schüchterne“

Ein bisschen hat sich Veronica in den vergangenen Jahren vor dem echten, dem spontanen Tanzen gedrückt. Nicht, dass sie gar nicht getanzt hätte. Sie war sogar lange in einer Tanzschule aktiv, „aber da haben wir eine vorgegebene Choreographie gelernt und dann einfach nachgetanzt“. Individueller Input? Sehr gering.

Und genau deswegen hat es die 16-jährige Wirtschaftsschülerin, die sich als schüchtern beschreibt, auch Überwindung gekostet, zum Freestyle-Tanz ins Haslacher Jugendzentrum zu gehen. „Ich dachte mir, dass mich die anderen vielleicht auslachen, weil ich noch nicht so viel draufhabe wie sie.“ Vier Monate ist das jetzt her – und die Angst vollkommen unbegründet. Auch Veronica spricht vom Respekt, den sich alle untereinander zollen. „Hier wird viel miteinander geredet und daher habe ich auch schon mehr gelernt als in der Tanzschule“, erzählt sie. Roboterhafte Bewegungen oder Breakdance-Moves auf dem Boden sind nicht so ihr Ding. Sie mag eher Freestyle.

Das setzt Kreativität und Lust auf Neues voraus. Aber Veronica ist tänzerisch selbstbewusster geworden. Typisch italienisch, wie ihr Vater sagt. Ihr nächstes Etappenziel weist genau in diese Richtung: „Ich will bei einem Battle antreten. Das gibt noch mal einen Kick.“



Charlene Cisse aka „Die Flowerin“

„Tanzen“, sagt Charlene, die im Haslacher Jugendzentrum alle nur Charly nennen, „ist mehr als ein Hobby, es ist eine Lebenseinstellung“. Schon wieder fällt das Wort Respekt. „Wir sind total multi-kulti hier, jeder wird genommen, wie er ist: egal ob dick, hässlich, schwul, egal aus welcher Kultur man stammt.“

Ihre Familie ist halb afrikanisch, halb australisch, Charlene besitzt auch einen Pass aus „Down Under“. Dort hat sie bis zu ihrem fünften Lebensjahr gewohnt, in Perth, an der Westküste Australiens. Und nun halt Denzlingen, „nicht zu vergleichen“, lacht sie.

Für die Berufsschülerin ist der Tanz ein Ventil: „Ich packe alles rein, was in mir so abgeht. Und auch wenn es mir vor dem Tanzen schon gut geht, ist es danach noch besser.“ Früher hat sie sich über den Gesang ausgelebt, seit fünf Monaten nun über den Tanz. Klar, sagt sie, man könne viele Techniken erlernen, aber wichtig sei doch einfach, dass man auf die Musik höre und im Moment flowe. Und sich nicht unterkriegen lasse – so wie der Rapper Eminem, den sie auf ihrem T-Shirt trägt. „In seinem Film 8 Mile ist er der einzige Weiße unter vielen Schwarzen und findet den Weg nach oben, weil er als Musiker etwas draufhat und einfach dranbleibt.“Auch darum ist sie dem Haslacher Jugendzentrum dankbar: Hier könne man seinen Traum verfolgen, und das alles kostenlos.



Marc Grimme aka „Der Profi“

Wählerisch ist Marc nicht. Der 19-Jährige holt sich aus jeder Tanzart Inspiration, egal ob Ballett, Jazz oder Modern Dance. Daraus bastelt er sich seinen eigenen Style zusammen. Tanzen, den ganzen Tag – für Marc ist das Alltag. Er macht die Ausbildung zum professionellen Bühnentänzer bei Dance Emotion in Freiburg. „Ich will so komplett werden wie möglich“, sagt er.

Seine Tanzlehrerin behaupte immer, dass Frauen die besseren Tänzer seien. Weil sie mehr Kurven haben. So will Marc das aber nicht stehen lassen. „Klar, der Stil von Frauen ist weicher, eleganter. Männer tanzen mit mehr Kraft, aber auch statischer. Ich habe das aber auch schon andersrum gesehen.“ Marc feilt an seinen Moves auch noch in seiner Freizeit, mitunter auch in Discos. Überall dort, wo HipHop-Partys sind. Mit jedem Tänzer verstehe man sich auf Anhieb gut, sagt er, „da ist sofort eine Verbundenheit“.

Anderthalb Jahre dauert seine Ausbildung noch. Für den Tanz hat er seine andere große Leidenschaft, den Fußball, aufgegeben. „Mit 16 ging es immer hin und her in meinem Kopf: Ich war ein guter Kicker in der Verbandsliga, aber auch gut im Tanzen. Und irgendwann hat der Tanz mich mehr angezogen.“ Nicht verwunderlich, sagt Marc, dass nun alle Liebe in seinen Beruf fließe, der früher (nur) ein Hobby war.



Islam Sedikki aka „Der Mentor“

Eine radikale Neuerfindung. Eine, ausgelöst durch eine Sanktion. Islam Seddiki war kein guter Junge. Einer, der viel mit der Polizei zu tun hatte. Mehrere Anzeigen wegen Körperverletzung und Diebstahl. „Ich habe viel Mist gebaut in meinem Leben. Meine Eltern, die aus Algerien stammen, wussten nicht mehr weiter mit mir.“ Weil er minderjährig war, kam er mit Sozialstunden davon. Die leistete der damals 16-Jährige im Haslacher Jugendzentrum ab – und entdeckte die Faszination des Tanzens und des Breakdance für sich.

Mittlerweile ist Islam 21 Jahre alt und hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Er trägt Verantwortung – nicht nur für sich, sondern auch für seine Crew. Für alle, die ins Haslacher Jugendzentrum kommen. „Für manche bin ich ein guter Freund, für manche auch der große Bruder“, sagt Islam. Er will Unterstützung anbieten, bei allem, was seine Freunde bewegt. „Droht jemand von der Schule zu fliegen, dann gehe ich zum Rektor und unterhalte mich mit ihm. Hat jemand Probleme in der Familie oder mit Freunden, bin ich für ihn da.“

Vorgelebt hat ihm das Steve Müller, den Islam im Haslacher Jugendzentrum kennengelernt hat. „Er hat dafür gesorgt, dass wir im Jugi tanzen können, hat sich immer um alles gekümmert. Er hat mir Respekt vorgelebt, hat mir gezeigt, was hinter Peace, Love and Unity steht. Ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier.“ Steve ist mittlerweile nach Stuttgart umgezogen, dreht in seiner Freizeit Filme über die HipHop-Kultur unter dem Pseudonym Kaizenpictures. Gewissermaßen hat Islam seine Rolle übernommen. Er will nicht, dass die Jugendlichen die gleichen Fehler machen wie er. „Oberste Priorität ist, dass alle ihre Schule zu Ende machen. Ist jemand schlecht in der Schule, kriegt er bei mir Tanzverbot.“

Islam macht gerade ein Praktikum im St. Josefskrankenhaus, eine Ausbildung zum Krankenpfleger könnte er sich vorstellen. Irgendwann möchte er aber noch Sozialpädagogik studieren. Als ehrenamtlicher Tanzlehrer ist er neben dem Haslacher Jugendzentrum auch in Rieselfeld, Zähringen, Hochdorf und bei der Freiburger FT im Einsatz. Er will etwas zurückgeben, von dem er selbst profitiert hat.



 

Das Breakdance-Glossar


Battle:
Zwei Gruppen treten an, um gegeneinander zu tanzen. In abwechselnder Reihenfolge versuchen die Tänzer, durch die eigene Darbietung den Gegner zu übertrumpfen. Den tänzerischen Bewegungen sind keine Grenzen gesetzt – nur ein absichtliches Berühren des Gegners ist verboten.

Breakdance/B-Boying: Eine Tanzart, die als Teil der HipHop-Bewegung unter afroamerikanischen Jugendlichen in der New Yorker Bronx in den frühen 1970er Jahren entstanden ist. Getanzt wird zu HipHop, Rap-Musik oder Funk.

Top Rocking: Tanzen im StehenFootworks: Tanzen auf dem Boden

Freezes: Das Verharren in einer möglichst eindrucksvollen PositionPowermoves: Das Rotieren auf einer Körperstelle oder entlang der Körperachse

Locking: Wildes Gestikulieren, das dem Imitieren der Bewegungen von Marionetten- oder Comicfiguren nahe kommt

Popping: kurze und impulsive Bewegungen, die den Tänzer je nach Ausführung mechanisch erscheinen lassen

Legrider: Drehung um die eigene Achse auf einem Bein beziehungsweise Knie

Urban Dance im Jugendtreff Haslach

Das Jugi, der Kinder- und Jugendtreff Haslach in der Carl-Kistner-Straße 59, ist eine Einrichtung der offenen Kinder- und Jugendarbeit der Stadt Freiburg. Getanzt wird hier dienstags bis donnerstags, jeweils ab 18:15 Uhr. Dienstags findet oft ab 19:30 Uhr ein Jam statt. Das Training ist kostenlos; Anfängerinnen und Anfänger sind immer willkommen.

Die Jugendlichen organisieren einmal im Jahr - meist im Februar - den "Black Forest Battle", dessen Einnahmen sie komplett an das Projekt „HipHop for Hope“ spenden, das Straßenkindern auf den Philippinen eine bessere Zukunft ermöglichen soll.

Kontakt zum Jugi: 0761.494039; Website: Jugendtreff Haslach

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Foto-Galerie: Christoph Koch

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