Die Bio-Tanke: Oase der CO2-Neutralität

Joana Jäschke & Julika Herzog

An der Bio Tanke in Lörrach-Haagen gibt es weder Benzin noch Super: Hier kommt Rapsöl in den Tank. Bei Drasko Portic treffen sich witzige und skurrile Autofahrer, und zwar nicht immer nur zum tanken. Mit Godzilla, einem Fön auf drei Rädern und Pommesfett fährt man hier gegen die Klimakatastrophe an.



Sie ist wie ein Farbklecks mitten im Industriegebiet von Lörrach-Haagen: Die Bio Tanke in der Industriestraße. Auf der Preistafel neben dem kleinen blauen Häuschen leuchtet eine große orangefarbene Sonne, auf dem schrägen Dach ist eine Solaranlage angebracht, von innen strahlen die Wände in einem warmen Gelb.


Hier verkauft Drasko Portic seit vier Jahren Biodiesel und Pflanzenöl. Der kleine Mittdreißiger schmeißt Holzpellets in den Ofen und geht hinter seine Kasse. Pschhhhht. Pschhhhht. Er besprüht den Tresen mit Glasreiniger und reibt ihn mit einem Mikrofasertuch trocken, in der Ecke dudelt das Radio. An der Wand über ihm hängt ein Foto, das ihn gemeinsam mit Jürgen Trittin zeigt. Drasko freut sich über jeden, der den ehemaligen grünen Umweltminister erkennt.



„Meine Tankstelle ist umweltfreundlich. Biodiesel und Rapsöl sind ein Anfang im Kampf gegen den Klimawandel", sagt der Tankwart. Pflanzenöl ist ein natürlicher Rohstoff, der CO2-neutral verbrennt: Ein mit Rapsöl betriebener Motor stößt die gleiche Menge CO2 aus, wie die Pflanzen gespeichert hatten. Draskos kleine blaue Wellblechhütte ist eine Oase der CO2-Neutralität. Hier wird selbstbestimmt getankt, fern von den Preiskämpfen der Mineralöl-Konzerne.

Sie ist ein Ort für Idealisten.



Der Zusammenhalt zwischen Draskos Kunden ist geradezu familiär. „Ich rede noch mit meinen Kunden. Und hier tanken nur freundliche Leute.“

Einer davon ist Wolfram Reising (Bild unten). Der Psychotherapeut kommt heute, so wie alle sechs Wochen, um seinen Volvo vollzutanken. Drasko wirft seine Jacke über und macht sich an die Arbeit – heute ausnahmsweise mit Trichter und Ölkanister.

Wolfram Reising hat seinen Volvo Kombi vor einem Jahr gekauft und ließ den Diesel gleich zum Pflanzenöl-Auto umbauen. „Ich will meinen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, sagt der sympathische Psychotherapeut aus Steinen. „Bei der drohenden Klimakatastrophe kann ich einfach nicht untätig zuschauen.“



Viel hat sich seiner Meinung nach durch den Umbau nicht geändert: „Mein Volvo fährt sich immer noch wie ein ganz normales Auto – ich muss nur den Schalter umlegen, wenn ich von Diesel auf Pflanzenöl umschalten will.“ Das Auto startet mit normalem Diesel. Erst wenn der Motor warm ist, kann er das dickflüssigere Rapsöl verbrennen. Deswegen nutzt Wolfram Reising seinen Volvo nur für lange Strecken: Für kurze Wege steigt er in den Zug oder leiht sich einen kleineren Wagen beim Carsharing.

Fahren mit gutem Gewissen

2000 Euro hat die Umrüstung gekostet. Die Summe hat er gerne investiert: „ Ich fahre jetzt mit gutem Gewissen.“ „Und das kann man nicht bezahlen!“, schaltet sich Portic ein.  

Trotzdem kommen viele seiner Kunden aus Preisgründen, denn Pflanzenöl ist billiger als normaler Diesel. Im Sommer, wenn das Rapsöl durch die höheren Temperaturen dünnflüssiger ist, kann man auch ohne Umbau ein paar Liter in einen Diesel-Tank schütten, ohne dass der Motor streikt.

In den letzten vier Jahren ist der Preis für Pflanzenöl enorm gestiegen: Steuern und eine erhöhte Nachfrage haben ihn von 74 Cent auf heute 1,14 Euro klettern lassen. Drasko macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Tankstelle.

„Allein von Idealisten wie Herrn Reising kann ich nicht leben“ sagt er und besprüht zum zweiten Mal seinen Tresen mit Glasreiniger. Er wünscht sich natürlich, dass mehr Leute umweltfreundlich tanken, weiß aber, dass das umweltfreundliche Rapsöl das Benzin nicht ablösen wird. Die Anbauflächen reichen nicht, die Raps-Bauern könnten nie genügend Öl produzieren. Zudem könnten auf den Flächen auch Nahrungsmittel angebaut werden.

„Meine Biotankstelle ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein – eine Zwischenlösung um der Industrie zu zeigen, dass etwas getan werden muss“

Die Alternative zur Alternative

Seine ganz eigene Zwischenlösung hat Olivier Dupont gefunden. Der gebürtige Franzose muss mit seinem Auto, einem weißen Nissan Primera, nur selten bei Drasko tanken, er hat sein Krafstofflager im Gartenhäuschen.



Von Hightech ist in seinem Gartenlabor keine Spur: alte Kanister, leere Plastikflaschen und zerrissene Kartons wild durcheinander – es ist ein einziges Chaos. Den Franzosen stört das nicht. Er macht sich Platz im Gerümpel und schaut selig lächelnd in eine große blaue Regentonne, in der sein Schatz lagert.

Das Auto von Olivier Dupont fährt mit dem alternativsten Treibstoff überhaupt: Mit altem Frittier-Öl. Seine Tankstelle ist die Pizzeria ums Eck. Immer wenn dort das Fett-Fass überläuft, bekommt er einen Anruf und kann seinen Rohstoff abholen. Das erspart dem Wirt die Entsorgung und Olivier den Besuch bei Drasko. Danach bringt er sein Frittenöl in die eigene Raffinerie: ein versifftes Betttuch, mit einem Gürtel über die blaue Regentonne gespannt. Einmal oben reingeschüttet, filtriert das Frittenöl durch das Betttuch. „Eine Tankfüllung kostet mich nichts außer der Arbeit.“ Das Gartenhäuschen riecht nach ranzigem Fett und alten Schnitzeln. Der Boden klebt, der ganze Raum ist von einer schmierigen Fettschicht überzogen. "Jetzt im Winter ist das Zeug zäh wie Honig, da dauert’s ganz schön lange, aber im Sommer schaffe ich fast 20 Liter am Tag!" Er bückt sich und öffnet den Hahn, eine bernsteinfarbene Flüssigkeit läuft in einen speckigen Kanister. „Damit komme ich jetzt 250 Kilometer weit.“



Selbst in den Urlaub fährt Olivier mit Frittenöl: Im vergangenen Sommer ging es an die Cote d'Azur – mit acht Kanistern Öl im Gepäck. „Damals habe ich noch viel Öl bekommen. Aber auch meine Ölquellen versiegen langsam.“
Immer mehr Restaurants haben erkannt, dass selbst mit ranzigem Fett noch Geld zu machen ist. Deswegen wird Olivier in Zukunft wohl öfter bei Drasko vorbeischauen müssen.

Godzilla und der Fön

Auf dessen Hof rollt in diesem Moment Clemens Sodeik mit einer anderen möglichen Lösung des Kraftstoffproblems: Ein kleines rotes Elektroauto auf drei Rädern, das summt wie ein alterschwacher Fön. Die seitlich angebrachten runden Scheinwerfer verpassen dem Gefährt ein freundliches Gesicht. Clemens, ein Freund von Drasko, ist nicht zum Öltanken hier: Sein Kraftstoff muss nicht angebaut werden. Der Solaringenieur hat die Sonne im Tank.



Der Strom für sein Auto kommt von seiner eigenen Solar-Tankstelle, einer Solaranlage, die er auf das Dach eines Bretterverschlages in seinem Hof geschraubt hat. Zum Tanken steckt er einfach einen Stecker in eine Steckdose.

Sein Elektroauto nutzt der jungenhafte Clemens täglich für den Weg zur Arbeit und kleinere Einkäufe. Wenn er durch Lörrach und Umgebung fährt, bleiben die Leute stehen und lachen und winken. Danach muss das rote Ei, wie er es liebevoll nennt, wieder an die Steckdose. „Mehr als 80 Kilometer ist pro Sonnentankfüllung nicht drin, für den Urlaub brauche ich schon den Godzilla“. Godzilla, das ist Clemens Land Rover Defender, ein Riesenbiest im Safari-Look, das natürlich mit Pflanzenöl fährt.



Clemens nimmt sich eine Bionade aus dem Regal und nimmt einen großen Schluck. „Alle sind von moderner Technik begeistert, den neuesten Flachbildfernseher will jeder haben. Eine moderne, energiesparende Heizung findet aber niemand geil. Genauso ist das auch bei Ökoautos.“ Früher hat Clemens in einer Mineralölfirma Autos entworfen. Dort landeten seine innovativen Ideen oft in der Schublade; heute baut er Solaranlagen. An seinen Autos tüftelt er nur noch in der Freizeit herum. Die Lösung für das Kraftstoffproblem hat er schon im Kopf: „Aus unserem Firmen-Bus mache ich ein besonderes Hybrid-Fahrzeug, das nicht mit Benzin und Batterie, sondern mit Rapsöl und Solarstrom fährt.“ Der Solarstrom soll von einer Solaranlage auf dem Autodach kommen. Clemens versteht nicht, warum es solche Autos noch nicht gibt. Rein technisch könnte man sie schon bauen.

Er stellt die Bionade ab und schüttelt den Kopf. „Wir können Roboter zum Mars und Menschen auf den Mond schießen. Wir können alles. Aber einen dämlichen Motor mit Sonnenenergie und Pflanzenöl laufen lassen, das soll nicht gehen, will uns  die Industrie weismachen.“ Er will beweisen, dass es eben doch geht, auch ein Einzelner etwas verändern kann. Er freut sich, unabhängig von fossilen Brennstoffen mobil zu sein. „Und ich will den Ölkonzernen nicht mein Geld in den Rachen schmeißen.“ Sodeik zahlt, setzt seine Sonnenbrille auf und schmeißt den Fön an.