Die Beziehungsweise

Johanna Schoener

Irgendwann gibt es diesen Punkt, den man bisher nie erlebt hat, weil das Verfallsdatum vergangener Beziehungen auf höchstens zwei Jahre begrenzt war. Die erste Verliebtheitsphase ist lange vorbei, aber irgendwie hat man es geschafft, die flatterhaften Schmetterlinge in ein beständigeres, dauerhafteres Gefühl umzuwandeln, das den Bauch vielleicht nicht mit Kribbeln, aber mit Wärme füllt. Von hier an sind wir blind?



Schlüsselerlebnis Southside vor einer Woche. Drei Zelte im Dreieck, drei Pärchen. Vor drei Jahren waren wir partnerlos dort, sind über die vermüllten Wiesen geturnt, haben das Partyzelt gerockt und uns in die Gitarristen der Bands verliebt.


Nicht jeder von uns hat inzwischen einen Gitarristen gefunden, aber dafür jemanden, der mit uns nicht nur das Zelt, sondern auch den Schlafsack teilt. Jemanden, der bei Mando Diao zwar mitgröhlt “Well I don´t wanna hang around with you”, aber liebend gerne mit uns abhängt und das schon eine ganze Weile.

Jemanden, der bei Element of Crime hinter uns steht und zusammen mit Sven Regeners rauchig melancholischen Stimme bekennt: “Ich werd niemals so rein und so dumm sein wie weißes Papier” nach dieser Beziehung. Jemanden, der uns bei Wir sind Helden auf die Schultern nimmt und mit uns im Chor singt: Ich weiß nicht weiter, ich weiß nicht, wo wir sind, ich weiß nicht weiter, von hier an blind!

Wir sehen uns um und stellen fest, dass sich mit unserer Beziehung auch unser Umfeld verändert hat. Plötzlich sind unsere Freunde in der Mehrzahl in festen Partnerschaften. Im Kalender steht für den Herbst der Hochzeitstermin der besten Freundin. Um die selbe Zeit erwartet die Ex-Freundin des Partners ihr erstes Kind. Beim Grillen abends gibt es plötzlich zwar acht Personen, aber nur vier Salate von vier Pärchen. Wenn die Eltern anrufen, fragen sie, wann wir beide mal wieder nach Hause kommen und beim Abschied sagen die Freundinnen “Grüß deinen Schatz.”

Da kann man es schonmal mit der Angst kriegen. Zumal das Wort “Schatz” als Daueranrede aus dem Wortschatz einer Beziehungskommunikation gestrichen gehört. Nur wenn der Partner den Vornamen noch kennt, kann man sich auch noch als eigenständige Person fühlen. Und das ist es, was wir wollen. Wir wollen Zweisamkeit und Eigenständigkeit. Wir wollen am Samstag mit den Freundinnen um die Häuser ziehen und am Sonntag während der Tatortmelodie die Lasagne aus dem Ofen holen und mit dem Liebsten wetten, wer der Mörder ist. Wir wollen, dass die Außenwelt versteht, dass wir zwar ein Team, aber deswegen noch lange keine symbiotischen Couchpotatoes sind. In einem Atemzug soll unser Name auch noch alleine genannt werden und das alles ist, wenn man sich auf die drei-Jahres-Grenze zubewegt, verdammt schwer.

Dazu kommen die skeptischen Blicke der wenigen verbliebenen Single-Freunde. "Ihr wirkt immer so harmonisch, ist bei euch wirklich alles ok? Streitet ihr euch auch mal? Streit ist superwichtig in einer Beziehung."; Mag sein, aber so richtig geknallt hat es eben noch nicht. Und lasst es euch gesagt sein, ihr überzeugten Einzelkämpfer und ewig Suchende: Es ist ja nicht so, dass wir euch nie beneiden würden. Wir würden uns auch gern mal wieder nach einer kurzen Nacht auf nüchternen Magen eine Zigarette anstecken, ohne einen vorwurfsvollen Blick zu ernten. Wir möchten uns für ein Praktikum in Buxtehude bewerben können, ohne uns vor horrenden Bahnticketpreisen zu fürchten. Manchmal würden wir auch gern hemmungslos flirten oder einfach den Reiserucksack packen und für ein paar Monate nach Südamerika verduften.

Aber sobald man mal eine Woche ohne den anderen ist, schleicht sich nach anfänglichem Freiheitsgefühl die Sehnsucht wieder ein. Man ertappt sich dabei, zum dritten Mal den kleinen gelben Zettel mit dem hingekritzelten Abschied zu lesen und dabei, wie man sinnlos durchs Fernsehprogramm zappt, da man das alleine Einschlafen tatsächlich glaubt, verlernt zu haben.

Wie können wir die Pole zwischen denen wir uns als Teil eines Paares bewegen - zwischen Nähe und Distanz, zwischen Liebe und Seinlassen, zwischen Abhängigkeit und Freiheit - vereinbaren?

Das fragt sich auch Jochen Mariss in seinem Gedicht "Beziehungsweise":

Ist es denn nicht möglich,/ sich täglich nahe zu sein. / ohne alltäglich zu werden - / voneinander entfernt zu sein,/ ohne sich zu verlieren??/ Beziehungsweise/ sich maßlos zu lieben,/ ohne sich lieblos zu maßregeln - /einander gewähren zu lassen./ ohne die Gewähr zu verlieren??/ Beziehungsweise/ einander sicher zu sein,/ ohne sich abhängig zu machen - / einander Freiheit zu gewähren,/ ohne sich unsicher zu werden??/ Beziehungsweise?

Wenn es uns gelingt, so eine Beziehungsweise möglich zu machen, macht es nichts mehr, dass wir von hieran blind sind, denn wir wissen auch: weiter war ich noch nie, war ich noch nie!