Die Angst um den Job

David Weigend

Junge Menschen haben nicht mehr die gleichen Ängste wie vor 20 Jahren: heute fürchten sie sich vor allem davor, die Arbeit zu verlieren oder keine Anstellung mehr zu bekommen. Wie schwer dies das Seelenleben belastet, darüber haben wir mit Uli Frick gesprochen. Er ist 59 und Chefarzt der Abteilung Psychotherapie am Zentrum für Psychiatrie Emmendingen.



Herr Frick, mit Angststörungen Ihrer Patienten hatten Sie auch vor der Wirtschaftskrise schon zu tun. Registrieren Sie dennoch eine Veränderung oder eine Zunahme hinsichtlich berufsbedingter Ängste bei jungen Menschen?

Wir merken, dass die Angststörungen sich anpassen an das, was sich gesellschaftspolitisch gerade entwickelt. Bei den Ängsten von jungen Erwachsenen geht es heute um schwierige Fragen: wie finde ich in meinem Leben einen Stand, der mir entspricht? Wie kann ich mich beruflich verwirklichen, die Dinge anwenden, die ich gelernt habe? Und wie kann ich auf diese Art mein Leben absichern? Das gilt auch in Hinblick auf Familiengründung und Partnerschaft. All das will man ja planen können.

Wie würden Sie denn unsere gesellschaftliche Situation definieren?

Mir scheint es, dass wir in einer Umbruchsituation sind. Ein Umbruch, der sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht. So gibt es etwa nicht mehr die traditionellen Berufsbilder unserer Elterngeneration: Man übt den Beruf, den man gelernt hat, viele Jahre lang aus. Das gibt es heute kaum mehr. Wir sind in einer Zeit, in der sich wirtschaftliche Strukturen schnell ändern. Ganze Gewerbezweige brechen zusammen, viele Menschen verlieren ihre Beschäftigung. Leute mit guten Ausbildungen, Leute, die wendig sind und engagiert. All das nützt ihnen nichts mehr.



Manchem, der heute 30 ist, wurde in den vergangenen Jahren suggeriert: "Du lebst in einer schnelllebigen Zeit mit vielen Veränderungen. Aber diese Dynamik ist positiv! Du kannst dich immer verändern, weiterentwickeln, den Job wechseln. Du bist beruflich nicht mehr so festgelegt wie noch deine Eltern.“

Auch dieses Modell hat seine Gültigkeit verloren. Es gibt kaum mehr Möglichkeiten, in andere Branchen zu wechseln. Der Sprung, der zu einer anderen Tätigkeit verhelfen soll, führt oftmals ins Leere. Man kann sich auch immer seltener Rat holen bei Freunden und Bekannten und schauen, wie sie es gemacht haben im Beruf. Es gibt keine Patentrezepte mehr.



Auf welche Sicherheiten kann man sich überhaupt noch verlassen im Berufsleben? Selbst ein unbefristeter Arbeitsvertrag scheint heute weitaus weniger wert zu sein als noch vor drei Jahren.

Ja, und der Wegfall von Sicherheiten bezieht sich auch auf die Psyche. Man kann sich nicht mehr auf sein eigenes Können stützen. Wenn Sie etwas gelernt haben, bei dem Sie sagen: „Ich kann das gut oder besser als alle anderen“, das nützt Ihnen heute möglicherweise gar nichts mehr. Und es führt wiederum dazu, dass man im Berufsleben quasi zur Mobilität gezwungen wird. Eine Familie, die notgedrungen dauernd ihren Wohnort wechseln muss, bietet den eigenen Kindern ein eher unsicheres Fundament.

Sie sprechen von wegbrechenden Sicherheiten. Welche Beobachtungen machen Sie diesbezüglich bei Ihren Patienten? Etwa bei einem, der sich bemüht, nach einem Jobverlust wieder Arbeit zu finden?

Oft sieht man, dass der erste Versuch, den jemand unternimmt, darin besteht, seine ganze Kraft einzusetzen, um seine Lage zu verbessern und die Zukunft zu sichern.



Klingt legitim.

Dies führt jedoch oft dazu, dass der Patient sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Er verausgabt sich kräftemäßig. Er beutet sich aus, gönnt sich keinen Ausgleich mehr. Körperlich findet keine Erholung mehr statt. Der Patient vernachlässigt seine Freundschaften, liest keine Bücher mehr über Dinge, die der Erbauung dienen oder dem geistigen Wachstum.

Was beobachten Sie sonst noch?

Menschen lassen sich unter Wert anstellen, um überhaupt noch irgendwo dabei zu sein. Junge Leute hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, ohne in eine bezahlte Tätigkeit hineinzufinden – obwohl ihnen das durch eine abgeschlossene Ausbildung zustehen würde. Das fördert Unruhe und Unsicherheit. Man kommt einfach nicht an den Punkt, an dem man sagen kann: „Jetzt kann ich mal wieder Luft schnappen und ruhig schlafen!“ Denn man hat den sicheren Boden nicht erreicht. Und man erreicht ihn auch nicht über Jahre hinweg.



Klar, dass es dann schwerfällt, bei Bewerbungsgesprächen einen selbstbewussten Eindruck zu machen.

Der Selbstwert leidet natürlich, wenn ich mich so sehr angestrengt, gekämpft und unterm Strich nichts erreicht habe. Schauen Sie, da hat jemand viele Jahre lang Fleiß in seine Ausbildung investiert und macht dann die Erfahrung, dass er für diesen Beruf gar nicht gebraucht wird. Er sieht nur: Die wenigen freien Plätze werden an andere vergeben. „Du warst nicht gut genug!“, das ist die Botschaft. Bei solchen Erfahrungen dauert es nicht lange, bis man sich gar nicht mehr zutraut, etwas anderes zu beginnen.

Und dann?

Das führt zu Rückzug, zu Vorsicht, zu Ängstlichkeit. Man hat Angst davor, Ablehnung, vielleicht sogar Verachtung zu erfahren. Wenn Sie auf eine Bewerbung hin mehrere Absagen bekommen, fördert das negative Prozesse im Innenleben. Diese Prozesse können sich auch verselbständigen: dass man ein schlechtes Ergebnis innerlich vorwegnimmt, dass man die Beschämung nicht mehr wegbekommt, die eine Absage ausgelöst hat.



Enttäuschung über eine missglückte Bewerbung ist doch nachvollziehbar.

Ja, aber wenn sich diese negativen Gefühle festsetzen, dann kann man davon regelrecht krank werden. Man fühlt sich körperlich zerschlagen, müde und bewegungsunfähig.

Welche Anzeichen gibt es noch, die darauf hinweisen, dass man von der Sorge um sein Berufsleben erdrückt wird?

Wenn man gar keine Zeiträume mehr hat, in denen man sich mal entspannter fühlt. Wenn man es nicht mehr schafft, sich einer anderen Sache zuzuwenden, mit einem Freund über ganz andere Dinge zu reden. Wenn man es nicht fertigbringt, mal mit einem Kind zu spielen, in ein Konzert zu gehen und die Musik zu genießen. Wenn all das nicht mehr möglich ist und das Leben nur noch aus Angst, Depression und Schlaflosigkeit besteht, sollte man sich Hilfe suchen.

Haben Sie Kinder?

Ja, eine 14-jährige Tochter und einen 18-jährigen Sohn.



Sind Sie besorgt um die berufliche Zukunft der beiden?

Meine Kinder sind begabt, aufgeweckte Jugendliche. Aber ich weiß, dass ihnen die Berufswelt nicht entgegenkommt. Sie werden schauen müssen: wo kann ein Weg sein, der zu einem Einstieg führt? Diese Einstiege sind eng. Meine Kinder werden in Bewegung bleiben und sich stets weiter umschauen müssen. Das ist nun mal gerade die Situation für junge Menschen in der Arbeitswelt.

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